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Full text of "Die heraklitischen Briefe: Ein Beitrag zur Philosophischen und religionsgeschichtlichen Literatur"

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DIE 



HERAKLITISCHEN BRIEFE. 



EIN BEITRAG ZUR PHILOSOPHISCHEN 
UND RELIGIONSGESCHIGHTUCHEN LITTERAT ÜR 



VON 



JACOB BERNAYS. 



^Berlin 1869. 

Verlag von VV i 1 h ß 1 m Hertz. 

(ll«fft»4>rB('br nurliliAKiJIunK. / 
London; WilUami und Nurfat«. « 



DIE 



HERMLITISCHEN BRIEFE. 

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EIN BEITRAG ZUR PHILOSOPHISCHEN* 

I 

UND RELIGIONSGESCHICHTUCHEN LITTERATUR 



VON 



JACOB BERNAYS. 



Berlin 1869. 

Verlag von Wilholiu Hertz. 

(ilcMiiTMf'br IlMf iiluiftJlun^. } 
London: WilUami und Xurcat«. ^ 



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Seitdem die ungeschickten Lobsprüclie des in den schönen 
Wissenschaften tändelnden .Diplomaten Sir William Teraple den 
gelehrten Scharfsinn Richard Bentleys gegen die Phalarisbriefe 
aufgereizt hatten, ist die gesammte erdichtete Brieflitteratur der 
späteren Griechen einem bis auf den lieutigen Tag nicht gelösten 
philologischen Bann verfallen. Die grosse Sammlung, welche im 
Jahr 1499 der ältere Aldus von jenen rhetorischen üebungs- und 
Kunststücken zu einer Zeit anlegte, als dem humanistischen Ge- 
schmack die Rhetorik Ersatz für den Mangel geschichtlicher 
Wahrheit bot, ist jetzt wegen ihrer Seltenheit fast unzugänglich 
geworden; nur bis in die ersten Jahrzehende des siebzehnten 
Jahrhunderts tauchen in längeren Zwischenräumen innerlich und 
äusserlich verschlechterte Abdrücke derselben auf; Johann Con- 
rad Orelli's im Jahr 1815, also während der höchsten Blüthe 
philologischer Studien in Deutschland, begonnenes Unternehmen 
einer neuen, möglichst erschöpfenden Ausgabe aller vorhandenen 
Briefe ist nicht über, den ei*sten Band hinausgelangt; und in 
allerjüngster Zeit sah Anton Westermann sich veranlasst, für 
seine Arbeiten über einige dieser Briefreihen den von den herrschen- 
den Neigungen unabhängigen bequemen Versteck der üniversitäts- 
programme zu wählen. Selbst dann erwärmte sich die philolo- 
gische Theilnahme für die einmal in die Acht erklärten Schrift- 
stücke noch nicht, als auf dem Gebiete der immer näher mit der 

1 



Philologie sich verbündenden historischen Theologie die unter- 
geschobenen Bücher zu vorwiegender Bedeutung gelangten und 
die kritische Forschung aus ihnen einen Gährungsstoif zog , wel- 
cher nach und nach alle theologischen Disciplinen durchsäuert 
hat Freilich, auf so weittragende Ergebnisse, wie sie der kri- 
tische Theologe durch Ausnutzung der Pseudepigrapha emclt, 
wird der Philologe nie rechnen dürfen; schon aus dem Grunde 
nicht, weil bei allen die Theologie berührenden Schriften dieser 
Gattung die Voraussetzung von vom herein geboten ist, dass immer 
einer bestimmten Tendenz, sei es dogmatischer oder kirchenrecht- 
licher oder erbaulicher Art, durch Erborgung des berühmten . 
alten Namens Eingang verschafft werden sollte; der Philologe 
hingegen hat bei den seinem Bereiche angehörenden Schriften mit 
falschem Titel sich vor keinem Irrthum sorgfältiger zu hüten als 
vor dem Wittern einer Absicht in. der kunstfertigen Spielerei des 
ausgebildeten oder in der schülerhaften Probearbeit des angehen- 
den Rhetors. Nu^ in seltenen Fällen gelingt der Nachweis, dass 
auch antike Pamphletisten bei ihrer politischen Schriftstellerei 
die verschiedenen persönlichen oder sachlichen Formen der lit- 
terarischen Verkleidung anwendeten, wie Anaximenes sein gegen 
Athen, Sparta und Theben gerichtetes 'dreiköpfiges Ungeheuer 
(Tqi'Aotqavogf dem Geschichtschreiber Theopompos aufbürdete, wie 
ein römischer Bhetor, dessen Zeit noch immer unbestimmt ist, 
seine politischen Einfalle in Denkschriften des Sallustius an Gaius 
Julius Cäsar niederlegte, wie endlich, nach Mommsens Ent- 
deckung, ein wirklicher Zeitgenosse Cäsars durch Rückspiegelung 
der cäsarianischen Ereignisse in die Scipionenzeit den arglosen Liyiu^ 
irreleitete. Dass femer niedrige Gewinnsucht zu fabrikmässiger 
Anfertigung von Briefen und Werken beiUhmter Männer und 
Frauen auch im späteren Alterthum geführt hat, würde zwar 
jeder Verständige glauben, selbst wenn die deutlichen Zeugnisse 
dafür nicht vorlägen, und unmöglich ist es ja nicht, dass manche 
der auf uns gekommenen falschen Briefe unvorsichtigen Biblio- 
thekaren und begierigen Privatsammlem in Alexandria oder Rom 
Tausende von Drachmen oder, Denaren gekostet haben; aber da 



3 



gewinnsüchtige Absicht des Producenten für das Verstandniss des 
Products unwesentlich ist, so fällt die vielleicht nicht geringe 
Zahl mercaiitiler Fälschungen in jedem kritischen Betracht zu- 
sammen mit der bei weitem zahlreichsten Klasse von Erdichtun- 
gen, welche ihr Dasein lediglich den Launen und Nöthen des 
rhetorischen Schulzimmei*s oder dem absichtslosen Triebe einer 
mit den Lieblingsautoren wetteifernden Nachahmung verdanken, 
zu welcher gerade die empfanglichsten und gereiftesten Leser, 
wie Synesios' BeispieP) zeigt, leicht sich verlocken liessen. Jedoch 
aus dem Anerkenntniss des rhetorischen oder mimetischen An- 
lasses folgt noch keineswegs, dass der Werth oder Unwerth aller 
so entstandenen^ Schriften ausschliesslich nach der sprachlichen 
und formalen Seite abgeschätzt, ihr Inhalt hingegen von dem 
historischen und litterärischen Forscher als nicht vorhanden an- 
gesehen werden müsse. Wenn der Versuch aus Spreu Brod zu 
bereiten, wie er jüngst (s. Rhein. Mus. 17, 202) an den Themisto- 
kleischen Briefen angestellt wurde, nur Bedauem erwecken kann, 
so ist es doch andererseits gewiss nicht zu loben, wenn aus Un- 
lust an der Mühe des Sichtens mit der Spreu auch Körner, mö- 
gen deren noch so wenige sein, weggefegt werden. Auf vielen 
Gebieten der griechischen Litteratur sind wir so arm geworden, 
dass selbst eine für den kleinen Gewinn unverhältnissmässig gross 
scheinende Arbeit nicht gescheut werden darf. Und wenigstens 
die Möglichkeit, aus den erdichteten Briefen einen Zuwachs un- 
serer Kunde zu gewinnen, kann überall da vorausgesetzt werden, 
wo die für uns verlorenen echten Werke des nachgebildeten 
Autors dem briefstelleroden Rhetor noch zu Gebot standen. Der 
alkiphronische Briefwechsel Menanders mit Glykera würde, wenn 
wir uns noch der Werke des grossen attischen Sittenmalers er- 
freuten, kaum in sonst unbrauchbaren Stunden einer flüchtigen 
Durchsicht gewürdigt wei^den; da jedoch, wie wenigstens Deme- 
trios Ghalkondylas seinen itaUenischen Gönnern erzählte'), der 
seelsorgerischen Aengstlichkeit byzantinischer Hoftheologen die me- 
nandrischen Lustspiele nebst anderen ungeistlichen griechischen 
Dichtungen zum Opfer gefallen sind, so war es nicht mehr als 



billig, (lass Meineke dem augenscheinlich nach fruchtbarem Stu- 
dium des Originals entworfenen alkiphronischen Charakterbild 
einen urkundlichen Werth beigelegt, es der meuandrischen Frag- 
mentensanimlung angereiht und jeden darin enthaltenen Finger- 
zeig sorgsam benutzt hat. Zu ähnlicher Verwerthuug empfehlen 
sich wohl zunächst die in vorbyzantinischer Zeit denjenigen 
griechischen Philosophen augedichteten Briefe, deren Werke uns 
entzogen aber nachweislich bis tief in die Jahrhunderte der christ- 
lichen Zeitrechnung gelesen worden sind. Dieses jede Hoffnung 
auf sicheren Ertrag der Foi-schung bedingende chronologische 
Verhältniss gilt nun in vollstem Maasse für das Originalwerk des 
Ephesiei-s Herakleitos und die ihm beigelegten Briefe. Nicht 
nur die vielen Anführungen bei dem Alexandriner Clemens setzen 
es ausser Zweifel, dass das echte heraklitische Werk, mit oder 
ohne Commentare, von den gelehrten Christen, welche in dem 
Ephesier wegen seiner Bekämpfung Vles hellenischen Götterdienstes 
eineu Gesinnungsverwandten ehrten, um die Mitte des zweiten 
Jahrhunderts eifrig gelesen wurde; sondern die unlängst aufge- 
fundene Widerlegung der Häresien, welche jetzt von den Kundi- 
gen wohl einstimmig für eine Arbeit des Hippolytos gehalten wird, 
hat auch darüber unterrichtet, dass noch zu Anfang des dritten 
Jahrlumderts die Bekämpfer der. nicht lange vorher entstandenen 
noetianischen Sekte in der Lage waren, den urkundlichen Beweis 
eines nicht evangelischen, sondern heraklitischen Ursprungs der 
noetianischen Dogmen durch gehäufte Mittheilungen heraklitischer 
Aussprüche zu versuchen (s. Rhein. Mus. 9, 241). Und von den 
clmstlichen Kreisen abgesehen, muss schon der offen anerkannte 
Zusammenhang, welcher die Stoiker mit Heraklit als ihrem Weg- 
weiser in der Physik und mit desseji Werk als dem Textbuch so 
vieler kanonisch gewordener stoischer Commentare unauflöslich 
verband, vor jeder Annahme warnen, welche den Untergang des 
heraklitischen Werks früher als das gänzliche Erlöschen der 
stoischen Schule, also geraume Zeit nach den Antoninen, ansetzen 
wollte. Was hinwider die Entstehungszeit der erdichteten Briefe 
anlangt, so ist für den Briefwechsel mit Dareios eine vorläufig 



ausreichende Grenze gegeben durch die vollständige Aufnahme 
desselben in Diogenes' Laertius' Lebensbeschreibung des Heraklit; 
und bei den Briefen an Hermodoros und Amphidamas muss, schon 
vor der Durchforschung der vielleicht noch bestimmtere chrono- 
logische Anzeichen darbietenden Einzelheiten , die allgemeine 
stilistische Evidenz jeden Unbefangenen tiberzeugen, dass sie, 
trotz aller ihrer Mängel, doch noch zur Zeit einer lebendigen 
Handhabung der griechischen Sprache und Darstellung8^Yeise lange 
vor dem Einbrechen byzantinischer Sprachverknöcherung und Ge- 
dankendüiTe abgefasst sind. Das chronologische Verhältniss ge- 
stattet also die Hoffnung, dass fftr den Erforscher der herakliti- 
schen Philosophie die Briefe . sich nicht ganz werthlos ei-weisen 
dürften ; und' ausserdem eröffnen die eben berührten Beziehungen 
kirchlicher und häretischer Kreise zu der heraklitischen Lehre 
einige Aussicht, dass auch eine über die blos spielende Nachbil- 
dung hinausgehende Absicht bei manchen Stücken der Sammlung 
obgewaltet habe. In doppelter Hinsicht fühlt man sich daher zu 
eingehender Priifung aufgefordert; und wenn Schleiermacher*), 
dem die meisten der dargelegten Thatsachcn bekannt sein konn- 
ten und wohl auch bekannt waren, dennoch auf jede emstere 
Untersuchung der Briefe verzichtet und nur Einmal in einem be- 
sondere schlagenden Falle (S. 358) auf die Uebereinstimmung 
einer- 'vielleicht nicht unglücklich nachgeahmten' Briefstelle mit 
einem heutzutage aus Plutarchs Worten herauszusdiälenden he- 
raklitischen Fragment kurz hingedeutet hat, so wird diese Zurück- 
haltung hinlänglich erklärt und entschuldigt durch den Gesammt- 
plan seiner Arbeit, welche unter giundsätzlicher Ausschliessung 
alles erst der Bewährung bedürftigen Materials nur die gegen 



*) 'Herakleitos der Dunkle von Ephesos' im Museum der Alter- 
thums Wissenschaft von Wolf und Buttmann I, 305— 533: Werke 3. 
Abtheilung« 2. Band 1 — 146. Ich citire nach den Seitenzahlen 
des Museums, welche in der Sammlung der Werke am Rande 
vermerkt sind. 



jede Anfechtung von vom herein gesicherten Bruchstücke als 
feste Grundlage für weitere Bemühungen darbieten sollte. P^twas 
häuüger als Schleiermacher hat Ferdinand L assalle*) die 
Briefe für seine Darstellung der heraklitischen Philosophie nutz- 
bar zu machen gesucht; aber da geistige Behendigkeit und reger 
Sammeliieiss , welche Eigenschaften diesem Schriftsteller nicht 
abzusprechen sind, noch nicht zur Lösung philologischer Aufgaben 
befälligen , so hat er eine zusammenhängende Würdigung der 
heraklitischen Briefe weder für sich selbst unternehmen noch sei- 
nen Leseiii vorlegen können; er begnügt sich mit gelegentlicher 
Anführung von etwa sechs Stellen, und auch in diesen sieht er 
sich bei seiner überaus mangelhaften sprachlichen und kritischen 
Bildung genöthigt, eintretende Schwierigkeiten durch naive 6e- 
waltthaten der deutschen Uebersetzung zu überwinden oder ihnen 
durch noch naiveres Auslassen der, unbequemen griechischen Wör- 
ter aus dem Wege zu gelien (s. Anm. 12 g. E.)* lu allen den 
sachlichen Inhalt der Briefe betreffenden Fragen kann daher der 
folgende Versuch auf keine nennenswerthe Vorarbeit sich stützen ; 
um so erwünschter ist es, dass Westermann die kritische Fest- 
stellung des Textes erleichtert hat durch seinen vornehmlich 
auf eine Heidelberger (Palatin. 132) und eine Pariser (Mazarin. 
611a) Handschrift fussenden Sonderabdruck **). Derselbe liegt der 
hiesigen Behandlung des griechischen Wortlauts zu Grunde, wel- 
cher, begleitet von einer vielleicht zur bequemeren Üeber^cht . 
dienlichen deutschen Uebertra^ung , der Besprechung der einzel- 
nen Briefe vorangeschickt wird. 



*) *l>io Philosophie Herakleitos des Dunklen von Ephesos'. Berlin 
1858. 2 Bde. 

**) Heraditi epistolae quae feruntur . . . dentM recensiUu edidü An- 
tonius Westermann, Lipsiae 1857. 16 SS. 4. 



i 



I. 



König Dareios entbietet dem weisen Manne ^Heraklöi tos, Bürger Erster 

und zwcitfr 

von Ephesos, Folgendes: Du hast Reden über die Natur sohriftlicli Briet, 
niedergelegt, die schwer zu begreifen und zu erklären sind. Wie sie 
mir genau nach deinen Worten vordoUmetscht wurden, scheinen sie mir 
in einigen Theilen eine Fähigkeit zu wissenschaftlicher Betrachtung 
der Ordnung des gesammten Alls und der aus ihr sich ergebenden, 
in der göttlichsten Bewegung beruhenden Folgen mitzutheUen, bei 
dem Meisten jedoch bleibt man ungewiss, so dass auch die tiefer in 
das hellenische Sclu*iftthum Eingeweihten und die Uebrigen, welche 
sich der Beobachtung und Erforschung der Naturerscheinungen wid- 
men, der von dir muthmasslich in richtiger Einsicht niedergeschrie- 
benen Auseinandersetzutig rathlos gegenüber stehen. König Daroios, 
des Hystaspes Sohn, wünscht also deines Vortrags und mündlichen 

I. 

ßaai?^vg Jageiog ^HQmdeiTov ^Eq>iaiov aotpov avdga fCQoa- 
ayoQBvei' Karaßißkrjoai Xoyov yQamov negl q>va£(og övavorjfüov 
T€ Tuxl öüae^TjYrjzov" IV ziai /tiiv ovv eQfirjvevofUVog xavä ?J^iv 
arjv doxel fioi dvyafiiv riva jtqoaiptQia&at d-etoQiag xoafiov 
5 Tov* av/nTtavzog yud rcSv and xovxov ovfißaLVOvruv, OTteg 
iariv iv d-EioToccrj xelfiejux xivf^ei^ xüv de rckeiavtov STtoxtjv 
ex^Lv {ftqog ^tjxrjoiv xat fiad-r^aiv), aiare Tuxi Tovg hti nXeiov 
fieteax^^ozag ygafifiarcov klXtjviy^wv xai xovg aXXovg rovg 
äaxoXovfiivovg neql rfjV ziav fiezetiQOJv nQoaox^jv xai qulo- 
10 fia&eiav djtoQalad-ai z^g iv oQd^y yvwfifj naga aov öonovatjg 
'Mtvay€yQaq>ihxv diyffriaaiag* ßaoikevg ovv Jagelog ^YazacTtov 
ßovXszai a^g cncQoaaeiog fievalaßelv nuxi rtcudeiag Xoytxijg. 



Ich verzeichne hier die Abweichungen des Westermannschen Textes: 
7 nliZOTov I 10 erof 



hnttr Uuterrichts zu geniessen. Verfuge dich daher schleunig in meine 
Brief. Gegenwart und in ^ein königliches Haus. Denn die Griechen, welche 
meist die Zierde wissenschaftlicher Männer enthehren, pflegen die 
schöne Anleitung derselben zu schöner Fühlung und Lebensein- 
richtung gering zu schätzen. Bei mir jedoch darfst du auf jeglichen . 
Vorrang rechnen, auf eine täglich sich gleich ])leibende gnädige und 
aufrichtige Begrüssung und auf eine deinen Ermahnungen entgegen- 
kommende Lebensweise. 

II. 

Herakleitos begrüsst den König Dareios, den Sohn des Hystaspes. 

Alle übrigen Erdbewohner, wie sie nun einmal sind, haben zwar der 

Wahrheit und gerechtem Wandel abgesagt und hangen der Unmässig- 

keit und eitlem Ruhme nach, von wegen ihrer schlimmen Unvernunft. 

Ich aber, der ich jedes Böse, aus meinem Denken verbanne und die 

» 
Uebersättigung fliehe, welche durch Hochmuth sich den Neid eines 

Jeden zuzieht, bin nicht gesonnen, in das Perserland zu kommen, da 

ich mit Wenigem nach meinem Sinn mich zufrieden fühle. Lebe wohl. 

eip%ot; <JiJ avvz6fi(og nqog ifirjv oipiv xai ßaaikeiov oixov, 
^liXkrivsg yag dg ini ro TrXeiazov avBniafjuavtnL aocpiCofuvoig 

15 avÖQaaiy oweg Tiagogopat id zakaig in* avrotv evdiiyivv(.iBva 
ycQog 7ux),7jv dycoy^v tuxI diaizav, naq ifioi Si vnaQ^ei am 
/raaa fiiv nQoaÖQia, Tcad-* jj/ttigav di xaXi] Tuxi anovdaia ngoa- 
ctyoQßvaig yuxi ßiog evdoxnpfiEvog aaig 7iagaivea€aiv. 

II. 
^HgcncXeiTog Jagelq» ßaoilel 7ccLTQog ^YaTaaneio xaiQuv, 

20 'Chioooi rvyx&vovatv ovzig imxO'OViOL rijg fiiiv dltjd'eitjg xot 
Si'/xxiOTtQCtyirjg dnixovzaij aTcXijfTTii] 6i '^al do^rj x£vfj TtQoa- 
hxovai xox^g eiveuev dvoirjg' iyoj öi d^yi]ariT]v i'x^ov 7caarjg 
7covi]Qir}g xai xoqov (pevytav jfawog oixeiavfuvov (pd-ovov did 
xiiv V7t€Qrj(pavif]y ovx av dipcKolf.iriy eig JTegoixrjV x^Q^^^ ^^'^ 

25 yoig dgiuofievog nun ifir^y yvtifitjv. *'EQQ(aoo, 






Je zuversichtlicher diesen Stücken, da Diofj;cnes Lacrtius i:«tcr 



(0, 12 — 15) sie nach einer nur in der Wortfassung etwas ab- 
weichenden ßedaction*) mitthcilt, ein verhältnissmässig früher, 
keinenfalls tiefer als das erste Jahrhundert nach Chr. herabzu- 
rückender Ursprung beigelegt werden darf, desto dürftiger ist 
der Eindruck, den sie nach Inhalt und Form machen. Weil der 
Brief des Perserkönigs immer nur als Uebersetzung auftreten 
konnte, hat der Verfertiger sich bei ihm jeder sprachlichen An- 
strengung überhoben geglaubt, und ohne das mindeste Streben 
nach jonischer oder altattischer Redeweise zu verrathen, das all- 
täghchste Gemeingriechisch angewendet; den Ephesier hingegen 
hat er, weniger harmlos als die Urheber aller übrigen Briefe, 
nicht andei's als jonisch schreiben zu lassen gewagt. Dabei kam 
es ihm zu Statten, dass der wegen seines stolzen Selbstbewusst- 
seins berufene Philosoph auch einen König kurz abfertigen durfte. 
De^n zu einer umfänglicheren Leistung scheint seine Uebung im 
jonischen Dialekt nicht ausgereicht zu haben. In den wenigen 
Zeilen hat er zwar, ausser der wohlfeilen Buchstabenvertauschung 
nach den Regeln des Jonismus , auch der Wortstellung hie und 
da einen fremdartigen Anstrich zu geben vei*sucht; aber in der 
Wörterwahl zeigt er durchaus keinen Sinn für die dialektische 
Eigenthümlichkeit; er steht in dieser Beziehung tief unter den 
Verfassern der hippokratischen Briefe, zumal der auf Demokritos' 
Verkehr mit Hippokrates bezüglichen, welche auch in dialektischer 
Hinsicht eine unverächtliche schriftstellerische Kunst bewähren. 
Ei'satz für die Mängel der Form durch Einflechtung herakliti- 
scher Hauptlehren und Kernsprüche zu bieten, gestattete die ein- 
mal gewählte Einkleidung nur in beschränktem Maasse; denn 
der König will ja erst in das Vci'ständniss des ihm grösstentheils 
unklar gebliebenen Werks durch den mündlichen Unterricht des 
Philosophen eingeführt werden ; und wenn Heraklits Absage kurz 
gefasst sein sollte, so war in ihr für eine reichlichere Blumenlesc 
herakUtischer Sätze kein Räum. Trotzdem fehlt es nicht an jeder 
Spur emer, sei es unmittelbaren oder durch gute Gewährsmänner 
vermittelten, Kenntniss von dem Buch des Ephesiers. Denn 



und xweiter 
Brief. 



10 



u^„ wenn der König, nachdem der in späterer Zeit gangbare Titel 
"*'*"*• des Buchs Ihgl Ovaaco^: (Z. 2) erwähnt worden, als den Haupt- 



Brief. 



bei 
UnaUit. 



inhalt desselben die Lehre von der ewigen Bewegung folgender- 
niaassen bezeichnet: d-ewQiav y,6afiov zov ^vfinavrog xort 
Tojv ano xovtov avjußaivovTioy^ aneg eaTiv iv d^eioTotj} yM^uva 
TLivlfiitj so liegt darin eine unzweideutige Anspielung auf die viel- 
besprochenen Worte Heraklits , welche nach den vereinigten 
Zeugnissen Plutarclis (anim. prooreat. 5), des Alexandriners Cle- 
mens {Strom. 5, 14 p. 711 P.) und des von Simplicius {de caelo 
p. 132b 19, 31 Karsten = p. 487b 35, 46 Br.) ausgeschriebenen 
Aphrodisiensers Alexander so lauteten: xoafiov lovde tov 
avvov OTtavrwv ovce Tig &e(Sv ov%€ dvd'Q(iTCCoy inoitjcei', aAAct 
f^v äei yjxl i'azi 'Aal eaxai nvq deiKioov aTtzofievov fUTQa nah 
djfoaßswvfuvov /jirga. Weil in diesen Worten früh der kurze 
Inbegriff der gesammt^n Lehre erkannt wurde, bildeten aus ihnen 
einige, wahrscheinlich stoische, Erklärer den bei anderer Gelegen- 
heit (s. Heracliieaj), 9) erörterten Nebentitel des Werks Tgonog 
Kocfiov ^Evog Tüv Svfinavrtov; und zu besonderer Wich- 
tigkeit gelangte die Stelle, als die späteren Philosophenschulcn 
über die Fragen verhandelten, ob Eine oder mehrere Welten, ob 
ungeschaffene Ewigkeit oder Schöpfung und Untergang der Welt 
anzunehmen sei. Gemäss der bei Schulstreitigkeiten üblichen 
Unsitte wurden die Belege aus der älteren philosophischen Litte- 
ratur ohne viel Rücksicht auf den ursprünglichen Zusammenhang 
und ohne Beachtung des eigcnthümlichen Sprachgebrauchs der 
einzelnen Schriftsteller nach später aufgekommenen Terminologien 
ausgelegt ; man fasste auch Heraklits y.6üfiog als die objective . 
Welt der Dinge, und fand nun einerseits, wie dies z. B. Simpli- 
cius thut, .in seinen Worten 'dieser Kosmos war ewig und ist 
ewig und wird ewig sein* die entschiedenste Lossagung von jedem 
Glauben an Weltschöpfung und Weltuntergang; andererseits 
presste man die Worte top avrdv dnavrwv. und wollte aus ihnen, 
gegenüber den unendlich vielen Welten der Atomistiker, ein Zeug- 
niss gewinnen, dass Heraklit sich für Eine Welt (&a ehai xocfiov 
Diog. Laert 9, 8) erklärt habe/ Aber schon der Aphrodisienser 



11 

Alexander^) hat mit dem gesunden Sinn, den er so oft bckun- f»»« 
det, sich gegen alle derartigen Missdeutuugen erhoben und in'*"^^^"' 
üebereinstimmung mit der Geschichte des Worts es ausgesprochen, 
dass bei Heraklit ycoofiog nicht die objective Welt, sondern eine 
^Ordnung {öicna^igy bedeute, welche erst durch die Verbindung 
mit anavziov zur allgemeinen Weltordnung bestimmt wird. Hier- 
nach wäre die heraklitische Stelle , wenn zum Behuf begrifflicher 
Deutlichkeit ihr alterthümlich lockeres Satzgefüge mit einem 
strafferen vertauscht werden darf, etwa in folgender Weise deutsch 
wiederzugeben: ^Diese gleichmässig alle Dinge umfassende Ord- 
*nung hat Einer der Götter so wenig wie Einer der Menschen 
^hergestellt , sondern sie bestand ewig, besteht ewig und wird 
'ewig bestehen in dem nach festen Maassen entzündeten und ver- 
löschenden, ewiglcbendigen Feuer.' Dass nun unser Briefschreiber 
xoafiog in dem angegebenen Sinne, also richtiger als manche 
neuere Darsteller des heraklitischen Systems , verstanden habe, 
bezeugen seine Worte raiv duo zovxov avfißaivowiov (Z. 5), 
da von Tolgen aus dem Kosmos' nicht die Rede sein kann, wenn 
unter *Kosmos' das objective W^eltall, sondern nur wenn das 
Weltgesetz darunter gemeint ist; und Abschreiber, welchen diese 
letztere Bedeutung ungeläufig war, haben daher auch wirldich, 
mit der besonders in solchen ausserklassischen Schriftstücken 
herkömmlichen Willkür, die ihnen auffallige Wendung a/co 
TovTov avfißaLvovt(ov , um sie der gewöhnlichen Bedeutung von 
xocftog anzupassen, zu tüv iv xotrctif ytvofiivtov geändert und die 
.*Erscheinungen in das Weltall' verlegt — eine Vergröberung, 
welche in die schlechtere, von Diogenes Laertius mitgetheilte Re* 
daction des Briefes eingedrungen ist. — Hat sonach der Brief- 
steller sich des echt heraklitischen Gebrauchs von %6a^iog kundig 
gezeigt, bei welchem ein näher bestimmender Genitiv erwünscht 
ist, so darf ihm wohl auch zugetraut werden, dass er xov avfinav- 
Tog (Z. 5) nicht adjectivisch mit xoafiov verbinden, sondern als 
Substantiv so von %6afiov abhängen lassen wollte, wie es die 
oben (S. 7) gegebene deutsche Uebersetzung ('die Ordnung des 
gesammten Alls') ausdrückt. Denn wie die Joner überhaupt 



12 



rnitf jene vollere Form lieben, so bat auch Heraklit nachweislich*) 
'^^"das Weltall tn ivfimr, statt des später üblicheren to näv, 
genannt. 

Viel schüchtenier muss die Vermuthung auftreten, dass auch 
in der Antwort Heraklits mit dem Satze xm tloqov (pevycov 
:ravvng oUiuvfUvov rpi^ovov dia ziqv vnBQijfpavirjv CL, 23) auf 
heraklitische Ausdrücke angespielt werden sollte. Bei näherer 
Betrachtung ergiebt sich bald, dass hier der schon von Aristo- 
teles (8. Dialoge S. 163) nicht mehr auf einen bestimmten Ur- 
heber zurückzuführende althellenische Spruch ^Sattheit gebiert 
Uebermuth (Tixtei MQog vßQivy zu Grunde liegt; es dünkte nur 
den Briefsteller feierlicher und vielleicht meinte, er auch seine 
' Selbständigkeit zu bethätigen, wenn er das in dem Spruche ein- 
gebürgerte, einfache Wort vßgig mit dem nahen und voller klin- 
genden Synonymon ifregr^fpavit] vertauschte. Da nun jener all- 
bekannte Sittenspruch jedem griechisch Schreibenden jederzeit 
beifallen konnte, so würde der Versuch, hier eine Abhängigkeit 
von bestimmten heraklitischen Aeusseningen zu entdecken, dem 
hoQog. Vorwurf der Grübelei unterliegen , wenn nicht das Wort Ttogog 
eine wichtige Stellung in der heraklitischen Terminologie ein- 
nähme und wenn nicht Heraklits Bestreben, seine Gedanken durch 
Anlehnung an Sprichwörter wie durch etymologische Ausdeutung 
der Wörter dem gewöhnlichen Bewusstsein nahe zu bringen, noch 
in den wenigen erhaltenen Bruchstücken mehrfach zu Tage träte*). 
Wähi-eud nämlich die früher zugänglichen schwankenden Berichte 
eine sichere Entscheidung nicht zuliessen, steht es jetzt seit dem 
Bekanntwerden der hippoly tischen Schrift*) ausser Zweifel, dass 
Heraklit die Wcltperiode, in welcher die Vielheit der Dinge zur 
Einheit des Urfeuers hinstrebt, als einen Zustand der begehren- 
den Bedürftigkeit ixQW^oavvif]) bezeichnet hat, hingegen die 
Periode der in die Einheit des Urfeuers eingegangenen und unter- 



. f 



*) Bei Plutarch de IMe c. 76 ro tpQovovp ontoi xpßiffvma^ toSufinar; 
vgl. Rhein. Mua. 9, 256. - ^- 



V6 

gegangenen Welt als den Zustand der Sattheit {yioQog), Welche »sier 
Benennung aber Heraklit für das Hinausstrebeu aus dem einheit- ""** *'"'*^" 

° Brirf. 

liehen Feuer iu die bunte Mannigfaltigkeit der Dinge gewählt 
habe, darüber fehlt bis jetzt jede Nachricht. Sollte es zu- 
viel geahnt sein, wenn man annimmt, dass er, die einmal ange- 
knüpfte Metapher fortspinnend, jenes Hinausstreben aus der 'Satt- 
heit' des einheitlichen Feuei's *Uebennuth (vfiQigY genannt und 
demgemäss an hervorragender Stelle seines Werks das alte ethische 
Sprichwort *Sattheit gebiert Uebermuth {rUcti TLOQog vßgtvY 
physiologisch umgedeutet habe zu einer Bezeichnung der in dem 
Einen 'satten' Feuer ausbrechenden Sucht nach Vielheit? Der 
Briefsteller, welcher erfahren hatte, dass Heraklit auf das Sprich- 
wort grosses Gewicht legte, konnte dann glauben, seine Sache 
recht gut zu machen, indem er es ihm, freilich nur in dem ge- 
wöhnlichen ethischen Sinne, auch dem Perserkönig gegenüber in 
die Feder gab. 

Wie demnach die stilistische Seite der Briefe nicht jedes Eioudu«« 
gut oder übel benutzten äusseren Anhaltes entbehrt, so spricht '»»'^*' 

l*«mi«o. 

auch Vieles dafür, dass die den Briefwechsel bedingende Ein- 
ladung des Königs nicht lediglich von dem Briefsteller ersonnen 
ward, sondern einer älteren Ueberlieferung entstammt. Zwar 
führt das bei Diogenas Laertius*) die Mittheilung der Briefe ein- 
leitende Sätzchen: 'Auch Dareios begehrte seinen Umgang und 
schrieb folgendermaassen an ihn' noch nicht auf eine von den 
Briefen unabhängige Gewähr; aber wohl ist die Voraussetzung 
berechtigt, dass enie solche dem aus guten peripatetischen Quel- 
len, z. B. aus Eudemos' Geschichte der Astronomie, schöpfenden 
Chronologen vorgelegen habe, nach dessen Angaben der Alexan- 
driner Clemens die Lebenszeit der griechischen Philosophen be- 
stimmt. Jener Chronologe befolgt die richtige iMethode, ausdrück- 
lich die feststehenden biographischen Thatsachen zu erwähnen, 



♦) 9. 12 inoi^qae Ji- aviov xal Jagttog unaax^tv (vgl. Anm. 2) xa) 



l*i 



^ttf nach welchen er die Olympiadenzahl für die 'Blüthe^ der einzel- 
^^^^ ncn Persönlichkeiten ermittelt hat Nun ist freilich die Heraklit 
betreffende Olympiadenzahl von der Lücke verschlungen worden, 
welche in den bisherigen, weit hinter den billigen Anforderungen 
der Wissenschaft zurückbleibenden Ausgaben des Clemens zwar 
nicht vermerkt wird, deren Eintritt jedoch vor dem fünfzehnten 
Capitel des ersten Buches sich jedem wachen Leser der Stroma- 
teLs zugleich mit dem Bedauern über den Verlust eines grossen 
Theiles der werthvoUen chronologischen Liste aufdrängen muss. 
Glücklicherweise sind die erlesenen Mittheilungen über Heraklits 
Lebensgeschichte eben vor dem Beginn der Lücke gerettet wor- 
den; sie lauten*): 'Herakleitos der Sohn des Blyson bewog den 
Tyrannen Melankomas, seine Herrschaft niederzulegen. Derselbe 
'gab dem König Dareios, welcher ihn einlud nach Persien zu 
'kommen, eine abschlägige Antwort'. JDie Güte der hier benutz- 
ten Kachrichten ward, so weit sie die innere Geschichte von 
Ephesos berühren, bereits bei früherem Anlass (s. HeracUtea p. 31) 
dargethan durch Verknüpfung derselben mit anderen zuverlässi- 
gen Berichten über Heraklits politische Parteinahme und seine 
hervon-agende gesellschaftliche Stellung als Erstgeborener eines j 

alten Adelsgeschlechts; -zugleich ward die Vermuthung ausge- 
sprochen , dass der hier Melankomas genannte Tyrann derselbe 
sei, welcher unter der abgekürzten Namensform Komas in der 
Lebensgeschichte des von ihm verbannten ephesischen Dichtei*s 
Hipponax auftritt. Wenn nun in nächster Nachbarschaft mit 
einer so unverdächtigen und abgelegenen Ueberlieferung die Ein- 
ladung des Perserkönigs von dem sonst als besonnenen Arbeiter 
sich bewährenden Chronologen erwähnt wird, so muss es für 
wahrscheinlich gelten, dass sie ihm durch gewichtigere Zeugnisse 
als durch die erdichteten Briefe bekannt geworden. An innerer 



*) p. 354 F.: 'llQttxXinoi J^ [so statt yÜQ] 6 JJXvautvof [so statt 
ßauauivo^] MeXnyxounv ror rvfmvvov fnttaiy ano&fa^t rtiv «(i/^*. 
ovro( ßaatlia /ta^Tov nugtacaXovrta rjxitv ih fli^aas vjiiQttätr, 



15 

Unglaublichkeit leidet ja die Nachricht in der Fonin , wie sie der Erster 
Chronologe mittheilt, durchaus nicht. Er meldet nur die nackte ^^^^J^J'^"" 
Thatsache der ausgeschlagenen Einladung und weiss nichts von 
des Königs Wunsch, Studien in heraklitischer Philosophie zu 
machen. Von dem Briefsteller allerdings, welcher lleraklit wohl 
nur als Philosophen kannte, ist es begi-eillich , dass er einen sol- 
chen Wunsch als den einzig denkbaren Anlass zu des Königs 
Entgegenkommen ansah. Uns aber, die wir Heraklit auch als 
einen in die Geschicke seiner Vaterstadt thätig eingreifenden 
Staatsmann kennen gelernt haben, treten gar mancherlei rein 
politische Gründe entgegen, welche in den unruhigen Zeiten nach 
dem jonischen Aufstande 'den Pei-serkönig bewegen konnten, einen 
adelichen Bürger der Stadt, in deren Gebiet der jonische Bundes- 
tag abgehalten wurde , an seinen Hof zu ziehen. Und auch wie 
die persönlichen Schicksale Heraklits den Perser zu solchen An- 
knüpfungen ermuthigten , lässt sich noch aus unseren spärlichen 
Nachrichten leicht vorstellig machen. Heraklit war ein schonungs- 
loser Bekämpfer der demokratischen Partei (s. HeraoUtea p. 31), 
in. welche man wohl, ohne Furcht zu irren, den Heerd der auf- 
ständischen Bewegungen gegen Persien verlegen daif ; als sein 
Freund Hennodoros eben von jener demokratischen Partei durch 
eine Ai*t von Ostrakismos verbannt wurde, zog auch Heraklit 
sich von aller politischen Thätigkeit und aus der Stadt in die 
Einsamkeit des Artemistempels zurück, nachdem er seinem Bru- 
der das Majorat abgetreten hatte (Diogen. Laert. 9, 2 und 6}. 
Konnten damals die Leiter der persischen Politik, welche in 
Heraklit nur den Widersacher der rebellischen Demokraten, aber 
nicht den hellenischen Weisen sahen, nicht klug zu handeln mei- 
nen, wenn sie durch eine königliche Einladung scheinbar dem mit 
seiner Vaterstadt zerfallenen Staatsmanne Theilnahme bewiesen, 
in der That aber sich den ßath eines Sachverständigen für die 
weitere Behandlung der hellenischen Angelegenheiten sicherten? 
Heraklit würde, wenn ihm sein Hochsinn erlaubt hätte die Ein- 
ladung anzunehmen, zu Susa in ähnlicher Weise geehrt und ge- 
braucht worden sein wie der flüchtige Spartanerkönig Demaratos. 



16 

Enter Untcr (leii so gewonnenen Gesichtspunkten bleibt auch 

■^*^*'' nichts Unwahrscheinliches zurück in des Magneten Demetrios*) 
Ki-zählung, welche das Gegenstück zu der persischen Einladung 
bildet und dahin lautet, dass 'Heraklits Name in Athen hoch- 
Eiahdooc 'heiühmt gewesen und von dort aus ihm Anerbietungen gemacht 
■•'^ 'worden seien, welche er jedoch stolz abgewiesen und in der Hei- 
'inath zu leben vorgezogen habe, obwohl die Ephesier ihn gering- 
'schätzig behandelten'. Denn da Athen so tief in die jonischen 
Wirren verwickelt war, musste ein in der Hauptstadt Joniens 
wirkender Staatsmann die Blicke der athenischen Parteiführer auf 
sich ziehen ; und wenn auch der von Kleisthenes in die Bahnen 
der Demokratie gelenkte Staat Athen 'sich schwerlich um den 
• strengen ephesischen Aristokraten bewarb , so konnten doch die 
noch immer mächtigen Leiter der von Isagoras gostift(»teu con- 
servativen Partei eine wünschenswerthe Verstärkung darin sehen, 
dass der adeliche jonische Gesinnungsgenosse, dessen grundsätz- 
lichen Hass gegen Demokratie die in Ephesos erfahrene schlimme 
Behandlung nur gesteigert haben konnte, nach Athen übei*siedele. 
— Ob Epiktet, welcher neben dem Kyniker Diogenes auch lle- 
raklit als Muster nennt, wie man 'die beim Gastmahl des Lebens 
vorgesetzten Gerichte**) unberührt lassen solle' auf die atheni- 
schen oder pemschen Anträge ziele, lässt sich bei der Kürze der 
Ilindeutung zwar nicht unmittelbar aus dem Woitlaut entschei- 
den; aber da die ^ athenischen Anträge nicht nothwendig die 
Nebenvoi^stellung reichen Lebensgenusses erwecken, welche doch 
Air den Zweck Epiktets wesentlich ist, so kann er wohl nur die 
persische Hofpracht gemeint haben; und wenn ein eben so leiser 



*) Bei Diogenes Laertius 9, 15: ^ItifirJTQtoi J/ tpnatv *i' ro#ff '0/*wvv- 
ftoti xtiX ui&flvtUtav iilnov vnfot/iQor^afti Jo^«j' f/oyra jut^unUfaitiv, 
x(CTa<ff}oixtüft(vat ^* vTio riov ^Ktpiattav ikiif&nt ftaXkov rtt (JxtTa, 
^*) Enchirid, 16: av dk xul jmttart^ivTMV am fitj lußiji all* une^lJffi, 
-roxi ov ^ovor av^nortis xumv 9t6iv fffij ((Xit< xal avyuoj^iav, otnia 
yä^ TTottiif Jioyivtig xiä 'j/QtixkeiTog xiä ol ufioiot it^ÜQ^ ^etofre 
^aav xitX ilfyovTo, 



/ 



17 



Wink wie für die Begegnung Alexanders mit dem Kyniker auch 
für die Beziehungen zwischen dem. Perserkönig und HerakUt 
verständlich schien, so müssen diese zur Zeit Epiktets, d. h. in 
der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Gh., allbekannt, 
also bekannter gewesen sein, als der Einfluss unseres doch ge- 
wiss nicht viel früher anzusetzenden Briefschreibei's allein sie hätte 
machen können. 

Die zur Beleuchtung derselben hier angestellten geschicht- 
lichen Erörterungen haben zugleich auf den Standort geführt, 
von dem aus der nächstfolgende, Heraklits Freund Hermodoros 
angehende Brief betrachtet. werden muss. 



III. 

König Dareios an die Ephesier. Ein vorzüglicher Mann ist Dritter Brief, 
ein grosser Vorzug für eine Stadt. Durch treffliche Heden und Ge- 
setze bessert er die Gemüther, indem er sie auf zweckmässige Weise 
zum Guten hinführt. Ihr jedoch habt den Hermodoros, den Vorzüg- 
lichsten nicht nur unter euch selbst sondern unter allen Jonern, aus 
der Vaterstadt vertrieben unter scbimpflicben Beschnldigungen , die 
ihr einem treff lieben Charakter anheftet. Hegt ihr nun den festen 
Entschlus9>^ Krieg zu führen gegen eueren König und Herrn, so haltet 
euch bereit; ich werde ein Heer senden, dem die Spitze zu bieten 



in. 

Baaikevg /Jagalog ^Eq^ealotg' ^Av})q ayaih)g fUya ayad^ov 
/rük€i' i-oyoig xakoig xat vdfioig xlw/ag ayax>dg noiel xaiQiiog 
aycov £ig aya&a. vfieig Öi ^ Equoömqov ov ^lovov aviiov ßikri- 
oxov äXXa Tiai ^hovtov 7räi'zcov f^eßakere fx nargiöog, aiaxQog 
5 alriag ipvxj] dyad-f] jrQoad/rxovteg. ei ftiv ovv dityrcixan ßa- 
aiksi 7ioke^Biv ösajca-crj^ hToiijauaS-e' mroacü^oi ya() oxqaztav, 
y ufieig ov öw/jaeaü^i dwiiaaistaü^uc aiaxQov yuQ ßaatXu 

2 



18 

Dritter Bii«f. ihr iiloht veimögen werdet; schimpflich wäre es ja für den Gross- 
könig seinen Freunden nicht beizustehen. Wollt ihr euch jedoch in 
kein Unternehmen dieser Art einUssen, so setzet den Hei*modoro8 
wieder in sein Bürgerrecht ein und gebet ihm sein väterliches Erbe 
zurüek, in Erinnei*ung an die Wohlthaten, die ich euch aus Wohl- 
wollen für ihn gewahrte, indem ich eure Steuern herabsetzte und 
viel Land zu eurem früheren Gebiete hinzugab. Hierfür scheint ihr 
euch lücht zu Dank verpflichtet zu halten , denn sonst würdet ihr 
nicht den Ilermodoros, den Freund des Königs, verbannt haben. 
Schicket nun einige Männer zu mir mit dem Auftrage, den Rechts- 
grund euerer Anschuldigungen gegen ihn darzulegen, damit er, wenn 
ihm schlimme Absichten nachzuweisen sind, zur Strafe gezogen werde, 
sind sie hingegen euch nachzuweisen, ich euch eine bessere Gesin- 
nuug beibringe und euch für die Zukunft verhindere, gegen vorzüg- 
liche Männer euch zu vergehen. Denn euerem König frommt dies 
und auch euch. 

/f£/aA^ f.u^ aQzteiv (piXoig. el äs f,ujöiv toiovtov FyxsiQioeTe, 
'Aora&ne ^Eq^ioöcoqov 'Aal anoäove av-cqi 7i:aTQ(^av xrijaiv, fivfj- 

10 fiov€vovT€g a iftag rAeivov €vvoi(f evrjQyeti^aay (fOQOvg ilar- 
Tovg ra^ag cov eipigtia xai yrjv noXXriv dovgnQogrjeAl'Axrja^e, 
lov ovx ioi'Acae '^chqlv oipeiXaiv' ov yag av nme ^I^q/lioöioqov 
(pilov ßaöiXiiog icpryaöevaare, anoarelXaze ovv avägag tovg 
iqovvxag vcQog fie xo dUaiov vjcig ojv iyxakelTe ^liQfiodciQip^ 

15 IV* iäv fiiv lüfiivog i7ad€ix^S '^ci^oipQoviov , frnriftrjd^f] , iav 
de vfielg^ fttI vovv ßelriova &iofiai xat €ig to Xotnov aftag- 
Taveiy xcjkvaio alg dyad-ovg avdgag. tuxI yag ßaaiXBi vfisv€g(it, 
ovutpigei zaina xal vfuv. 



8 f.yxuQ(akt€\ (mx^gnaai \ 16 ßilHio | 18 ü,ch>] vfiTv, ittguta^i* 



19 

Mehrfache Anzeichen deuten darauf, dass dieser Brief ausnriuerHripf. 
einer andern Feder als die zwei früheren geflossen ist. Erstlich 
würde Jemand, der einmal so viel Kunde von dem stolzen Stil 
orientalischer Könige besass, wie die Aufschrift des ei*sten freund- 
schaftlichen Briefes verräth (s. Anm. 2), sich demselben doch 
wohl auch in dem vorliegenden, zumal da es ein drohender ist, 
angeschlossen und eine ähnliche, zu der persischen Etiquette 
stimmende Formel gewählt haben, wie sie in der hippokratischcn 
Briefsammlung als Eingang eines Drohschreibens an die Koer*) 
zu lesen ist. Ferner wird keinem Kundigen die für einen so 
kurzen Brief beträchtliche Anzahl sprachlicher Mängel*) ent- 
gehen, welche den Abschreibern nicht zur Last gelegt werden 
können und eine viel geringere stilistische Uebung kundgeben als 
der Verfasser der zwei ersten, durch nichts dergleichen verun- 
zierten Briefe sich erworben haben muss. Endlich würde Diogenes 
Laertius, wenn ihm der dritte Brief mit den zwei ersten vereinigt 
vorgelegen hätte, ihn wahrscheinlich ebenso wie jene mitgetheilt 
oder doch wenigstens auf ihn da hingewiesen haben , wo er Her- „ , , 
modoros' Verbannung und Heraklits darauf bezügliche Acusserun- Verbannung 
gen erwähnt. Es sind dieselben, welche unser Briefsteller (Z. 3 
^Eq^iodiOQOV ov ftovov avTcSv ßeluarov dX?M xaZ ^Iiuviov navnov) 
steige)*nd nachbildet, und sie gewinnen, wenn man das Citat des 
Diogenes durch andere Anführungen controlirt und die seit 
Schleiermacher eingerissenen Uebersetzungsfehler ^) vermeidet, 
folgende Gestalt: ^Billig wäre es, wenn die Ephesier alle, so viel 
*ihrer erwachsen sind, sich erhenkten und die Stadt den Uner- 
*wachsenen hinterliessen, sintemal sie den Hermodoros, den Besten 
*unter ihnen, verbannt und dazu gesprochen haben: "Unter uns 
*'soll Niemand der Beste sein, ist Jemand es aber, so sei er au- 
**derswo und bei Anderen (a^inv ''Ecpeaioig i/jßijddv (uray^aa&ai 
naoi TLoi zoic: avfißoig rrv ^roXiv 'AataXiuEiv oizivsg ^EQ^ioäiogov 
avdqa icovrojv ov^iatov B^ißaXov q>avT£g ijfiiojv fttjdf. eig ovr^iaiog 



*) 9, 318Littre: flaatXtvg ßaatliu»%' ^ufyu%' ^difraUi^n^ Kf^otg rccJc ifya. 



i 



DnnerBricf. IcTTo; , cl di Zig ToiovTog, aiXfj T€ xai fi€T cfAAwv)'. Da diese 
heraklitischen Worte wegen ihrer derben Formulirung des im 
Ostrakismos verkörperten demokratischen Gi-undgedankens im 
Alterthum, wie die häufigen Citate zeigen, sehr verbreitet waren, 
so liefert des Briefstellers Bezugnahme auf sie noch keinen hin- 
länglichen Beweis für seine unmittelbare Benutzung, des herakli-. 
tischen Werks, und auf andere Spuren auch nur einer mittelbaren 
fahren die uns zu Gebot stehenden heraklitischen Bruchstücke 
nicht. Trotzdem erhält der Brief einen gewissen Werth durch 
seine politische Färbung und durch die, falls die oben (S. 15) 
vorgetragenen Combinationen stichhaltig sind, in allem Wesent- 
lichen richtige und nach Anschaulichkeit strebende Schilderung . 
iitmodon»' von Hemiodoros' Beziehungen zu der pei-sischen Regierung. Es 
mi^AB y^i^^ ijjm der Titel »Freund des Königs (rpilog ßaadiiog Z. 13)' 

StPliBDg. 

beigelegt, welcher an den orientalischen und Diadochenhöfen so 
wie der entsprechende im kaiserlichen Rom (atnious prinoipü) 
eine sehr höhe Rangstufe bezeichnet; aus Rücksicht für seinen 
Freund hat der Grosskönig der ephesischen Stadtgemeinde. Gebiet 
zugelegt und Steuernachlass gewährt (Z. 10 f.); es ist dem König 
wichtig , einen ihm so ergebenen Mann von Neuem an der Lei- 
tung der Stadt betheiligt zu wissen und deshalb soll der Wider- 
ruf der Acht nöthigenfalls durch Krieg erzwungen werden (Z. 6) ; 
kurz, es wird Alles aufgeboten,, um den Genossen Heraklits 
als einen Vertreter der persischen Interessen erscheinen zu lassen. 
Ist dies eine bloss aus dem Kopf des Briefstellers, ohne Anhalt 
in der ihm zugänglichen Litteratur entsprungene Erdichtung, so 
muss man gestehen, dass ihm ein grösseres Theil verknüpfenden 
Scharfsinns verliehen war als sonst Leuten mit so strauchelndem 
Griechisch beschieden zu sein pflegt. Denn wundersam wäre 
doch das Zusammentreffen der Erdichtung mit Allem was die 
neuere Forschung über Heraklits und demnach auch seines Freun- 
des Hermodoros politische Stellung erst aus den zerstreutesten 
Spui*en zusammensuchen und zusammendenken musste: aus der 
bei Strabo (14 p. 633) erhaltenen Nachricht von einem den 
Königstitel führenden ephesischen Adelsgeschlecht in Verbindung 



mit der bei Dio;;enes Laertios (0, 6) aufbewahrten kurzen An-iwiu«rBnef. 
gäbe des Antisthenes, dass Heraklit sein TKönigtimm' seinem 
Bruder abgetreten habe ; aus der Betheilignng des ariät/>kratischen 
Herakht an dem Rücktritt des wie alle griechischen Tyrannen 
ohne Zweifel adelst'eindlichen Melankomas, von der vir nur in 
der chronologischen Liste bei Clemens (s. oben S. 15) lesen; end- 
Uch aus der Erwägung, dass nach den gewöhnlichen Regeln der 
Parteilogik die Beförderer des jonischen Aufstandes dem demo- 
kratischen und seine Gegner dem von Heraklit und Uermodoros 
geleiteten aristokratischen TheQ der ephesischen Bui-gerschaft an- 
gehörten. Ist es glaublich, dass des Briefstellers Belesenheit und 
Nachdenken alle diese Sälenwege eingeschlagen habe? Oder hat 
er gar nicht geflissentlich gedacht und ist nur durch glückliches 
Ungefähr auf den zufällig zu unseren Ermittelungen passenden 
Einfall gerathen? Oder stehen diese zwei Annahmen an Wahr- 
scheinlichkeit einer dritten nach, dass der Briefsteller irgendwo 
die für uns verlorene ausdrückliche Nachricht fand, Hermodoros 
und Heraklit hatten , in gleicher Weise wie der gelehrte Staats- 
mann Hekatäos (s. Herodot 5, 36), aussichtslose Unternehmungen 
gegen die persische Grossmacht widerrathen, seien deshalb als 
Freunde der Perser verschrien und während Heraklit freiwillig 
die Stadt verliess, Hermodoros verbannt worden V Mehr als eines 
solchen überlieferten Kernes bedurfte es nicht, um den Anfertiger 
des Briefes zu erweiternden Ausschmückungen aufzufordern, und 
nur um in diesen Ausschmückungen sich rhetorisch zu versuchen, 
scheint er die Feder ergrififen zu haben. Eine sachliche Absicht 
ist bei ihm noch weniger wahrzunehmen als bei dem Verfasser 
der zwei eraten Briefe, welcher allenfalls zur Verherrlichung 
griechischer Wissenschaft beizutragen glauben konnte. 

Eben durch die^e Abwesenheit einer bestimmten Gedanken- 
richtung scheiden sich die besprochenen drei kurzen Briefe als 
eine vergleichsweise geringhaltige Gruppe von den meisten fol- 
genden, deren Ausdehnung in demselben Maasse wächst, wie sie 
sich, mit Gehalt füllen. 



IV. 

TierferBrWf Herakleitos an Uermodoros. Grolle nicht mehr mit deinem 

Schicksal, Ilermodoros. Auch gegen mich hat Euthykles der Sohn 
des Nikophon , desselben Nikophon , - welcher vor zwei Jahren den 
Tempel der Artemis beraabt«, eine Anklage auf Unfrömmigkeit ein- 

* 

gebracht; mit seiner Unbildung gewinnt er die Oberhand über den 
hervorragenden Weisen, indem er angiebt, ich hätte an dem 
Altar , dem * ich vorstehe , die Inschrift meines Namens ange- 
bracht und dadurch mich, den Menschen, für einen Gott ausgegeben. 
So werde ich denn auf die Anklage eines Unfrommen von unfrommen 
Richtern wegen Unfrömmigkeit mich richten lassen müssen. Was 
meinst du? werden sie mich für fromm halten, der ich das G^en- 
theil alles dessen denke was sie von den Göttern glauben? Wollten 
Leute mit erloschenem Augenlicht auch* ihrerseits über den Gesichts- 
sinn urtheilen, so würden sie das Sehen für Blindheit erklären. Aber, 

IV. 

jtaivBj *EQfi66coQ€, Eid-vTikiig 6 Nixnfpiovtog xov avXrjaavtog 
jTQOTtiQvai Tfjv d^€ov daeßclag fu yeyQaicrai, ävöga ao(pi(f 
jCQOvxovra dnaiöevaiif rmdiv, dg ort miygaxpa z(ii ßcofifit, f/i 
5 i(pi<jTr]xa, %o ijitov fivofia, iheonoutfv avO-Q(07tov ovra ijuat/cov, 
Uta .nQiO^tjaofiai vno daeßovg Iv daeßeac aoeßelag, zi otsi; 
do^io avToig euaeßtjg eivai, ivavria (pQovwv nig^amol negl 
&€MV voftiÜovaiv; el xal nüTirjQCüftavoi stcqipop oxfftv, rvipXn- 
ttp;a Sv iXeyov zrjv ogaaiv. d?.k\ oß dfiaO-eXg avO^QioTroi , äi- 
10 da§ez€ nqonov rjjiiag xl ianv o d-eog, Hva qaeßelv keyovzeg 
7iiaT€urja&€, nov <J' eorlv 6 &e6g; iv zoig vaoig a7fOX£xA€£(7- 
fiivog; evaeßeig ye, oi iv OMtei tov d^^ov lÖQvete. av&QCoicog 
loidoQiav noielrai, liO^ivog el JUyoivo, ig S'eov di dlTjO-evezai 



4 fltafiiß ov iniatriaa \ 6 aatßiau tC ötu \ 8 ninriQtufiivriv | 13 11' 
ywTO, d^tof Jk alti^^itraif oe, toutq ro Xtyofiivuv, ix XQfiiivmv» 



T—i- 



ihr einfältigen MenBcben, belehrt uns doch erst was Gott ist, damit vw«rrKricf. 

ihr Glauben findet, wenn ihr von Unfrömmigkeit redet. ^Yo ist 

denn Gott? Etwa in den Tempelzellen eingeschlossen? Freilich, ihr 

seid fromm, die ihr Gott im Finstern aufstellt. Ein Mensch nimmt 

es für ein Schimpfwoi*t , wenn man ihn ^von Stein' nennt und für 

Gott soll die Bezeichnung 'er ist vom Felsen geboren' wahr sein? 

Ungebildete, wisst ihr denn nicht, dass Gott nicht Handewerk sein 

kann, dass kein. Sockel für ihn ausreicht, dass es kein Gehege für 

ihn giebt, sondern das ganze Weltall mit seinem bunten Schmuck 

von lebenden Geschöpfen, Pflanzen und Gestirnen ihm zum Tempel 

dient? Nicht 'Heraklei tos' sondern 'Herakles dem Ephesier^ lautet die 

Inschrift, die ich an dem Altar anbrachte; ich wollte den Gott zu 

euerem Mitbürger erklären. Wenn ihr nicht zu lesen versteht, so 

kann doch euere Unbildung mir nicht als Unfrömmigkeit angerechnet 

werden. Lernet Weisheit und gewinnet Verständniss. Aber ihr 

zovTO t6 e7tc6vvf,iov *cx XQ7]f.ivcdv yewarai*; anaidevroi, ovy. 

15 iaze ozi ovx eart O^eog x^^QO^/^tjrog, ovdi e^ccQ'^^ ßaaiv eyei^ 
ovdi hxei h'a /tegißa/^ov, d}J^ okog 6 ycoofiog avrcit vaoc^ iari 
tflioig '/MC q)i:xoig 'Aal datgoig 7r€7cnrKi?*(.iir'og ; HPu^KylEl 
eniygaxpa T£2f EOE^IQl xov ßio/iiov 7rolaoyQaq)d)v v/luv 
Tov -D^eov, ovx HP^lKAElTSiL Sv de vfulg d^vveTijre ygafi- 

20 fiara, ovy, ifu} daißeia x6 vf.i(Sv ditaid^vTOV ^lavxhaveTe ao- 
(pii]v xal Gvviare. dlV ov d-ikece; ovä* iya) ävayycdtco. yrjQare 
avv aTtaiäevoitf y x^^Q^^^S idioig xaxoig. *HQay,i.rjg de ovx, 
ävd-Qtßitog iyeyovei; log fiiv^OfirjQog expevaato^ xai ^evoxTovog. 
dl?M ti avTov €&€onoir]a€V] ^ Idia xakomyad-ia xo£ egycjv 

25 zd yavvaiozaxoL zöaovtovg eKtekiaavza aO-Xovg. eyto fiiv ovp, 
(0 av&Qa)7ioiy ov xai aikog dya&og eifu; tjftagzov igofievog 
vfiag' xai ydg ei zd havzia dftoxgivaia^e , (ificog dyad-ag 
£i/iiL Tcai efiocye 7CoXXoi nai dvaxsgiozcczot ad-Xoi xarcjgd^cav- 



15 üttQXv] i$ ^QX*i^ 



Vif rtcrünef. wollt uiclit? So zwj'iige icli euch auch gai' nicht. Ergrauet in euerer 
Unbildung^ freuet euch euerer Gebrechen. War Heraklea nicht als 
Mensch geboren? nach Homeros' Lüge wäre er sogai* ein Gastfreunds* 
mörder gewesen. Was machte ihn denn ^um GottV seine edlen und 
guten Eigenschaften und seine alles überragenden Heldenthaten, welche 
so viele schwere Aufgaben zu Ende führten. Bin ich nun, ihr Men* 
sehen, nicht auch gut? doch was frage ich euch? Auch wenn ihr 
verneinend antworten wolltet, bin ich dennoch gut. Auch ich habe 
ja viele der schwierigsten Aufgaben glücklich vollbracht. Ich habe 
die Lustbegierden besiegt, besiegt die Geldsucht, besiegt den Ehr- 
geiz, niedergerungen habe ich die Feigheit, niedergerungen die Schmei^ 
chelei, nicht die Furcht widersetzt sich mir und nicht der Rausch, 
die Trauer fürchtet mich and es fürchtet mich der Zorn. Gegen diese 
richtet sich mein Kampf; auch ich habe den Siegerkranz gewonnen, 
meinem eigenen Gebot, nicht dem des Eurystheus gehorchend. Wollet ihr 
denn unablässig an der Weisheit freveln und euere eigenen Fehler, euere 
eigenen Verschuldungen uns aufbürden? Könntet ihr nach fünfhundert 
Jahren durch Wiedergeburt in das Dasein zurückkehren, so würdet ihr 
den Ilerakleitos noch am Leben, von euch selbst aber nicht einmal eine 

rat' vevtxTjy.a r^dovag, veyi'Ktj/M XQ^f^ctra, vsviy.r)xa (piXozifuav^ 
30 TLatinahtiaa deiXiav, 'AaT€7iaXaiaa xoXaxeiaVf ov% dvTiXiyu 
fioi rpoßog, ov'A avziXiyei fiot fii^f], cpoßeixal fu Xv7it), (paßel- 
tat fit OQyrj' xazä roitwv 6 aydfv' ymI avrog iaterpaviüfiaL 
f/ioi;T<p i/ttTati(üv, ovx V7c* EvgvaO-Hog. ov jiavaead'^ aocpiav 
vßqitovxig xai idia afiaQztjfiata xal idia iyxXfjfiava tj^uv 
35 /iQoazQißofuvoi; ei idvvaa&€ fiez^ iviavtpvg ix ivahyyiviaiag 
jievzaxoaiovg avaßtüfvacj xatekaßeze av 'HgcmkeiTor* kri Cuivta, 
vfidSv 3i ot'd' i'xvog ovoiaatog. laoxqov^aio fiokam xai x^gctig 
dia naideiav ovdifiore aiytiftevog, xav ^ ^Iiq)£aia)v CLvaquaad^ff 
jioXig xal Ol ßtafioi diaXvd-üai navceg^ ai avd^Qvincjv ipvxcti 



32 o aytof] uirnur 



0'\ 



Spur des Namens finden. Durch Geisteisbildung werde ich Städten vierter Brief. 
und Ländern gleichaltrig und stets unvergessen bleiben; auch wenn 
der Ephesier Stadt verödet und ihre Altäre alle zerfallen, werden 
die Seelen der Menschen Stätten meines Andenkens sein. Auch ich 
werde die Jugendgöttin als Weib heimführen, nicht die des Herakles. 
Er wii*d ewig der seinigen gesellt bleiben, uns wird eine andere zu 
Theil werden. Tugend ist die Mutter vieler Jugendgöttinnen; eine' 
vermählte sie dem Homeros, eine andere dem Hesiodos, und einem 
Jeden, der sich als trefflich bewährt, traut der Ruhm der Geistes- 
bildung eine solche Göttin an.. Bin ich denn nun nicht fromm, 
Euthykles, der ich allein Gott kenne, und bist du nicht zugleich 
frech) da du ihn zu kennen meinst, und unfromm, da du den dafür 
hältst, der es nicht ist? Wenn dem wahren Gott kein Altar errichtet 
wird, so soll er aufhören Gott zu sein, und wenn einem Aftergott 
ein Altar errichtet wird, so soll er Gott werden? Dann wären ja die 
Steine Zeugen der Götter. Die Werke müssen zeugen, solche Werke 
wie die Sonne; für ihn, den wahren Gott, zeugen die Nacht und der 
Tag; die Jahreszeiten sind seine Zeugen^ die ganze fruchttragende Erde ist 
Zeugin, des Mondes Kreislauf, sein Werk, ist ein himmlisches Zeugniss. 

40 T/}g eftijg eaowai x^^Qf<^ h'^hl^^i^* a^Of-iai Y.al avtog yvvaixcc 
^'Hßrjv, ov TT}v^HQaK?Jovg- ty.avog aei eazai ^urä t/J$ lairor, 
hega d' ij^ulv yerrjaevai, jinV.äi; ^^/gezf] yevv^, xal '0//i;^f/> 
£ä(ü'A€v alXriv^ xai 'Haioöfi) (xkhp\ xai naoi av dyaO^oi yiviov- 
rai, €vl exdoT(i) avvoivdtu yiaideiag x)Jog. «(i' nvx. ei^ui evae- 

45 ßrjg, EvO^vTckeig, fJc; f^iopog olda ^eov, av öi vxd &Qaavg elöirctt 
oio^iBvog yuxi doeßrjg tov firj ovta do'Aiov; idv öi fifj iÖQv&rj 
iHov ß(0fi6g, ovx eau ^aog, idv di )äQv&7) fu} x>eov, S^eog 
eoTcv, itiave Jdx>oi x^ecov /naQTvgeg; eqya 8al ftaQzvQSiv ma 
^hog, vu^avx(pxai ^fiiga fiagzvQOvaiVy logat ai5r^i juaQtvQeg, 

50 y^ oJirj 'Aaq7toq>OQOvacL fiOQTvg, aeXijvrjg 6 xvnXog, hüvov iQ- 
yov, ovQavwg juagvuQta. 

44 nnidUa \ 46 Mivai\ tlvtti \ 49 nUov 



v^rjer Brief. Beiiii ObcrWickcn dieses Briefes') wird die Aufmerksamkeit 

eines kritischen Lesers alsbald von einigen Stellen festgehalten, 
welche Äufschluss über die Zeit und die religiösen Ansichten des 
Verfassci-s versprechen. Das bereits Geschehene prophetisch vom 
Standpunct der Vergangenheit aus als zukünftig verkünden zu 
lassen, das sogenannte vattcimum pont eventum^ ist bekanntlich 
ein in der pseudepigraphischen Litteratur sehr beliebter Hand- 
griff, und ein cigenthümlicher Kitzel pflegt die parasitischen 
Schriftsteller anzukommen, dass sie eben in solchen Weissagun- 
gen des schon Eingetroffenen durch mehr oder minder genaue 
Zahlen einen chronologischen Fingerzeig über ihre eigene Gegen- 
wart geben. Ohne weiteren Nachweis darf von diesen Sätzen als 
von anerkannten litterärgeschichtli6hen Axiomen Gebrauch ge- 
macht werden, seitdem die Forschungen über das Buch Daniel, 
die apokryphen Esrabücher und andere apokalyptische Schriften 
auch ausserhalb des engeren theologischen Kreises eine würdi- 
gende Theilnahme gefunden haben. Wenn daher unser Briefstel- 

**^*"7*** Icr den Heraklit sagen lässt, *nach fünfhundert Jahren {fur' 
iviavTovg ntvtcoLoaiovg Z. 35)' werde er selbst noch in frischer 
Erinnerung der Nachwelt fortleben, von seineu Widersacheni aber 
keine Namensspur vorhanden sein, so braucht man, um das Zeit- 
alter des Briefstellers zu ermitteln, nur von Ileraklits Zeitalter 
fünf Jahrhunderte vorwärts zu zählen. Nun ist es zwar bis jetzt 
nicht gelungen, Geburts- und Todesjahr des Philosophen festzu- 
stellen ; aber nach allen im .Alterthum verbreiteten Angaben er- 
streckte sich seine sechzigjährige Lebenszeit (Diog. Laert. 8, 52; 
9, 3) bis tief in das fünfte Jahrhundert vor Gh.; der Briefsteller 
darf also für einen Sohn des ersten Jahrhunderts nach Chr. gc- 
RibhKke ^^^*^^" werden. — Mit gleicher Sicherheit diängt sich noch vor 
ZBAtM. jeglicher analytischen Prüfung der einzelnen Gedanken und Wör- 
ter die Wahrnehmung auf, dass ein ikonoklastischer Eifer, wie 
er in der ersten Hälfte des Briefes (Z. 11 ff.) hervorbricht und 
am Schlüsse (Z. 45 ff.) zu abermaliger Aeusserung gelangt, schon 
seiner Heftigkeit wegen nicht einem Jünger der freigeistigeu 
Philosophenschulen beigelegt werden kann, welche sich ja nur 



•»". «1 



kühler Gleichgültigkeit gegen Bildsäulen und Tempel als gegen viaicrBnrf. 
unwesentliche Dinge befleissigten, sondern auf den Einttuss bibli- 
scher, auch die Aeusserlichkeiten des heidnischen Cults als sünd- . 
haft verpönender Lehre zurückgeführt werden muss. — Wollte 
man nun aber diese beiden auf den ei*sten Blick sich darbieten- 
den Bemerkungen, die chronologische und die religionsgeschicht- 
liche, zu dem Ergebniss vereinigen, dass ein Jude oder Christ 
des ersten Jahrhunderts nach Gh. den ganzen Brief verfasst 
habe, um seinem Abscheu gegen den heidnischen Götterdienst un- 
ter der schützenden Maske des ephesischen Philosophen Ausdruck 
zu geben, so würde eine genauere Betrachtung der einzelnen 
Theile des Briefes bald jlavon überzeugen, dass sie durch keiner- 
lei hermeneutische List oder Gewalt mit jenem Ergebniss in 
Einklang zu setzen sind. Ein Anhänger der Bibel, welcher einmal 
ein so unumwundenes Bekenntniss seines polemischen Glaubens- 
eifers abgelegt hatte, würde sicherlich nicht unnöthiger Weise 
sich mit der Mythologie verfangen und jeden Tugendhelden für 
einen Gemahl einer Hebe erklärt haben (Z. 43 f.). Auch zu der 
Verherrlichung des Herakles (Z. 22) konnte er sich nicht sonder- 
lich aufgelegt fühlen. Noch weniger hätte er es sich gestattet, 
den Heraklit thatsächlich • die Anklage des Euthykles zugeben 
und wegen der Tugendkämpfe, die er siegreich bestanden, eine 
ähnliche Vergötterung, wie sie Herakles zu Theil geworden, an- 
sprechen zu lassen ; denn dass dies Z. 25 ff. geschieht, kann kei- 
nem Aufmerkenden verborgen bleiben. Endlich wird in dem 
grössten Theil des Briefes die Bildung {rtaidda Z. 38, 44. vgl. 
Z. 3, 20, 22) als das letzte Ziel alles Strcbens in einer Weise 
gepriesen, die sich mehr für einen Philosophenschüler als für 
einen Synagogen- oder Kirchenbesucher wenigstens des ersten 
Jahrhunderts nach. Chr. zu schicken scheint. Deutlich kommen 
demnach in der jetzt vorliegenden Gesammtgestalt des Briefes 
zwei nicht bloss verschiedene, sondern unvereinbare Richtungen 
zum Vorschein: zuvörderst eine philosophische, welche die grie- 
chische Mythologie nicht gänzlich verwirft, sondern zu vergeistigen 
sucht, welche ferner den tugendhaften Menschen vergöttert und 



<jr» 



Jyileii 

und 

Ctamtcn 

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fcpbMM 



wferBrii'f.die Unsterblichkeit des Geistesnihnles ersitrebt. Aus dieser Rich- 
tung ging der grössere Theil des Briefes hervor, und da auch 
die den chronologischen Fingerzeig enthaltenden Sätze die 'Bil* 
düng [naidtiav Z. 38)' feiern, so darf das erete Jahrhundert nach 
Chr. als Entstchungszeit jenes philosophisch-rhetorischen Grund- 
stockes gelten. In der Natur der Sache liegt es , dass Schrift- 
stücke, welche der Name des ephesischen Philosophen empfahl, 
auch wenu sie nicht aus Ephcsos stammten, doch bald sich dort 
verbreiteten. Nun hatte das aus der Hauptstadt Joniens zur 
Hauptstadt der Provinz Asia gewordene Ephesos, wo der römische 
Proconsul, bevor er andere Städte betrat, seinen feierlichen Ein- 
zug halten musste (Ulpian. Digest. 1,. 16, 5), früh eine zahlreiche 
Judengemeinde in seinen Maueni ; schon um die Mitte des ersten 
Jahrhunderts vor Chr. weiss ihr Einfluss von dem Proconsul 

• 

Dolabella und anderen römischen wie ephesischen Behörden man- 
nigfaltige Privilegien zu erwirken, deren Wortlaut Josephus 
(Alterth. 14, 10, 12, 13, 25) aufbewahrt hat; und dass schon im 
ersten Jahrhundert nach Chr. zu Ephesos eine ansehnliche 
Christengemeinde bestand, zeigt der in den neutestamentlichen 
Kanon aufgenommene Brief an ihre Mitglieder. Erregte daher 
dort ein angebliches Actenstück Aufsehen, welches die philoso- 
phische Auflehnung des berühmten Ephesiei*s gegen den helleni- 
schen Götterglauben urkundlich zu belegen schien, so konnte ein 
dortiger Jude oder Christ leicht sich versucht fühlen, den ihm 
zu matt dünkenden Angriifeft des speculativen Freigeistes eine 
schärfere bilderstürmerische Beimischung zu geben. Von den 
zwei solchen Ursprung verrathenden Partien lässt die eine, am 
Schluss des Briefes befindliche, schon durch den ihr angewiesenen 
Platz erkennen, dass sie keinen Bestandtheil des ursprünglichen 
Ganzen gebildet hat. Denn Z. 44 rcisst mit den Worten nai- 
detag Aiog^ welche die Empfehlung der Tugend und Bildung 
beschliessen, der Faden in empfindlicher Weise ab. Die folgen- 
den Sätze leitet zwar eine sonst zur Zusammenfassung des Vor- 
hergehenden dienende Frage ein: 'Bin ich denn nun nicht 
fromm, der ich allein Gott kenne? (a^' ov% eifd ivaeßtQt dg 



V 



2\) 

^ovoQ oida O'iov, Z. 44); jedoch von der Gottescrkeniitniss hatte vicrtirunw. 
der Schreibende längst abgelenkt; und da die zu Anfang des 
Briefes den Widersachern entgegen geworfene Frage nach dem 
Wesen Gottes (r/ ianv 6 d^aog Z. 10) auch von dem Philosophen 
selbst nicht beantwortet worden, so ist es nicht ersichtlich, welche 
Berechtigung er sich zu der pochenden Schlusswendung erworben 
hat, *dass er also allein Gott kenne'. Der Mangel eines ebenen 
Gedankenfortschritts führt mithin darauf, dass dieses nachschlep- 
pende Anhängsel von einem biblischen Leser hemlhrt, welcher, 
ohne Rücksicht auf den Zusammenhang, am Ende des Briefes, 
wo es am bequemsten war, seinem Eifer gegen die Altäre der 
heidnischen Ungötter Luft -machte und den kümmerlichen Mitteln, 
mit welchen die Menschen ihren wahren oder falschen Meinungen 
von Gott ein äusserliches Zeichen stiften, die biblische Lehre ge- 
genüberstellte, dass die Naturmächte und Himmelsköi-per als 
* Werke (Igya Z. 48, 50)' Gottes von ihrem Werkmeister und 
Schöpfer am nachdrücklichsten zeugen. Es gehört nicht viel 
Bibelfestigkeit dazu, um in dem 'himmlischen Zeugniss (pvQaviog 
ftaQTVQta Z. 51)' des Mondes und der Sonne, des Tages und der 
Nacht die deutliche Reminiscenz an den Eingang des . neunzehn- 

* 

ten Psalms (o/ ovQavol ditjyovwai doSctv O^aov -ktL) zu ent- 
decken. 

Nicht so einfach lässt sich die Absondeiiing der in die 
Mitte des Briefes (Z. 1 1 ft.) eingedrungenen ähnlichen Bekämpfung 
des heidnischen Cults bewerkstelligen. Darüber freilich, dass 
sie sich ebenfalls auf biblischem Boden bewegt , wird kein Unbe- 
fangener Zweifel hegen, obwohl es nicht zu leugnen ist, dass be- 
sonders die ältere, noch nicht in supranaturalistischer Vorsicht 
geübte Stoa sich kühne Ausfälle gegen Tempel und Tempeldienst 
erlaubt hat. Aber um durch den Contrast deutlicher zu empfin- 
den, welch ganz anderer Geist als der stoische in der fraglichen 
Bnefstelle weht, braucht man nur die hauptsächlichste Aeusserung 
dieser Art zu vergleichen , welche in des stoischen Schulstifters 
Zenon Idealstaat (Tlohzeiay zu lesen war. Sie kann doil keinen 
grossen Raum eingenommen haben; denn als der Skeptiker 



30 . 

ri««<r8ri«f. Cassius die späteren, mit der Volksreligion liebäugelnden Stoiker 
durch Hinveisung auf diese Ketzerei ihres Lehrers necken wollte, 
sah er sich genöthigt, genau den Fundort derselben nach der 
Zeilenzahl*) des Buches anzugeben, und schwerlich stand dort 
viel mehr als der knappe Syllogismus, welchen Clemens**) wört- 
zeaom 'ich mittheilt: 'Heilige Tempelhäuser zu errichten ist gar nicht 
*nöthig; denn für heilig darf man nichts halten, was nicht zu- 
'gleich werthvoll und ehrwürdig ist. Nie aber kann werthvoU 
'und ehrwürdig sein, was ein Werk von Bauleuten und Handlan- 
gern ist\ Im ei*sten .rahrhuudert nach Chr., zur Zeit der Ab- 
fassung unseres Briefes, würde kein' Stoiker sich auch nur so 
weit vorgewagt und den Bund, welchen die Schule mit den Ver- 
tretern der bestehenden Religionen gegen die Epikureer einge- 
gangen war, in so offener Weise verletzt haben; wahrscheinlich 
gehölte die Stelle auch zu denjenigen, welche wegen ihrer Ver- 
fänglichkeit für den guten Ruf seiner Gesinnungsgenossen der 
stoische Vorsteher der pergamenischen Bibliothek Athenodoros 
aus den ihm anvertrauten Büchern ausschnitt***) ; und der *Ide4il- 
staat' muss wohl zu den Werken Zenons gerechnet werden, welche 
nach Clemens****) Bericht, selbst die Anhänger der Schule nicht 



*) Bei Diogenes Jjaertius 7, 33: xaru rovg Jtaxoafoug [arf/ov^ r^c 
IfoXtjiütg Scy^'finTd^fi Ztivwv] /.nj(f Uqk ... fv raU noUaiv ofxo- 

**) Stromat 5, 11 p. 691 P. : Xfyti Jl xal Zi^vfor 6 rrjf artotxrjg xxia- 
Tiji utitiattag iv t^ r^^ Jloliiefag ßißXftfi f*^Te vaoug ötiv notttv 
firijt ayulfittTa, fdij^h' yrtQ f?V€u tm* dfuiv ii^ior xnutaxiwafittf X€t\ 
y(){t(f>nr ov JiJifr nirraig X^^tai rdJt' '/<(»« rt o!xoJoft(tv ovJiv 
*J(ria(i, ie(}ov yt<Q ftri noXXou ü^iov xkI ttyiov ov^h' /qti vof4(^(tv* 
Utvölv Ji noXXov n^tov xuX ftytor ofxoJoiitor toyoi* xai ßitvuvaioy'. 
*•♦) Diogen. Laert. 7, 34: ^xr/iij^^i'«/ (priatv [^fatJojQog 6 IT€Qy€(fAriv6g] 
ix Tbjv ßißXftov T« Xttxtac Xey6fA€V€( nttQtt ttug artaixoiq vn jiS-rivo- 
Jtü(tov Tov aruuxov ntoitv^i^nog r^r Iv UeQya^tp ßtßXio&tjxrjv, 
*•*•) Strom. 6, 9 p. 680 P. : o/ arfoixo). Xfyovai Zriywvi ry Tr^wr^ yi- 
yQatp^iu Tir«, « /i^ (*fg^^<os intTQinovai rots fia&rjrdig «ntyiviaa* 
xuv fiii ovx^ ftft^av Ji^tüxoat ngoTtftov ii yvtiaitag ifiloao<fotiv. 



31 

leicht zu lesen bekamen. Aber wie zahm klingt immer noch vseder Brief. 
Zenons Ton, in Vergleich mit der bitteren Feindseligkeit unserer 
Briefstelle. Der Stoiker will nur in dem neu zu gründenden 
Staat keine Tempel errichtet wissen, weil sie 'unnöthig' sind, und 
gegen die abergläubische Verehrung des todten Bauwerks richtet 
er eine kalte Dialektik ; unser brieflicher Polemiker hingegen zer- 
legt mit dem Wohlbehagen des Hasses die übliche Tempelform 
in ihre einzelnen Theile, um dann jeden für sich der Verachtung 
preiszugeben. Zuerst wendet er sich zu dem vaog (Z. 11) im 
eigentlichen Sinne, der Tempelzelle, in welcher das Götterbild 
aufgestellt war. Weil die' Zelle mit Oberlicht, das sogenannte 
Hypäthron, im Alterthum eine seltene Ausnahme bildete und die 
bei weitem meisten Tempelzellen ihr Licht nur durch die Thür 
empfingen, also stets halbdunkel, und in den zahlreichen ge- 
schlossenen Tempeln (s. Lobeck Aglaopham. 279) ganz finster 
waren, ruft der Bibelleser, welcher das Licht als Gottes erste 
Schöpfung kannte, den Hellenen höhnisch zu: 'ihr seid fromm, 
die ihr Gott', den Vater des Lichts, *im Finstern aufstellt {avae- 
[ielg ye oi iv axAvei xov ^sor idQvßve Z. 12)'. — Nach der Zelle, 
welche der Ungott bewohnt, kommt dieser selbst an die Reihe; 
der Marmor, aus dem er geformt worden, liefert Stoff zu zwei 
dem Injurienvorrath der griechischen Sprache entnommenen und 
in einander geschlungenen Beschimpfungen. So gut wie auf einen 
stumpfsinnigen und empfindungslosen Menschen passt auch auf 
einen solchen Gott der Ausdruck *er ist von Stein' {ki&ivog Z. 13 
s. Jacobs' zu Achill. Tatius 2, 815); und wie von einem Menschen 
niedriger Herkunft gilt auch von ihm das homerische Sprichwort 
(Odyss. 19, 163 eoal ano nerQrjg)^ für welches hier nahe Syno- 
nyma (s. oben S. 12) eintreten: *er ist vom Felsen geboren («c 
'/.QTj/nvcSv yevvarai Z. 14)'. — Von der Bildsäule wird zu ihrem 
Fussgestell (ßaaig Z. 15) übergegangen; nur falsche Götter brau- 
chen einen Boden, auf dem sie stehen ; der wahre Gott, welcher 
der Boden alles Daseins ist, ruht auf und in sich selbst; für ihn 
kann es keine 'ausreichende (i^aQxi] Z. 15)' Grundlage ausser 
ihm geben. — Dann wird noch in der den Tempelvorhof um- 



32 

virrt«rBri«f. hegenden Einfassung (neQißoXogZ. 16) ein Zeichen einer irrigen, 
die schrankenlose Unendlichkeit Gottes verkennenden Voi-stellung 
gefunden und der ganze Angriff mit dem Ausspruch beschlossen, 
dass *der allein würdige Tempel Gottes das gesammte Weltall 
*sei {fikog 6 xoufiog avrtlß vaog eari Z. 16)\ Auch zu diesem 
letzteren Gedanken finden sich sehr nahe stoische Parallelen, 
welche Cicero in ihren praktischen tempelzerstörenden Folgen so 
geläufig waren, dass er sie sogar bei den Pei*sei*n voraussetzen 
zu dflrfen glaubt als Beweggrund zu der Verheerung der griechi- 
Ttrshfhe scjien Tempel durch Xences. Die Mager, will er berichtet gefun- 
zJrtÄrai ^^^ haben*), hätten dem König die Zerstörung angerathen, weil 
sie &s für sündhaft hielten , die Götter, 'deren Haus das Weltall 
sei', in Tempelwände einzuschliessen. Beiläufig gesagt, bleibt es 
bei dieser alle Tempel vei'werfenden Motivirung unerklärt, wes- 
halb gerade einer der grössten und berühmtesten, der ephesische 
der Artemis, von der {ingeblichen persischen Religionswuth verschont' 
ward**); der Grund kann doch wohl nur darin gesucht werden, dass 
diese Göttin wegen ihres orientalischen Charakters auch den Persern 
ehrwürdig war; die Misshandlung der übrigen griechischen Hei- 
ligthümer wird also, trotzdem es fest steht, dass der zoroastrische 
Cult tempellos war (s. Herodot 1, 131), nicht aus einem allge- 
meinen Eifern dei' Pei'ser gegen Tempel herzuleiten, sondeni als 
eine harte Kriegsmaassregel aufzufassen sein, welche, nach He-. 



♦) De leffg, 2, 10, 20: delubra esse in urbibus censeo, nee sequm* via- 
(fos Fersarum, quibns anctoHbns Xerxes inflammasse templa Orae- 
ciäe diciUtr, giiod 2}arieiibua includerent deos, quiftus ofnnia 
(Uberent esse patentia et lifjera quommqtie hie wumlus aninis 
ietnplum esset ei domus, — De rep, 3, 9, U : eam nnmi ob catisaw 
Xerxes inßammari Äiheniensium fana iussisse diciiur, qnod deos, 
quorum domus esset totns hie mundus, inehisos parietibus eofUineri 
nefas esse duceret. 

*) Strabo H, 634: to /attnetnr toü ^fiJvfjt/&s UnolXtavog to li» 
BQayxC^atg ivinQtfa&fi und Si(f$ov xaStintQ xak ta aiXtt Uga :iliiv 
rov ^j' *E«p4a(^, f 



33 

rodots (5, 102) Angabe , die Perser als Repressalie für die Ein-viertirBrirf. 
äscherung des Kybebetempels bei dem Brande von Sardes recht- 
fertigten und von welcher begreiflicher Weise Scheu vor den 
nicht anerkannten griechischen Gottheiten nicht zurückhalten 
konnte. Jedoch wie es auch mit den stoischen Ansichten der 
Mager über Tempel sich verhalten mag, überall wo wirkliche 
Mitglieder der stoischen Schule dergleichen Ansichten äussern, 
fehlt die polemische Spitze entweder gänzlich oder wird vorsich- 
tig abgestumpft, Seneca*) z. B. giebt zu, dass *das ganze Welt- stoik« 
*all ein Tempel der unsterblichen Götter sei , und zwar der ein- ^ Tempd 
*zige ihrer Hoheit und Herrlichkeit würdige', aber er macht dieses ö«"*»- 
Zugeständniss nur um trotzdem die Scheidung zwischen Heiligem • 
und Weltlichem zu empfehlen. Nicht ganz so harmlos aber doch 
auch keineswegs ungestüm lautet eine stoisch gefärbte Stelle 
gegen Ende von Plutarchs Aufsatz über Gemüthsruhe, welcher, 
nach van Lynden's (de Panaetio p. 115) wahracheinlicher Ver- 
muthung, die gleichnamige Schrift {naql Ev&vfuag) des Stoikers 
Panätios ausbeutet. Die Worte lauten **) : *Das Weltall ist der 
^heiligste und Gottes würdigste Tempel. In diesen wird der 
^Mensch durch seine Geburt eingeführt und bekommt darin nicht 
'unbewegliche, von Händen gemachte Bildsäulen zu schauen, son- 
'dern, nach Piatons Ausdruck, solche Abbilder der Geist^rwelt in 



*) De hcnefie, 7 7, 1: [reüpondelurj totum Mundum dearnm esse im- 
inorUillHm templnm, hoIum ([nidem awplitmlhui ülornm ac inagni- 
ficeniia dignuw, et tarnen a sncris profana dhcerni, 

**) c. 20: Uqov fiiv yaQ ayuitarov 6 xoaftos Itnl xal d-ionQiniarttror. 
tlg <Ti TovTov 6 avßxHfinog (tadytitu Jiu rrj^ yevi<f(0)f, ov /«'po- 
xui^(üv oifJk äxivrjioiv ayttl^iurtoy O^eartjCf alV ota vovg ditos afa^ 
0-i}Tä vofiTtav fAtf.irifiuT€i^ ipr^aXv 6 Ulattav [z. B. in den Schlass- 
Worten des TimäoB], i^npurov iiQxh^ C*^^^ j[;|f oktm xnl xivr^attoe 
tfpijviVf fiXiov xid ailr^v/jv xal aar^ xal norafiovg v4ov vJtoQ i^th*^ 
rag ail xtd yvjv ifvrois u xal (t^otg iQOipas avan4fJinova«v. toy 
Tov fiiov fiufjatv oyrtt xal itUriiv itlnoTartiv iv&vfiiai 6tt fitarov 
i7v€U xal yri^ous» ' 

3 



34 

TiautMeL 'jer Sinnlichkeit, wie die göttliche Vernunft sie mit einwohnender 
'Kraft des Liebens uni der Bewegung begabt und an das Licht 
. 'gebracht hat : die Sonne, den Mond, die Sterne, die stets frisches 
'Wasser hinströmenden Flüsse, die den Pflanzen und Thieren 
'Nahrung henaufsendende Erde. Da nun das menschliche Leben 
'gleichsam wie die höchste Mystcrienweihe zum Schauen dieser 
'erhabenen Dinge befähigt, so muss es auch von einer der 
'Mysterienweihe angemessenen Stimmung, von Gemüthsruhe und 
'heiterer Freude erfüllt sein'. Man sieht, trotz des Seitenblicks 
auf die 'unbeweglichen Bildsäulen' läuft die in ihrer Art präch- 
tige Gedankenreihe nicht auf einen Bildersturm, sondern auf eine 
Friedensmahnung hinaus. Wenn dagegen unser Polemiker mit 
dem gleichen Gedanken, dass die Welt der grosse Tempel Gottes 

sei, alle kleinen Tempel sammt ' den darin befindlichen 'Göttern 

f 

von Menschenhand {O^sog x^i^m^irjfvog Z. 15)' zerstören will, so 
hat er wohl nicht den Stoikern nachgesprochen, sondern entweder 
unmittelbar hingeblickt auf den Anfang des letzten Capitels im 
Jesaias: 'So spricht der Ewige: der Öimmcl Ist mein Thron und 
'die Erde meiner Füsse Schemel, wo giebt es ein Haus, das ihr 
'mir bauen könntet und wo ist die Stätte, da ich mich nieder- 
'lassen soll?' oder er hat den Spruch mittelbar kennen gelernt 
durch die Predigt des Stephanus (Apostelgesch. 7, 48), in welcher 
er als Beleg angeführt wird für den Satz, dass 'der Höchste 
'nicht in Händewerk wohnt (o^x o vipcarog iv xeiQonoiirjfcolg xcrr- 
oixeZ)'. 

Der biblische Kern der zu der sonstigen philosophischen 
Haltung des Briefes nicht stimmenden, also später eingeschobe- 
nen, polemischen Sätze ist sonach zu Tage getreten. Dass die 
Einschiebung mit dem Wort nenoixdfidvog Z. 17 ihr Ende er- 
reicht, ist dann von selbst klar ; weniger scharf sondert sich da- 
gegen ihr Anfang von den umgebenden Theilen ab. Man könnte 
versucht sein, ihn da anzusetzen, wo zuerst ein völliges Verlassen 
der Briefform eintritt und gar nicht mehr der Adressat Hermo- 
doros, sondern mit ausdrücklichem Vocativ die 'einfaltigen Men- 
schen (cJ äftad-sig av&QCjnoi ^. 9)' angeredet und zur Beant- 



I 

I « 



I i 



35 

wortung der Frage nach dem Wesen Gottes aufgefordert werden. r,ericr Brief. 
Hiergegen sprechen jedoch zwei Gründe. Erstlich ist ein solcher 
von Hermodoros zu den Ephesieni überleitender Vocativ auch 
den unmittelbar auf die Einschiebuug folgenden Theilen des Brie- 
fes unentbehrlich, da sie ebenfalls nicht Hermodoros, sondern die 
Ephesier anreden {vft7v Z. 18). Zweitens würde der biblische 
Interpolator , wenn er selbst die Frage nach dem Wesen Gottes 
{ri iazLv 6 dfog Z. 10) aufgeworfen hätte, schwerlich dieselbe so 
gänzlich unbesprochen gelassen und mit plötzlichem Abspringen 
\ die Frage nach dem Ort Gottes (nov d* iazlv 6 d^eog Z. 1 1) auf- 

gegriffen haben. Man entschliesst sich daher wohl, den Satz 
Z. 9 aXl\ cJ afia&elg av&QCjnoc .... niatevr^a&e noch der äl- 
teren philosophischen Partie zuzuweisen und die Grenzen des 
Einschiebsels vor nov d* iariv o 9a6g Z. 11 und nach Ttenoixik' 
fiivoQ Z. 17 abzustecken. Sollte dann noch der unvermittelte 
Uebergang von der Frage nach dem Wesen Gottes (Z. 11) zu der 
falsch gelesenen Altarinschrift (Z. 17) selbst für den abgerissenen 
Ton, welcher sonst als absichtliche Nachbildung der heraklitischen 
♦ Planier in dem Briefe herrscht, allzu gewaltsam erscheinen, so 

ist ja die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass, wie bei anderen 
Interpolationen , auch hier Theile des ursprünglichen Textes vor 
dem eindringenden Fremden haben weichen müssen; in den ver- 
drängten Sätzen war vielleicht von dem Wesen Gottes verweilen- 
der geredet und die jetzt entstandene schroffe Verbindungslosig- 
keit verhütet. 

Erst nach der so vollbrachten Ausscheidung der biblischen Ankbt^e 
Zuthaten lässt sich Inhalt und Anlage der philosophischen Partie „^*Jj 
ungehindeit überblicken. Sie findet ihren angeblich geschicht- 
lichen Hintergrund in* einer nur für zu viele Denker des Alter- 
thums, von Anaxagoras an bis auf Theophrastos, hinlänglich be- 
glaubigten, für Heraklit jedoch durch keinen unverdächtigen 
Zeugen überlieferten Anklage auf Religionsverletzung. In den 
justmischen Vertheidigungsschriften*) für das Christenthum wird 



*) 1 c. 46: ol fjürä Xoyov ßtiiattyrtg /^<m«i'o/ ilaiv, xav u9'€oi fro- 






36 



ri«ternr»f.zwar HcrakUt als ein wegen Leugnung der heidnischen Götter 
! Verfolgter neben Sokrates genannt und eben deshalb für einen 

I vorchristlichen Christen erklärt. Aber nachdem das erste Jahr- 

hundert nach Chr. als die Abfassungszeit unseres Briefes erkannt 
und seine Verbreitung in christlichen Kreisen durch die biblischen 
Zusätze bezeugt ist, so kann jetzt noch bestimmter, als dies frü- 
her schon möglich war, behauptet werden, dass jener wenigstens 
ein Jahrhundert später schreibende Apologet, welcher unbeküm- 
mert genug ist, sogar den Heraklit zusammen mit Musonius Eufus 
den Stoikeiii beizuzählen, keine abgelegenen Quellen über das 
Leben des Ephesiers benutzte, sondern nur unseren Brief im Sinne 
hatte. Die thatsächliche Erhebung der Anklage muss also, bis 
sie eine bessere äussere Stütze findet, auf sich beruhen bleiben 
und mit ihr zugleich die Existenz der zwei sonst nicht nachweis- 
. baren Ephesier , des Anklägers Euthykles und seines tempelräa- 
berischen Vatei-s Nikophon (Z. 2). Es wäre sehr denkbar, dass 
ähnlich wie später Aristoteles durch freiwilliges Verlassen Athens 
dem ihn bedrohenden sokratischen Schicksal auswich, so auch 
Heraklits Rücktritt vom poh tischen Schauplatz (s. oben S. 15) 
es seinen demokratischen Gegnern überflüssig erscheinen liess, 
mit einer formulirten Tendenzklage wegen Gotteslästerung^gegen 
den bereits unschädlich gewordenen Staatsmann vorzugehen. Aber 
leugnen lässt es sich nicht, dass noch nach Ausweis der uns vor- 
üegenden Bruchstücke seines Werks, , Heraklit den Vertretern des 
bestehenden Cultus vollauf ausreichenden Grund gegeben hatte, 
ihn als Religions Verächter zur Strafe zu ziehen, und der Brief- 
steller übertreibt durchaus nicht, wenn er den Philosophen sagen 
lässt (Z. 7), seine Gedanken über die göttlichen Dinge befanden 



fiia^fjaaVf oioi' iv "EXXtjai filv SüntQaxug xaX 'HgaxXtirog xal ol 
ofiotot ttVToTg, — 2 c. 8: »al roug ano iü>y atauxiSv JoyfittTOfV (nitdri 

xaric rov tj&ixbv Xoyoy xoafitot ytyoynm fitf^ta^a^i xal 

7itipoy€va9ai otJafjiiv, 'üQdxXttrov fiiv cuc nQoifpufity, xal Movoni' 
vioy Ji iy roiV xm^' Vf^^f$ ^"^ aXXoug otJafny, 



>. * 



37 

sich im Gegensatz zu dem Glauben seiner Mitbürger. Mit \s'elchvierterBriof. 
schneidendem Hohn er die Sühnopfer und die sie begleitenden 
Ceremonien behandelte, ward früher (Theophrastos über Frömmigk. 
S. 190) dargelegt; mit gleicher Heftigkeit griff er den Dionysos- 
cult an; und auch die Mysterien verschonte er nicht*). Um so 
bezeichnender erscheint es, dass unser Brief nicht solche hervor- 
stechende Lossagungen von dem herrschenden Ritus zum Gegen- 
stand der Anklage wählt, sondeni eine aus dem Mittelpunkt der 
heraklitischen Speculation abgeleitete Lehre; Euthykles verfolgt 
den Philosophen, weil er einen Menschen und zwar sich selbst 
für einen Gott ausgegeben habe (Z. 5 ^sonoicSv av&QtoTvov ovza 
ifiavTov). Zu eindringenderem Verstandniss unseres Briefes wird 
es daher erforderlich, die Anlässe, welche Heraklits System zur 
Verwischung der Grenzen zwischen Mensch und Gott darbot, und 
zugleich die Fäden aufzuzeigen, welche seine hierauf bezüglichen 
Lehren mit späteren Erscheinungen der griechischen Philosophie 
verknüpfen. 

Dank der Polemik, welche Hippolytos gegen den Sekten- Heraki« 
häuptling Noetos richtet (s. oben S. 4), kann Heraklits eigene ^^^ 

Uiuterbltcbe 

Fassung seines hier in Frage kommenden Grundgedankens, von uad 
späteren Zusätzen befreit, zum Ausgangspunkt der Erörterung st«rt>Mch«. 
dienen. Noetos wollte die zwei Personen der Trinität, den un- 
sterblichen Vater und den gestorbenen Sohn, zu einheitlicher 
Gottesmacht ifiovagy/a Hippel. 9, 10 p. 450, 53 ; 448, 46 Götting. A.) 
verschmelzen. Dies, meint Hippolytos (0,10 p. 440, 15), sei kein 
christliches, sondern ein hcraklitisches Dogma. Denn lleraklit 
sage offenbar, dass *das Unsterbliche sterblich und das Sterbliche 
'unsterblich sei in folgenden Worten: ''Unsterbliche sind sterblich 
"und Sterbliche sind unsterblich; sie leben den Tod Jener und 
"das Leben Jener Werben sie {Uyet de dftoloyovfiivwg %6 aO&- 
'vacov ehaL &vrit6v %ai xo »vrjtov a»avaTOV dia rcov Totoytwv 
'loyiov. ''d»avaTOi i^vrj'roly &vrizol ä&avazoiy ^oivzej 
''tov exaivcDV i^avazov, rov de Heiviav ßiov te&vedi' 
''zagiy In dieser ursprünglichen Fassung, welche die vollstän- 
digste Einerleiheit dadurch ausdrückt, dass in. den zwei Gliedern 



iiartfrBricr. der Antithese Subject und Prä(lic«at die Stellen wechseln, tritt 
die physiologische Richtung des Gedankens deutlich hervor. Nicht 
Götter und Menschen werden mit ihren gewöhnlichen Namen ge- 
nannt, sondern von Leben und Sterben ist die Ilede, und nur ein 
einzelnes Ergebniss der allgemeinen Ansicht Heraklits von dem 
Ineinander der Gegensätze, nämlich die Wesenseinheit von Leben 
und Tod, wird concret auf die Träger des Lebens und Todes an- 
gewendet und gelehrt', dass zwischen den unsterblichen Mächten 
und den sterblichen Geschöpfen ein ununterbrochener RoUcn- 
tausch stattfinde, ein Eingehen des Unsterblichen in die Sterb- 
lichkeit und ein Erwachen der Todten zu neuem Leben. Denn 
dass Heraklit selbst diese letztere nothwendige Folge seines 
Satzes gezogen und eine Auferstehung anerkannt habe, darauf 
deuten, zur Bestätigung einer glücklichen Ahnung Schleiermachers 
(S. 497), einige von Hippolytos*) zwar sehr verderbt mitgetheilte 
und noch nicht vollständig vei'besserte Worte, in denen jedoch, 
deutlich Verstorbene als auferetandene *Hüt)er*erwähnt werden, 
welche Benennung aucli Hesiodos**) den zu seligen Dämonen 
gewordenen Todten des goldenen Zeitalters beilegt. In dem er- 
örterten physiologischen Sinn verwendet der aus heraklitischer 
Schule hervorgegangene Piaton den hcraklitischen Gedanken zu 
seinem ersten Beweis für die Unsterblichkeit der Seele, welcher 
ja auch auf der Lehre von der allgemeinen Einheit der Gegen- 
sätze fusst. Piatons kurze Zusammenfassung jenes Beweises': 
'die Lebenden werden aus den Todten so gut wie die Todten 
*aus den Lebenden {ofioloyetrac . . . tovq ^tUwag in tcSv red'veci' 
%uiv ye^ovlvcti ovdiv tjttov tj xovq te&i'etSrag ix %iav C^oivzcjv 



*) 9, 10 p. 446, 18: üya Jl xtä aagxos uvaaraaiv Tairrjg (pai'tQag 
iy y ytyeri/it^ xal rbv ihiov oiJe ravtrig rijs avaariaitag atriov 
ovttag UytüV ^€v^a cT iovri inavCaraa^at (vielleicht «v^ 
^eo^tv te inavtataa^m) xal tpilaxaq yiviff^ai iyiQriCov- 
xotv xttX ytxQtSv (vielleicht iy^Qti, CtÜvras fx viXQ6iv)\ 
**) Opera 121: lol fihy ^aifiovis dai /Itog fiiyalov ätit ßovlas *Ea- 



*to 



Phaedon 72a)' ist nur eine Umschreibung des noch kürzeren vkrtrrBrinf. 
heraklitischen Spruches: 'Unsterbliche sind sterblich, Sterbliche 
'unsterblich (dd-avozoi d-prjzoi, -l^vrjrcoi aiyavatoi)\ Jedoch dem 
Schicksal, welches die älteren griechischen Philosophen überhaupt 
traf, dass ihre auf physiologischem Boden erwachsenen Gedanken 
in einen logischen oder ethischen verpflanzt wurden, ist auch das 
heraklitische System unterlegen, und zumal den in ihrer Physik 
gänzlich von Heraklit abhängigen Stoikern musste es erwünscht 
sein, wenn sich durch leichte Umdeutung physiologischer Sätze 
Heraklits eine bequeme Brücke schlagen liess zu ihrer eigenen 
Ethik, welche in dem Satz gipfelt, dass der weise und gute 
Mensch göttlich sei, wie zuerst die Formel vorsichtig lautete, 
oder, wie es • von Anfang gemeint und hald auch gesagt ward, 
Gott*) sei. Noch jetzt lässt sich in den verschiedenen Citir-üBbiidan^ea 
weisen des heraklitischen Spruches der allmähliche Fortgang der ,j^*^m. 
mit ihm vorgenommenen Umbildung verfolgen, und Glosseme, wh«» 
die sonst nur für Genossen des philologischen Handwerks Inter- ^^ **" 
esse haben, erlangen hier eine in die Geschichte der Philosophie 
und wohl auch der Theologie hineinreichende Bedeutung. Zu- 
nächst beschränkte man sich darauf, in den Theilen der Anti- 
these, wo die Adjective ad-avoroi, d^vrjzoi als Subject substanti- 
visch stehen, die Substantive O^eoi, avO-gcoTtoi zu setzen; und, 
statt der ursprünglichen Worte 'Unsterbliche sind sterblich, 
'Sterbliche unsterblich {d&avcxvoi d^vrjzol, d^vr^roi a9avatoiy lau- 
tete es jetzt: 'Götter sind sterblich, Menschen unsterblich (&€ol 
&viluoi, av&Q(i)7tot d»avaToi)\ Diese Form trägt der Spruch in 
der handschriftlichen, neuerdings mit Unrecht geänderten Ueber- 
lieferung bei dem homerischen Allegoriker Herakleitos (c. 24 
p. 51 Maehler); in derselben Form kennt ihn der philosophische 
Declamator Maximus aus Tyros {düs. 10, 4); und eben diese 
Form zerlegt auch Lucian dialogisch, indem er den Heraklit in 
der Philosophenversteigerung (c. 14) auf die Frage 'was sind .die 
Menschen (w dal ol av^gwnoiy mit dem ersten Gliede der Au- 
tithese antworten lässt: 'sterbliche Götter {&€oi &yf]voc)' und auf 
die Frage *was sind die Götter {zi dal ol &eot)' mit dem zweiten 



rwtcr Brief. Glicde: 'unsterbliche Menschen (av{>QCJ7foi äx>dvazoi)\ Aber da 
in dieser Fassung noch immer Götter und Menschen durch den 
ausdrücklich hervorgehobenen Unterschied von Leben und Tod 
getrennt blieben, so ward ein weiterer Schritt gewagt. Nicht 
bloss für das Subject , sondern auch für das Prädicat wurden die 
Adjective di^araroiy &vr{toi mit den Substantiven v^«ot, avd^Qionoi 
vertauscht ; und nach diesen Eliminationen hatte nun die kühne 
Gleichung folgende Gestalt: ^Götter sind Menschen, Menschen 
Götter (*€oi ar&Qiauoiy av&Qwnoi &€ol)\ So erscheint, abge- 
sehen von einer unerheblichen Veränderung in der Aufeinander- 
folge der antithetischen Glieder, der Satz als ein von Heraklit 
selbst aufgestellter in der 'Erziehungslehre' des Alexandriners 
Clemens*) und dient dort einem Zwecke, der am deutlichsten 
und kürzesten durch Mittheilung der umgebenden Worte des Clemens 
bezeichnet wird. Es war vor Putzsucht gewarnt, *denn der Mensch, 
'welchem der Logos einwohnt, * schminkt sich nicht und putzt sich 

• 

*nicht; er hat die Gestalt des Logos; er ist Gott ähnlich geworden; 
'er ist schön und braucht sich nicht schön zu machen; ja, er 
'ist die wahre Schönheit, denn auch Gott ist dies, jener Mensch 
'aber wird Gott, weil er will was Gott will. Richtig sagte also 
'Heraklit: "Menschen sind Götter, Götter Menschen". Denn der 
'Logos ist in Beiden derselbe. Offenbares Geheimnissl Gott ist 
Im Menschen und der Mensch ist Gott und der Mittler vollbringt 



*) Paedag. 3, 1 p. 251 F.: o arihQonros ixiivog, qt avrotxos 6 Xoyo^, 
ov noixüMTat, ov nJArxirait /AooffTjv tyji rviv rov loyov^ i$oi4otov- 
IM 10} ^(tfff xalof ItniVt ov xalXam/CtTtti * xaXXog iaü to «Aij^ipdr 
xtd yttQ 6 &w iCTi, t^ibg Jl ixttvog 6 uv&Qtanos y/wr«/, on ßov^ 
Intu o Oiog, oQO^iai nQa klrtiv *H(mxUtTog' 'avO^Qfonoi &€oC, 
^iol &v^Q(oiToi^' loyos yoQ 6 airros (so statt des überlieferten 
yuQ ttuTOi, was Sylburg irrthümlich zu der joniscben Form yaQ 
touroi geändert hat). fivarriQiov ifitpnvi^ ^(og iv av^Qtoni^^ xal 6 
SyOQtoTiog <>tos, xal t6 »iXtifiu tov natQog 6 fitadfn ixreXit' fit- 
atjfig yaQ 6 Xoyof 6 xwvog ufitpotv, d^tov fih viog awiiq ^k «r- 
(^tinuv, xtd TOV fih ^laxoyog ^fitov dk naiäaynyos. 



*den Willen des Vaters, denn der Mittler ist eben der Logos, vi«rteri*rier. 
'welcher beiden gemeinsam ist; von Gott ist er Sohn, für die 
'Menschen ist er Erlöser, er ist Gottes Diener und unser Lehr- 
'meister'. 

Leser, welche der Untei-suchung gefolgt sind, erkennen nun 
von selbst, wie unzulässig es ist, die verschiedenen späteren 
Glosseme zu verbinden und die aus ihnen zusammengesetzte 
Form dvx^QCüTtot O^eoi &v7]toI^ i}^€ol avd-Qio/tot äd-avarot für die 
echt heraklitische anzusehen. Dass J. A. Fabricius (zu Sextus 
Empir. p. 185) und Schleiermacher (S. 499) so verfuhren , war 
verzeihlich, da sie den Hippolytos entbehrten; dass jedoch nach 
dessen Entdeckung, gegenüber der von ihm überlieferten kurzen 
und reinen Fassung dennoch den glossematischen Trübungen eine 
Berechtigung zugestanden wird, muss von einem so besonnenen 
Kritiker wie Zeller (I, 483) auffallen ; und nur von einem Nicht- 
kritikcr wie Lassalle (Phil. d. Gr. I, 137) ist es begreiflich, dass 
er den Glossemen sogar den Vorzug vor dem ursprünglichen 
Text giebt. 

Je grössere Aufmerksamkeit nun noch heutigen Tages nöthig 
ist, um den physiologischen Gedanken Hcraklits von der späteren 
hauptsächlich durch die Stoiker beförderten anthropotheologi scheu 
Umbiegung getrennt zu halten, desto geringere Verwunderung 
kann es erregen, dass der im ersten Jahrhundert nach Chr. 
lebende JBricfsteller gegen Heraklit eine Anklage wegen Menschen- 
vergötterung anstellen lässt. In jener Zeit war der Stoicismus 
zu weitverbreiteter Herrschaft gelangt, und auch ausserhalb sei- 
nes Kreises zogen Menschen, die mit dem Anspruch auftraten, 
als Götter auf Erden zu wandeln, die Augen der gebildeten wie 
der ungebildeten Welt auf sich; beispielsweise sei, ausser dem 
Mager Simon und ApoUonios von Tyana, nur noch der Bojer 
Mariccus genannt, von welchem Tacitus*) unter den Ereignissen 



♦) Hist. 2, 61: Mariecus quidam e pUhe Boiorum . . . provocare 
arma Romana simülatiane numtnwn ausw est, tamque adsertar 
GaUiarum ei äeus, nam id Hbi indidcrat, concüis octo mt^tbue 



4J 

virrterBrief. des Jahi'es GO.iiach Clir. erzählt, dass er, mit dem Vorgeben Gott 
zu sein , Gallien gegen die römische Herrschaft aufgewiegelt und 
auch noch als er besiegt und den wilden Thieren vorgeworfen 
war, bei der Menge Glauben an seine göttliche Unverletzlichkeit 
gefunden habe, weil die Thiere ihn nicht gleich zeiTeissen woll- 
ten ; in Gegenwart des Kaisei-s Vitellius musste er anderweitig 
zu Tode gebracht werden. Für die nächsten Leser des Brief- 
stellers im ersten Jahrhundert nach Chr. hatten demnach die 
ähnlichen Ereignisse ihrer Gegenwart sowie die gangbare stoische 
Aui)legung heraklitischer Dogmen einer Erzählung, dass Heraklit, 
weil er in den Ruf gekommen sich für Gott auszugeben, ange- 
klagt worden sei, hinlängliche Glaublichkeit verliehen; und nicht 
minder geschickt als bei dem Gegenstand der Anklage meinte 
wohl auch der Briefsteller bei ihrer Zurückweisung heraklitische 
Data verwendet zu haben. Heraklits Vertheidigung nämlich, 
dass die Anklage auf einem Buchsttabirfchler beruhe und die* 

z-^ddeutise Altarinschrift bei richtiger \Yortabtheilung nicht ihn selbst, son- 
i^^ ^^™ ^^^ Herakles angehe (Z, 18 ff.), enthält nur eine übertrei- 
bende Ausdehnung dessen, was nach Anleitung dos dritten lUuiis 
der aristotelischen Rhetorik (5, l40Tb 14) über die Ilauptquellc 
der heniklitischen Dunkelheit in den Rhotorenschulen gesagt zu 
werden pflegte. Auf welch mechanischem Wege der Verfasser 
des Briefes zu dieser Uebertreibung geführt ward, lässt sich noch . 
aus unserem Vorrath rhetorischer Handbücher deutlich machen. 
Der aristotelische Tadel betraf die lockere Wortstellung , welche 
die *Interi)unction erschwere (diaaxi^ai tQyov)\ wie man gleich 
zu Anfang des heraklitischen Buchs bei dem Satz 'Unfähig sind 
*dic Menschen immer vorhandenes Gesetz dieser Art zu erkennen 
{tov Uyov Tovöe iovzog äet a^vveroc av»QOinov yiyvovraiy in 



liominum iiroximos Aeduarum pagos tralhehat, cum gravissitna ci- 
oUas eUcta iuventute, adiectis a Vitdlio colnn-ttbus fanattcam. 
inuUitudinem dünecit caplus in eo prodio ükiriecua ac mox ftris 
ohieetm, qma nan lanttOfatur, sMidum vtdgua imiolabtlem crede- 
bat, donec apectanU VüeUio^interfectu9 est. 



Zweifel koiiiiiic, ob das Adverbiuni 'immer' der crsttii oder dci-vi« 
zweiten Hälfte des Satzes anzuschliessen sei — ein sehr wohl- 
gewähltes Beispiel, da es in der That für die Controverscn "der 
späteren Philosophen über Weltewigkeit und Weltschöpfung 
(s. oben S. 10) nicht unwichtig war, ob Heraklit nur den Men- 
schen ewige Unfähigkeit vor\verfen oder ein ewiges Dasein eines 
und desselben gesetzlichen Weltlaufg lehren wollte. Ohne An- 
führung eines Beispiels und in einer abgekürzten aber nichts von 
dem Sinn aufopfernden Fonii findet sich dasselbe wieder in des nicht 
näher bekannten Demetrios schöner Schrift über prosaischen 
Ausdruck; die dortigen*) Worte lauten: 'der lose Satzbau ist 
'es, welcher zumeist das heraklitische Buch dunkel macht'. Jedoch 
die späteren lilictoren, welche jedes Lehrstück mit möglichst 
vielen Untci-abtlieilnngcn zu versehen liebten, versäumten es 
nicht, bei der Reliandlung der Zweideutigkeit (a/ufißoh'a) aus 
der aristt>telisclicn Bemerkung Nchenarten der schwierigen Inter- 
puncüon abzuzweigen. Diess geschieht z. B. in den rhetorischen 
Vorübuii^'en des Tlicon, dessen zwar nicht genau bestimmbares 
Zeitalter si-hworliL-li weit von dem unseres Briefstellers cntfenit 
ist Als eine Art der Amphibolic wird dort**) die 'zweifelhafte 

•; lic ehcut. 102: i.V 'Uf}n)'iHiov axwuiä .i«(f ro nhJatov h lwT«C. 
••; l'rngtßH». p. Hl, 30 SiMUp-l: itan-iÜ J* ti.>- 'ii>unriltv nottt »nl i) 
UyaiUtr, ,\,„f,fi'Mu m-öi »™v J.<ti«..»™i-- ««'<» ''f «'"»•*»' '''''' 
i\.hti,Qeto-u xni •fiy,'>i!i(fov, e.i Ir J<?^Y,/irn'l2: nta«Ziric Jitfioufa 
Itnii- fr i-i'' r"V '' '"" T" '"f' '*' *"' «•^'«''t'*""'' '"'i'Cl'l« *'"*' "'' 
aovaa Sr,i,oaSu, iuyoy Ji rö JiguiiiCi-oi-, i'i'i-h f-j'^i -iMoimc *ffrw 
i^fioaia- iti J» [dio hier in ilcr Vulgala folKonden Worte x«l 

Binv Ti ftötiiov äJ>]i.ov 5 ftiä rlvo! oi-niuixim sind als irrtUüm- 
liohe Wiederholung einer folgcudcn Zeile iii streichen) oioi- 
OYKENTAYPOIS ö 'llQaxX^t fiäztrni- atiualin y"Q <''*. ""Z^ 

xtyiaiQOit ö 'llQHxlnt t'«x"'" ' "^ «"^^ **' '"'^'P"' ° 'Iloa^^hs 
ftäx*""- öfiolat Ji nffn'fif yCniai ifQuatf k«1 oiav n ffiymil-oc 

fiÖQiov ÖJflioc 5 /i*r« rlfos atnrxl^axrai 7tt«M tbwiji- 3i in* 

Afiiftßoliuy ri 'lleaxUtiov Tov <fil.oai,(>oi> ßißU« anouivh yfyove 

Quintäi. 7, 9, i dUtrum [gauu amphOmliae] est. m qvo aXia itf 



Ticf<e»Bn«f.s3ntaktisclie Verbindung eines Uedetheils' aufgeführt, und 
daran die lierköniniliche Hinweisung auf Heraklits hieraus ent- 
springende Dunkelheit geknüpft. Aber vorher wird auch vor 
zweideutiger s vi labischer Verbindung gewarat, die nfcht bloss 
bei raschem Sjirechen. sondern auch in der keine Wortabtheflung 
kennenden- Schrift der Alten leicht eintreten konnte. Zwei Bei- 
spiele erläutern die Warnung: in dem griechischen Satz 
^:lYylHTPI2 naaovaa drjftoafa eazio^ welchen auch der Abriss 
stoischer Rhetorik bei Diogenes Laertius (7, 62) zu gleichem 
Zwecke benutzt, bleibt es zweideutig, ob eine, etwa bei einem 
musikalischen Wettkampf, durchgefallene Flötenspielerin (avltjzQig 
Treaovaa, vgl. Aristophan. Ritter 540 zoze fiiv nhctuv zote d- 
ovxi), oder ein gemeingefährliches bereits dreimal eingestürztes 
Hofgebäude (avh) zglg Tteaovaa) dem Fiscus zugesprochen wer- 
• den soll. Ebenso lässt <ler Satz OYKEirr^YPOI^ 6 'HQmkijg 
ftayizaiy es unklar, ob Herakles' Kampf mit den Kentauren (ou 
Y.€vtccvQoig) oder sein Kampf mit dem kretischen Stier (o??x iv 
zavQotg s. Diodor 4, 13) geleugnet werden soll. Fand nun unser Brief- 
steller auch in seinem rhetorischen Ilandbuclic solche syllabischc 
Amphibolie immittelbar neben der dem Heraklit eigenthümlichcn 
syntaktischen abgehandelt, so konnte er leiclit darauf verfallen, 
dem Heraklit auch die erstere beizulegen, und so hat er denn ein 
Vexirexempel doppelsinnigen Buchstabirens in der sowohl auf 
Heraklit wie auf Herakles passenden Aljtarinsclirift HP^/Ky/lUTiit 
£<Ö£2f/ß/ (Z. 17—10) zu Stande gebracht. 

Wie frostig die Spielerei sein mag, so nmss doch anerkannt 
werden, dass der Verfasser das auf geschmacklose Weise Gc- 
wonnenc im Verlauf des Briefes nicht ohne Sinn und Geschick 
zu verwcrthen versteht. Nach zwei Seiten war es ein glücklicher 



ieffro rerho significatio est, alia dhiso ...ex quo.. Graeei con- 
/rotr^-xiVw dticunt; indeahl^TQi, üla vülgata. cum quaeritur, tUrum 
aula gnae ter eeciderit, an t(bie(f^ si celiderit deheai püblicari. 
Vgl. Uaupt vor dorn Berliner Vorlcsungavorroichniae 1863/4 p 4 



m 






!f • 45 • 

Wurf, dass das Buchstabenspiel gerade auf Herakles geführt vierter Brief, 
hatte. Erstlich war sein Cult in Ephesos mit besonderer Weihe 
umgeben '<*); sein Bild erscheint auf den Münzen der Stadt; das Herauee 
Asylrecht des Tempelbezirks der Artemis wird von den Ephesiem *" ^' *****' 
in einer vor dem römischen Senat im Jahr 22 nach Chr. gehalte- 
nen Rede*) auf eine Gewährung des Herakles zurückgeführt; als 
Abwender des Unheils {aTtoTQonaiog) war ihm im Theater eine 
Bildsäule errichtet (Philostrat. Leben des Apo Hon. 4, 10; 8, 7, 9); 
und noch um die Zeit des nicäuischen Goncils war ein ephesisches 
Standbild des Schützers (dh^UcrAog) Herakles berühmt, welches 
zur Verherrlichung des Apollonios von Tyana die Gesichtszüge 

• 

dieses Wunderthätei-s trug (Lactant. hstit. 5, 3). Heraklit 
durfte also das Band, welches den Heros von Alters her mit sei- 
ner Vaterstadt vereinigte, noch enger zu knüpfen wagen, indem 
^ er durch den neuen Beinamen 'Ephesier' ihn gleichsam in die 

ephesische Bürgergemeinde aufnahm (Z. 18 fcokizoygaqxjv vfuv 
%ov i>B6v). — Ferner bot Herakles, in dessen Persönlichkeit sich 
der Uebergang aus der irdischen Menschennatur in den Götter- 
stand auch der mythengläubigen Menge darstellte, einen bequemen 
Anhalt, um die juristisch geleugnete Menschenvergötterung auf 
philosophischem Umwege zugeben und so rechtfertigen zu lassen 
wie es Z. 22 ff. geschieht. Auch bei solcher Benutzung deriief»kiot.a,c« 
Ilcraklcssage folgte der Briefsteller einem besonders wiederum ^^g**^^^^ 
in der stoischen Schule herrschend gewordenen Zuge. Eben um 
die Apotheose ihres Weisen durch ein allgemein anerkanntes Bei- 
spiel zu beglaubigen, waren die Stoiker eifrig bemüht, in den 
Thaten und Leiden des von einem Weibe geborenen Göttereohnes 
die Verwirklichung ihres Ideals einer im Donken, Wollen und 
Handeln vollendeten Menschlichkeit aufzuzeigen. Unverholen 
-ward der menschliche Sohn des Zeus und der Alkmene für einen 
'Weisen' im stoischen Sinne erklärt**); alle Kunstgriffe und Ge- 



^) Tacit. Annal. 3, 61: auctam conce88U ITerculis, cum Lydia poU- 

retur, caerimoniam templo, 
**) Senec» de eonstarUia sapimtis c. 2: Ulixtn tt UereuieM Stoici 

Mttri $afienUs pronvntiaoerunt. 



4Ü 

ri*Tt«rBikf.\valtstreichc allegorischer Mythendeutung wurden aufgeboten, um 
die gröberen Bestandtlieile der Sage ethisch zu vergeistigen ; wie 
die Tüdtung der verechiedenen üngethüme als Besiegung der ein- 
zelnen Laster ausgelegt ward, mag wer Lust dazu empfindet bei 
dem homerischen AUegoriker Herakleitos (c. 33) nachlesen; und 
die gar zu ungeschlachten Dinge, welche der allegorisirenden 
Spiegelfechterei eine unüberwindliche Sprodigkeit entgegensetzten, 
wurden als nicht vorhanden mit Stillschweigen übergangen, da 
man sich scheute, sie so offen wie es unser Brief mit dem Morde 
des Iphitos (Z. 23 ^evo'Avovog vgl. Odyssee 21, 26 f.) wagt, als 
' Ausgeburten der lügnerischen' Phantasie Homers (Z. 23 tig 
"O^irjQog itpevaavo) und anderer Dichter zu verwerfen. Gegen 
Homer so rücksichtslos aufzutreten war der Briefsteller, da er 
aus Heraklits Munde redet, wohl befugt; er befindet sich hier 
mehr im Einklang mit dem Tone der uns bekannten echten 

4 

heraklitischen Aeusserungen über den Dichter als wenn er ^ä- 
terhin (Z. 42), vom rhetorischen Strome fortgerissen , die vorge- 
brachte Beschuldigung der 'Lüge' vergisst und Homer nebst 
Hesiod in die Reihen der Unsterblichen als Gemahl einer Hebe 
aufnimmt. Denn wie Heraklit den Volksglauben bekämpfte 
iTrnkiit (s. obenS. 36f.), so suchte er auch die dichterischen Stützen des- 
«*»*■ selben wankend zu machen; jeden Anlass ergreift er, um die 

HoUBCf 

und dichterischen Lehrer des Volks der Unwissenheit und seichter 
"*••****• Lebensauffassung zu zeihen. Wenn Homer den Achilleus wün- 
schen lässt, dass *der Streit aus (lem Reich der Götter und 
'der Menschen vertilgt' werde*), so schilt ihn Heraklit, weil ein 
solches Friedensgebet der umfassendste und entsetzlichste Fluch 
sei, der je ersonnen worden; denn wenn aller, auch der unter 
den 'göttlichen' Mächten herrschende Streit geschlichtet ist, so 
vei-siegt der Quell des durch die Gegensätze genährten Lebens 
und 'das All wäre dahin (nix^jaead^ac yap, cptjai, navta Simplic 
in Categ. p. 88b 30 Br.)'. Weil der 'Vielwisser Hesiodos (Diog. 



*) Ilias 18. 107: c»; iQ9g Jtx r^ &ttay ix i^ «v^jtuiv ajtolotto. 



47 
Laert. 9, 1)' die Nacht den Tag gebären lässt (Theogon. 124) 

• 

als eine nicht bloss von ihr gesonderte, sondern in unvereinbarer 
Trennung (751 ovdi no%* dfiq>oTiQag dofiog Ivvog Hgyet) ihr ge- 
genüberstehende Gottheit, so höhnt ihn^O Herakh't, dass 'der 
'Lehrer der meisten Menschen, der angeblich das grösste Wissen 
'besessen, nicht einmal von Tag und Nacht gewusst habe'; denn 
sie seien nicht getrennt zu denken, sondern nur als die gegen- 
sätzlichen Seiten eines und desselben Verhältnisses. Derartige 
Ausbrüche einer von der allgemeinen Verehrung der epischen 
Nationaldichtcr schroff abstechenden Polemik mussten dem Brief- 
steller bekannt geworden sein ; ohne einen solchen urkundlichen 
Rückhalt hätte ein griechischer Rhetor schwerlich auch nur vor- 
übergehend den Muth gefunden, Homer einen 'Lügner' zu nen- 
nen; und so wäre in dem vorliegenden Brief, ausser der im 
Allgemeinen richtigen Bezeichnung von Heraklits religiöser Eigen- 
thümlichkeit, wenigstens in Einem deutlichen Falle auch eine 
Bezugnahme auf einzelne Kraftstellen des Philosophen zu er- 
kennen. 

Ergiebiger nach dieser Seite sind die zwei folgenden Briefe, 
welche wegen der Gleichheit des Adressaten und der Aehn- 
lichkeit des Inhalts zu ungetrennter Behandlung sich empfehlen. 

V. 

Herakleitos an Amphidamas. Ich bin erkrankt, Amphidamas, Fanfter 

lud wdutor 

an der Wassersucht. Ruft doch Uebeimacht eines jeden der in uns ji^ef. 
vorhandenen Elemente eine besondere Krankheit hervor ; das Ueber- , 
maass des Warmen ist Fieber, das Uebermaass des Kalten Lähmung, 

V. 

^Hga-AXeizog ^Jin(piddfiavTL. NoGotfiev, ^/^fiq^idafta, votanv 
vdQUTta' (Sg ye oaa iv ijfuVy haazov to TLQotog v6ai]fia' 
vneQßoXr^ &€Qfiov TivQszog, vneQßoXif xpvxQOv naQaXvaig, 
vnEQßoXfi nvevfiarog nviyog , vrcagßoXri vyqov ij vvv ififj 



2 v^iiiona, wOTi oaa \ 4 nvTyog i} rvy 



48 



Fiibfter 



das Ueberinaass der Luft Erstickung, das Uebernaaass des Nassen 
**^ meine jetzige nasse Krankheit. Aber eine göttliche Kraft ist die 
Seele, welche jene Elemente in Ordnung hält Die Gesundheit ist 
das Ursprüngliche, die Natur ist der grösste Arzt Denn die ur- 
sprüngliche Unerfahrenheit kann nichts unabhängig von der Natur 
errathen, sondern erst indem die Menschen nachträglich der Eine 
dies der Andere Jenes der Natur nachahmten, sind sie dahin ge- 
langt, ihrer Unwissenheit den Namen Wissenschaft zu geben. Ich 
jedoch, wenn ich des Weltalls Natur erkannt habe, so erkenne ich 
auch die des Menschen, erkenne die Krankheiten, erkenne die Ge- 
sundheit Ich werde mich selbst heilen, ich werde Gott nachahmen, 
der im Weltall die Ueberschreitungen des Maasscs ins Gleiche bringt, 
indem er an die Sonne sein Gebot erlusst Nicht Iloraklcitos wird 
der Krankheit unterliegen, sondern unterliegen wird die Krankheit 
dem Geiste des Herakleitos. Auch in dem All wird Nasses trocken, 
Warmes kalt Meine Weisheit kennt die Wege der Natur, so kennt 
sie auch Mittel , die Krankheit zu hemmen. Sollte jedoch der lecke 
Körper, bevor ich helfen kann, allzu viel Wasser gezogen haben, 
nun so wird er in die Tiefe des Schicksals sinken. Aber nicht ver- 

5 vyga voaog. dXla &u6v zi xl^vyr^ f^ agfinCnvaa avza, vyeta 
iati To TTQunoVf lazQrAwxatov (fvöig ' ov yaQ iixa^ei ij ngcoz-q 
dzeyyia zc ^rag^ avzrjv, aAAa tazegov dlloi Skia ftifiovfuvoi 
oi äv9Qi07rot iniazTifiac: zag dyvoiag ixahaav. iyio el olda 
'Aooftov q>vaiVj oida ytai dvd'Qcinov , olda voaovg, olda vyeiav' 
10 laaoftat iftavzov, fufifjaoftai 'D'sov, og xoa/iot; dfurgiag mav- 
iGoi riUo} a/rivdcziov' ovx dhiaezai voaq) ^HQavdeizog, vooog 
PjQaxXeizov aXioaizai yvdjurj' xai iv t^3 navzl vygd avaiv€zai, 
i^BQfta xfjvy^azai. olöev ifiij ootpia odovg cpvaeoig, old^ xat 



49 
sinken wird die Seele, sondern, wie sie unsterblicher Art ist, wird Fünner wnd 

« sedistrr 

sie aufwärts in den Himmel sich schwingen, des Aethers Wohnungen jj^j^f 
worden mich aufnehmen und dann will ich mit den Ephesiern Hän- 
del suchen. An der Verwaltung werde ich theilnehmen, nicht unter 
den Menschen, sondern unter den Göttern, und nicht werde ich An* 
deren Altäre emchten, sondern Andere mir, auch wird nicht Kuthykles 
mich mit einer Unfrömmigkeitsklage bedrohen, sondern ich ihn mit 
meinem Götterzorn. Die Leute wundern sich , wie doch Herakleitos 
immer düster dreinschaut, nicht wundern sie sich, wie doch die 
^lenschou immer schlecht sind, flöchtet ihr nur ein wenig in euerer 
Schlechtigkeit nachlassen, so solltot ihr mich bald lächeln sehen. 
Gleichwohl bin ich jetzt in der Krankheit milder geworden, weil ich 
keinen) Menschen begegne, solidem in der Einsamkeit krank liege. 
Vielleicht ahnt auch die Seele ihre Erlösung aus diesem Gefängniss, 
nn<l hervorlugend aus dem erschütterten Körper gedenkt sie ihrer 
Heimath, aus der sie herniederkam in die HüU^ eines zerfii essenden, 

voöov nau'/Mv. flar äi (pO^itoav hdqavt'kov yivijcai to aioftOy 
15 öüaetat tig co u/iaQiiivov, d/2a ov ipvxt) övatrat, a/la aO^a- 
vazov oioct iQijid de ouQavov ctraHtrjaecai furagoiog, d>ioa'- 
Tai ö^. //£ aid^tQKn öof.tai /ml 'Jupeaiovg ox/Mtfix-iTl^iHo. iioh- 
TivoofiaL ov'A h ch'OQomoig aU' iv Oerrlg, yxd ovy, )ÖQvaoJ 
ixXhov f-koitoug uU' efioi oilloi , oiöi cljuih]au fini Uiü(kiav 
20 EvO^v'/Mjg «AA' fyco i-^uvifj /iolr^v. ^>^ai\uaCovat viotg aei 
o-Ac^Q(07i:og ' lloaviltii og, ov OaiftaCovai nvßg aal .inrt]Qoi 
(iv^Qionoi, lU'AQä cijg /MAiag vrcavetre , y.ayoj rayß fut- 
öiaaio, /.ahoi 7rQ(f6r£Qog fv tJj vooti» vir f.yivofir^v , (in ov/, 
lvtvyxav(o^dv&QO)7ioigj alka ^lovog voa(^t. raya /.al ijwyj} - 
25 fiavzevetai aTio/iiaiv eavxrjg ijd)] noze ex xov daafuoTf^Qiov 
Tovzov Tiai OHOfUvov Tov aciftavog }:/.'/.vnTovaa ärafUfm^a/.e' 
tat la 7ratQta yojqla, Vv^tv vxailihovöa /reQufldhro giov xi 



24 lioj'off voaifi I 27 ntQteßuXiro Uvtqqv atÜfAu u^'^veioi tovto 

4 



I 

i 



SO 

F&Aiter lAüi todteu Köi-pei's, deäselben, von dem die andern Menschen walineu . er 
f "^iJT le^Cj in Schleim, Galle, Lymphe und Blut, gesteift mit Sehnen, Kno- 

I chen und Fleisch. Denn wenn nicht die Leidenschaften mit ihrer 

Klügelei über die im Leben selbst liegende Strafe täuschten, würden 
wir nicht vdrläugst den Körper znrückgelasseu haben und aus ihm 
fort''eeaiiJ?en sein? Lebe wohl. 



VL 

An denselben. Die Aerzte, Amphidaraas, haben sich, und zwar 
recht eifrig, um meine Krankheit versammelt, sie, welche die Kunst 
80 wenig wie die Natur kennen, nur mit dem Unterschiede, dass sie 
die Katur nicht einmal kennen wollten, die Kunst jedoch zu kennen 
wähnten, von beiden aber nichts wussten. Nichts weiter thaten sie 
als dass sie mit ihrem Betasten mir den Bauch schlaff wie einen 
Schlauch machten. Einige wollten mich auch behandeln, aber ich 
liess es nicht zu, sondern forderte von ihnen erst über die Krank- 

aüfia Taihuog^ zovro o doxel zolg akkntg Ojv iv q^l^yfiaai 

'/ML xo}S^ y,cu iXiOQL Aal aXfiazi, vex^Qoig xal oarolg %ai oaQY.eoi 

7i67n?,7]ftivov, €1 yuQ fi^ TCT 7fdd^fj yLatiaocpiuTO Tt]v 'AokamVf 

30 ovK UV ijdf] irQi)7ra)ML '/MvaXijrovTig'To aio/tia f^rjkd'Oftev an 



>__» 



auTov] tQQioao, 



VL 



7Vp avTip. ^vvij)Mov o\ lazQot, ^^//y/da/za, xat ytavv ngoi^l' 
luog ye ini ziji' ijuijv vovaoy, ovre zixv^jv ovre q^vaiv eiöoregy 
dV.ä Tu fiiv oväi ißovkovzo, zo di idoxovv, afiq^cj de 
35 riyvoovv, ovdiv 7tkiov i] xazefiaXa^av fiov zijv yaaziqa zalg 
a(palg log daxov. oi di xai ^eganeveiv ij&elov, d?JC ovx 
iTtizQBxffa, akXa koyov avzovg ttqozbqov yz^vv zijg voaov, Tuxt 






/ 



51 



heit Rechenschaft, ucd diese konnten sie nicht geben, auch bemeister- Fuoficr und 

«chstei 
Brief. 



ten nicht sie mich, sondern ich sie. Da sagte ich : 'Wie könntet ihr "*^***' 



•r 



wohl Flötenvirtuosen sein, wenn Jemand, der gar kein Flötenspieler 

ist, euch besiegt? ich werde mich selbst heilen; oder ihr sollt es 

thuu, wofern ihr mich belehren könnt, wie aus Ueberschwemmiing 

Dürre zu machen ist.^ Da sie nicht einmal die Frage yerstanden, so 

schwiegen sie, eutblösst wie sie sind von jedem eigenen Wissen. So 

erkannte ich denn, dass auch die übrigen Kranken wohl nicht von 

den Aerzten, sondern vom Zufall geheilt werden mögen. Das sind 

die wahren Unfrommen, Amphidamas, die sich Künste anlügen, welche 

sie nicht besitzen, und Krankheiten behandeln, die sie nicht kennen, 

und unter dem Vorgeben der Kunst Menschen tödten, während sie 

sich zugleich an der Kunst und an der Natur versündigen. Man 

schämt sich, wenn man sich zur Unwissenheit bekennen muss; aber 

noch schamvoller ist es, sich zu einer Wissenschaft bekennen ohne 

sie zu besitzen. Was macht ihnen das Lügen für Vergnügen? Oder 

ovTt edoaaVf oväi iisQuyivovzo fiov, akl^ iyat avzuiv. ^fcvig 
ctv ovv^ t(pr^v 'divaiCxhe avhjzal ntxvlTai. elvai vno //i; avh}- 

40 Tov rjitijfuvoi] ifiavtov laao^uai, ij vfte7g, iav ye fie öida^ijze, 
7ridg e^ irco/ußQtag avxfiov nonjciov, ot äi ovöi avvtivtig x6 
f,QciTi]f,ia rfiüxaaav d/toQovfiavoi hnacj^fir^g Idiov. iynov on 
vmI Tovg aUovg ov% avroi dlXä tvx'] ictaaiTO. ovrui daeßoi" 
aiv, ^j4^i(piöafia, vMTaxpevdo^iavoi Tiyvüjv ag ovx t^ovat y:al 

45 »€Qan€vovTeg a fit} ^laaat xai äTroy.tivvvvt6g uvt>Qcinotg dt' 
ovoficnog Tiyvrjg ddiyiovvTeg Aal (piatv 'aoL xi^vriv. alaxQov 
ioTiv öfioloyelv ayvoiav, aiaxiov hucvS.^uiv ovx i'xovici. r/ 
aikolg i)dd\o xpetÖBG^ai; i] i'va di' aTravtig xQW^^i<^^^^^^^ 
äfieivovg av rflav fUtairovvTeg' ^Xeoivzo yovv aV- vlv öf, • 



38 «iroTiT 'naii cV oiv' iifnv l S9 iav fn \ 47 ataxiov] alaxQov 



52 



Föaft«^ uad thuen Sie es etwa, um durch Betrug Geld zu erwerben? Da wäre 
Krfcf. ihnen doch wohler, wenn sie bettelten. Denn dann würde man sie 
doch wenigstens bemitleiden. Jetzt aber werden sie gehasst, da sie 
zugleich schädigen und lügen. Die übrigen Künste sind von niedri- 
gerem Werth, daher, lassen sie sich schnell erproben* Je edler ein 

* 

Ding ist, desto schwieriger ist die Probe. Ich wusste gar nicht, 
dass es solche Leute in der Stadt giebt. Keiner von ihnen ist ein 
Arzt, sondern alle sind sie Betrüger und Marktschreier, welche künst- 
liche Klügeleien für Geld verkaufen. Meinen Oheim Herakleodoros 
haben diese Men.schen amg»Lracht nud sich Sold dafür reichen 
Jossen, sie, die über meine Krankheit nicht Aufschluss geben konn« 
tea. noch auch darüber, wie wohl «u? Uel*er?chwerjnicriir Dfirre 
werde. Sie wx5i?en nicht, dass Gott die grossen Körper im Welt^iII 
heiJU indem er jede Verletzung des 3Iaas»^es wieder ins Gleiche 
bringt. Wa5 entzwei bröckelt, macht er irieder zu Einem; w.i.s aus 
den Fugen gleitet, zwingt er dazwischentretend wieder zusammen; 
was sich zerstreut, sammelt er; Glanz giebt er dem Scheinloscn; was 
sich zertheilt, hält er fest ; dem Enteilenden setzt er nach ; in Licht 

50 fjiaovvrai xai ßXamovzEg xai rpevöofievoi. €iya-?Ja'C€Qai a) 
aJJxti xiyiyaif zayacog e?Jyxovtar dvG^keyzcnieQa ca y.Q€lrrco. 
ühehrj&eaav fu o/ roiovrot f.v rfj uoIhi, omhig avcojv icrtQog^ 
aiJxi navxiq, tmateiZv€ci '^al rp/vaxig^ aoffioftara cixvr^f; 
agyvQiov 7n7iQaay.ovtEg, ' HQaideodojQov f/iov i^ilnv oiroi 

55 äni%t€ivav /mI t^uai>ov llaßov, oc oix föw/ji^rjoav ifiiji: vooov 
loyov €i7T€iv, ovdf i§ iTrofißQiag Trcog av arx/nog yivoixo. ovy, 
laaaiv ort O^sog h ycoofuif fuya?M aii giertet latQBvet f^tavtaoiv 
avxüv To afutgov za i>QV7tt6^uva evo/couly za oliai^rjoatta 
v7ro<p&äg nuCei, avvayei tä (nuävdfuva, q)aid()vv€i ta aVr^e/r ^, 



^ 



50 fifTvjf/areQtH 



53 

I 

lüsst er das Dunkel aufleucliten und begränzt das Unbogräiiztc, das Fünfter und 

■ Mchstcr 

Gestalilose bekleidet er mit Gestalt und das Uuempfindlicne erfüllt H^^f. 
er mit Trieben. Denn durch das ganze Dasein wandelt er bildend/ 
zusammenfügend und auflösend , starr machend und in Fluss brin- 
gend. Das Trockene schmilzt er zu Feuchtem und versetzt es in 
einen Zustand der Lösung, das Nasa lässt er verdunsten und ver- 
dichtet die locker gewordene Luft, und unablässig treibt er das Eine 
von oben herab und richtet das Andere von unten in die Höhe. 
Dies ist die ärztliche Behandlung für das krankende Weltall; ich 
werde sein Vorbild an mir selbst nachahmen, und den anderen Aerzten 
gebe ich den Abschied. 

60 yMzuQyu za dia?,ir](p&6VTa, önoiui xa (pevyovca^ fptjzifjiv äva- 
ldfi7ca TO locpeQOVy n^Qovol de z6 ayiUQov, xai fiOQqiijv fiiv 
t7itßa)lu zolg dfiOQffoig^ oQt^uoi; di ä%*ajri^in)^rfii xd dval- 
od-jjTa. dia 7idatji; yäg SQxexat xr^g ovolag 7rkaxxiov, aqfiotfavy 
dialvcüv, 7i}]Yvugt "/(jbiov. x6 juiv ^ijqov eli; vyqov xrj%Bi tlhi €ig 

65 Xvair avvo xad^tan^ai, xat kißadag ^liv eKÜ-vfu^, jiayJ'Vei öi 
ya)Moi)'ivcc( xov diga, xat aweycog xd fiiv aviod^ev dnüxu , zd 
6i xaiioi^ev )dQva. raff« xa//i'orro$ '/.oofiov i)^£Qa/ieia. zov* 
Tov iyit] ittiu[ooucu iv f,u«f£(>i, znlg d' aklotgi x«/()4£V liyto. 









Ob\Yolil iu diesen zwei Briefen**) Euthykles' Anklage auf 
Unfrömmigkeit und die Beschuldigung wegen des von Heraklit 
venvalteten AlU\i-s vernehmliclier (Z. 18 017 \ÖQvaio d}liov ßoj- 
fioi'i; . . . oi'di d!Tul!]au fiov daißeiar Ev»vyJS^g) oder leiser 
(Z. 43 nvzoi daeßoiiaiv) nachklingen, und obwohl auch (Z. 22 ff.) 
ein kurzes Schelten gegen die allgemeine Schlechtigkeit der Men- 
schen laut wird, so unterscheiden sie sich doch von dem vorher- 



54 

Füattcr Ulli gehenden vierten und allen folgenden Stücken der Sammlung 
*^^^*' sehr merklich durch die Abwesenheit der religiösen Polemik und 
das Zurücktreten der moralischen Predigt. Die physiologische 
Lehre rückt dagegen in den Vordergrund, jedoch nicht in nihiger 
Lehrform, sondern die Theorie dient zur Bekämpfung der von 
den Aerzten geübten physiologischen Praxis. Mit einer ausspa- 
renden Vertheilung der Motive, welche einem und demselben 
Verfasser beide Briefe beizulegen räth, bespricht der fünfte bloss 
im Allgemeinen den Gegensatz der falschen Arzneikunst zu 
der wahren Erkenntniss der Natur, ohne dass die Aerzte auch 
nur genannt wären; diese treten erst Im sechsten Briefe auf und 
erfahren dann auch einen unmittelbaren, derb persönlichen An* 
griff. Dabei häufen sich die noch aus den Fragmenten nach- 
i:aii«iiDii]i. weisbaren Entlehnungen heraklitischer Ausdrüd^e. So wird Z. 12 
Hmkhu ^" ^^"* Satze voooi; UfocrAeizov aliooBTai p'dfnj mit offenbarer 
Absicht das Wort yvdfirj im Sinne von 'Geisteskraft' angewendet 
— ein Gebrauch, der in dem späteren Griechisch eben so selten, 
wie in dem älteren Jonismus häufig ist. Heraklit hatte sich des 
Wortes in dieser Bedeutung mit solcher Vorliebe bedient, dass 
spätere Erklärer es sogar zum Titel seines Werks wählten 
(s. Heraclüea p. 9 und Rh. Mus. 9, 255). — In dem folgenden 
Satze fühlt jeder nicht gänzlich mit Heraklit Unbekannte durch 
die *Wegc der Natur (Z. 13 olöev iftn) aocpia odovg q)vai(jjgy 
sich an die *Wege nach oben und unten {pdog avco vtxxi xcfrw)' 
erinnert, auf denen die verschiedenen Elemente zum Feuer zurück 
und aus dem Feuer wieder hervorgehen; die nähere Schilderung 
dieses Naturprocesses am Ende des sechsten Briefes schliesst 
auch wirklich mit den genannten, für Heraklit terminologischen 
Adverbien (Z. 66 avcj^av . . . Y,ai;o}d^ev). — Ebenso deutlich 
spielt der *fliessende Körper (Z. 27 ^iov zt acofiay auf die Lehre 
an, dass die sämmtlichen Dinge sich in ewigem Tlusse' befinden 
(s. Anm. 12), — Dass ferner die lange Reihe von gepaarten Ge- 
gensätzen am Schlüsse des sechsten Briefes (Z. 58 ff.) Heraklits 
Manier nachbilden soll, hat schon Schleierniach^r (S« 358) be- 
merkt, und wenigstens Ein Gliec( der Reihe, das 'Sammeln des 



Zerstreuten (Z. 59 awayei ra oKidvafuvaY findet sich in 'Wort- Fünft« und 
lichem Gleichlaut bei Plutarch *) da wo er die Lehre vom ewigen *^*!*1" 
Werden unter zweimaliger ausdrücklicher Nennung Heraklits be- 
handelt und gleich nach einem solchen Citat eben jenes 'Zer- 
streuen und Sammeln' als einen das sinnliche Dasein stets be- 
herrschenden Gegensatz nennt. — Nicht minder giebt der Brief- 
schreiber das Bestreben kund, sich in dem was er über Heraklits uorauiu 
Krankheit und Verkehr mit den Aerzten vorbringt, der verbrei- 
tetsten Ueberlieferung anzuschliessen. Dass Hcraklit von einer 
Wassei-sucht befallen worden, darüber herrscht Einstimmigkeit 
unter den nicht weniger als fünf , in den Einzelheiten von ein- 
ander abweichenden Berichterstattern, welche Diogenes Laertius 
abgehört hat, wie ja dieser Stoppler zum Behuf seiner metrischen 
Sammelei {IlafifieTQog 7, 31) gerade über die Todesart der Phi- 
losophen immer besonders sorgfältige Erkundigungen einzuziehen 
pflegte. Was jedoch die den Aerzten von Heraklit vorgelegte 
Frage anlangt, so lautete sie nach Hermippos**) einfach: *ob es 
'möglich sei, die Feuchtigkeit durch Pressen der Eingeweide ab- 
'zuleiten?' Es ist begreiflich, dass der Briefschreiber, statt dieser 
Fassung, deren Farblosigkeit weder rhetorische noch philosophische 
Ausbeute gewährte, die andere wählte, welche Diogenes***) als 
die gangbare ohne Berufung auf einen bestimmten Gewährsmann 
verzeichnet; in ihr wird, wahrscheinlich nach Anleitung des 



*) De EL apud Delph, 18: noTttfuTt yiiQ ovx tarir (nßtjrm (Df t<>7 «vr^t 

x«.>* *JIfi(<xXtnov ov^k i^vijifjg ovata^ ölg fnlinaf^m *«^' t^tv (der 

stoischo Temiiniis für dio jedes Eiuzclwcseu zuBammenhalteudo 

Ki'aft der ludividiialität , s. Fabricius zu Sextus £mpir. Matliettu 

7, 102) akX' o^vTiiTi xal' rtt/ei fieiaßol^i axCdvfiai xcd nahv 

avvuy^i (als Nominativ ist aus dem Vorhergehenden ovaia und 

als Accusativ etwa ra ft^Qfj ttirrijs hinzuzudenken). 

**) Diogen. Laei^t. 9, 4 : "EQfiinno^ (prjai Ifyeiv aurov toTs iaTQoi^ «f 

TIS divaiTo ut ^VTtQtt niiaas t6 vyQov i^iQuatu, 

***) 9, 3: rcoi' hcxQijv tüvvyfAttTtodtog Inw^wvtxo tl ^vvm%*x* iS irrofi- 



i .r.r.t .M Iierakliti^clioii Weife, welches die Vor^äu^^» im ineuscIiJiehen 
><vi,5{€r j^i^Yver Air verkleinerte Abbilder der wechselnden Erscheinungen 

trief * 

dei? Xaturlehens erklärte, die krankhafte Wasserbildung des Hy- 
drops mit überschwemmenden Kegengilssen (Z. 41, öO i.^nuioko 
und die ärztliche Kntfernung des ATassers mit regenloser Dürre 
{(u'/tiog) verglichen. Auch dass die Aerzte. eben weil sie den 
Zusammenhang des Einzel- und Xaturlehens verkannten, nicht 
einmal jene Frage zu vei'stehen fähig waren, ^agt die von Dio- 
genes benutzte Quelle (9, o auv öi fn] ocvivriov) fast mit den- 
selben Worten wie der Briefschreiber (^Z. 41 oi öi ovöi avviiv- 
. reg vo igoinina). Es darf diesem daher als ein kleines Verdienst 
angerechnet werden, dass er den ihm zweifelsohne bekannten 
weitereu Verlauf der Anekdote, bei welchem ausser Diogenes 
auch noch Tatianus {ad Oraecos 3) mit Behagen verweilt, sei- 
nen Lesern erlassen hat und , die Briefe rein geblieben sind von 
dem Ochsendünger, mit welchem Heraklit sich bestrichen haben' 
soll, um dann unter dem Einfluss der Stallwärme oder, nach 
Hermippos' etwas weniger cynischen Version*), der Sonnenstrah- 
len eine Verdunstung des Wassers, ähnlich wie sie im All durch 
Wärme bewirkt wird, auch in seinem Körper herbeizuführen. 
Ohne dieser gewaltsamen Selbstheilung des Philosophen, welche 
im Wesentlichen auf die auch von der jetzigen Medicin zuweilen 
gegen Hydrops angewendete Schwitzkur»«) hinausläuft, in ihr. 
jeder rhetorischen Veredelung spottendes Detail zu folgen, be- 
gnügt sich der Briefsteller mit der allgemeinen Andeutung, dass 
Heraklit um ohne ärztliche Hilfe zu genesen Gott nachahmen 
wolle, der im Weltall vermittelst der Sonne (Z. 11 ,)?mi, tjuim- 
ziüv) die Ueberschrcitungcn des Maasses ausgleicht; diese Worte 
nämlich enthalten einerseits einen Hinblick auf die bedeutsame 
Stellung , welche Heraklit der Sonne als concentrirtem Feuer im 
Weltprocess zuerkennt (s. Heraclitca p. 12), anderereeits erinnern 



*) Wogen. Lacrt. 9, 4: "EQfAtnnoi tp^at . . . (^ktvat auiov €i( roy 



57 



sie au die erwähnte Version des Henuippo>. dass lleraklit. nach- 1 «ancr un4 

Brief. 



dem er jene wunderhche Liureibung vorgenommen, sich den 



Strahlen der Sonne ausgesetzt habe. Eine ähnliche Beziehung 
kehrt am Schluss des sechsten Briefes wieder, wo bald nachdem 
von der Verdunstung des Feuchten in der Natur (Z. 65 Xtßaöag 

m 

idv i'Ai>viu^) geredet war, der Philosoph diese Heilart des kran- 
ken Weltalls an' sich selbst nachahmen zu wollen erklärt (Z, 68). 
— Endlich kann für die derben Worte des sechsten Briefes nerakut 
^HQaTtkeodojQov ifiov d-uov ovcot äniTLretvav xal ftia&ov ^,aßov ^^^„^^^ 
(Z. 54) ein Anhalt in Heraklits eigenen Aeusserungen nachge- 
wiesen werden. Die Existenz des sonst nicht bezeugten *Oheims 
Herakleodoros' muss freilich ebenso wie die des gleichfalls unbe- 
kannten Adressaten der beiden Briefe, Amphidamas, dahingestellt 
bleiben. Aber gegen das *Einstreicheu des ärztlichen Honorars' 
für Misshandlung der Kranken richtet auch Heraklit eine bittere 
Rüge in einem neuerdings durch Hippolytos bekannt gewordenen 
Bruchstück, welchem einige leichte Besserungen (s. Anm. 11) fol- 
gende Gestalt verleihen : *die Aerzte, welche die Kranken schnei- 
'den, brennen und auf jede Art bös peinigen, machen dann noch 
'den Anspruch, obgleich sie keineswegs Lohn verdienen, einen 
'solchen von den Kranken zu empfangen, sie, welche jene schönen 
'Dinge und auch die Krankheiten • selbst zu Wege bringen'. Zu- 
gleich kann der hier ausgesprochene arge Vorwurf, dass die 
Krankheiten von den Aerzteu herrühren, als Beweis dienen, wie 
sehr sich der Briefsteller bei seinem übrigen, an Montaigne ge- 
mahnenden Schelten auf die vermeintlichen Heilkünstler (Z. 52) 
mit Heraklits Ansichten im Einklang befindet. 

Wenn nun in so vielen Einzelfällen noch mit unserem knap- 
pen Fragmentenbestand die herakhtischen Spuren , in welche der 
rhetorische Nachahmer trat, aufgedeckt werden konnten, so 
wächst die Wahrscheinlichkeit, dass auch der gesammtc hatur- 
philosophische Gedankeuweg, den er einschlägt, nicht selbständig 
von ihm eröffnet, sondern in seinen heraklitischen Vorlagen ihm 
vorgezeichnet war. Da^s sowohl der Gehalt jener Gedanken wie 
der für sie in der ersten Hälfte ^es fünften und gegen Ende des 



58 



FäanfT «ad sechsten Briefes gewählte Vortrag sich fibcr das Durchschnitts- 
*^^^ maass rhetorischen Vermögens erheben, wird kein Unbefangener 
leugnen wollen; auf Hegel machte sogar der Satz zu Anfang des 
iiff*L fünften Kriefes (Z. 3ff.», welcher aus dem Ueberwiegcn ehizelner 
Körperelemente bestimmte Krankheit^formeu herleitet, einen so 
imponirendeh Eindruck, dass er ihn in seinen Vorlesungen über ^ 

philosophische Encyclopadic*) als einen echten hcraklitischen 
Aussprach zur Empfehlung seiner eigenen Definition von Krank- 
heit benutzt. In der That wird nun diese Theorie von einem 
die Gesundheit bedingenden Gleichgewicht der Körpcrelementc 
ausführlich entwickelt in dem ersten hippokratischen Huch über 
p.» Buch Diät, dessen zahlreiche heraklitische Ik\standtheile frülicr i s. IIc- 
ubrr Dut. ^^^/j'/^^ j, ;, ff) ,^^^^ j jj,]j^ gebmclit wurdcu. Als die zwei Grund- 
stoffe des Menschen wie aller übrigen Wesen werden dort das 
Feuer mit der Eigonschat> tiockeuer Wärme und das Wasser 
mit der Eigenschaft kalter Näs-e hingestellt. Je<ler die.-or beiden 
Stoffe 'steigt und sinkt abwfchsrlml bis zur höclistru und nic- 
*drig8ten Stufe der L'ebermacht und des rnterliciicns, so weit . 
'dies möglicJi ist. Eine vollkommene rebermarht des einen von 
'beiden ist jedoch unmöglich. Wünie je einer von l)eiden gänz- 
*lich unteriiegen, so würde kiMU Wesen in der jetzt vorhandenen 
* Verfassung beharren {^.y fieQir di r/Mi€Qov y.QaTf€t /xd zQa- 
zieiat, fg rn fn^/uacnv y.ai ro i/M^tocoVy (og aveaTov ovöi'ceQov 
yaq XQarijaai 7tcn'n?.<og dh'ctiai . . / «t di '/.ota y.Qar7}&€if] 
zot dy.ot€Qoy, oidiy av aYrj ccuv vvv iovion* loa/ieQ i'x^t vvv, vol. 
6 p. 472 Littre)'. Bei Vcrgleichung dieser Stelle leuchtet es 
wohl ein, dass der Verfasser des Briefes nicht bloss die Gleich- 



Werke 7, 1, S. 673 zweite Ausg.: Die Krankheit ist eine Dispro- 
Iiortion zwischen Reizen und Wirkungsvermögen. Weil der Or- 
ganismus ein einzelner ist, so kann er an einer äusserlichen Seite 
festgehalten werden, nach einer besondem Seite sein Maass über- 
schreiten. Ucraklit sagt: *Das Uebermaass^des Warmen ist Fie- 
*bor, das Uebcrmaass des Kalten liähmung, das üebermaass der 
*Luft Erstickung*. / 



'^ 



•echitcr 
Br>«f. 



59 

gcwiclitslcbre aus seiner heraklitisclien Quelle entlehnte , sondern Fönfi« und 
aus ihr auch für den Satz oaa iv >;/"''/ ^^cöaroi; t6 yiQarog 
voarßia (Z. 2) das bezeichnende, von der späteren Prosa abklin- 
gende Wort yLQmog im Sinne von *Uebermaass' entnahm, welches 
in dem Buche, über Diät so nachdrücklich wiederholt wird ; sei- 
ner Fremdartigkeit wegen hat er es jedoch in dem folgenden, die 
einzelnen Krankheiten aufzählenden Satz nicht festhalten mögen, 
sondern mit dem alltäglichen vnegßolij (Z. 3 ff.) vertauscht. — 
Ebenso steht der andere Hauptgedanke des fünften Briefes (Z. 7 ff.), 
dass die gewöhnliche menschliche Kunst und Wissenschaft nicht 
auf ursprünglicher Schöpferkraft des Geistes , sondern auf nach- 
träglicher und zwar mechanischer Nachahmung der Naturvor- 
gänge beruhe, in naher Verwandtschaft mit den Lehren, welche 
jenes hippokratische Buch in folgenden Worten ausspricht: 'Die 
'Menschen üben Künste, welche der im Menschen wirkenden Na- 
'tur ähnlich sind, ohne diese zu kennen. Denn der Götter Geist 
'hat sie zwar gelehrt ihre, der Götter, Werke nachzuahmen, aber 
'sie kennen nur was sie hervorbringen, nicht kennen sie was sie 
'nachahmen*)'; und durchgeführt werden diese Sätze in einer 
sehr reichlichen Aufzählung von Künstlern und Handwerkern, 
welche gleichsam instinktmässig jeder auf seinem kleinen Gebiet 
nach den grossen Naturgesetzen verfahren, ohne sie zu erkennen ; 
erst dem Philosophen enthüllt sich die Höchstes und Niedrigstes 
umfassende Allherrschaft jener Gesetze und er vermag alsdann, 
statt der empirischen Handgriffe, eine auf geistige Erkenntniss **) 
fussende Methode auszubilden. Mit diesen Gedanken zeigt der 
Briefsteller sich vertraut, indem er der Naturnachahmung der 
gewöhnlichen Menschen als einer nur unter dem Namen der 



*) P. 486 : T^x^gai . . xQ^ofifvoi [pl ttv^kQifmoi\ ofioCt^atv av&tmnlvij tpiau 
ov ytvotaxovaiv, 0-€mv yiiQ yooc idi^aU fAifiiia&ni ra itttutav yi- 
vtaoxovta^ a notiovai xai ov yivtiaxovrag a fiifiiovrta, 
**) P. 474 : ofp^lfiotai . . . mauvovat (Aallov ^ y\*ihfif^ (s. oben S. 54) 
ovx ixavote iov<nv ovSk mgi itüv oQiOfiiviov xfnvtw iym 4k ricJc 
yitd/ig H^iofAau 



r.o 

m 

r«nft*.r uadAVisi^senschiitt sich vcnstcckeiulcn ünwis.^cnhcil (Z. 7 fnuniiuim 
J „ . , ^' a}\/Qt'j;iot t.rtarniru rcts: uyvniac r/xtuauv) emc andere von 

J Brief. ^ *,.-#- / 

. . IleraWit geübte Xachahmuii^' gegenül>erstellt. welche aus Kr- 

' kenntni^s (lt•^^^>lt- und Menschennatur entspvhigt (Z. 8 u n}öct 

f yjionni- ffioiVy olAa '/xti ar^^Qcinor • .. u t nr;a otiai (}tor): und 

f wie die dariiethane Vebereinstimmung einen guten Betriff von 

den Quellen enveckt. über welche der Briefsteller verfügte, so 
dient bie auch zu einer neuen, neben den übrigen Beweisen zwar 
entbehrlichen aber doch nicht unerwünschten Bestätigung der 
früTier aufgestellten Ansicht von der Beschaflfenheit jenes hippo- 
kratischcn Buchs"). 

Für solchen Gewinn dankbar, wird man es dein Rhetor nicht 
zu streng anrechnen, dass er neben dem echt heraklitischen Ge- 
dankengut auch einige aus den zugänglichsten rhetorischen Vor- 
rathskammern herbeigeholte Materialien nicht heraklitischer Art 
zu seiner Arbeit glaubte verwenden zu dürfen. Kein Kenner - 
natoM. Piatons verlangt ausführliche Belege dafür, dass die Tiraden über 
die Unsterblichkeit der Seele (Z. 15 f.), über ihre Erlösung aus dem 
Gefangniss des Körpers (Z. 25), über die Erinnerung an die ur- 
sprüngliche Seelenheimath (Z. 26) Lesefrüchte aus dem Phädon 
sindj und auch zu der Bemerkung über die Schwierigkeit, den 

m 

auf dem Gebiet einer so edlen Kunst, wie die ärztliche, gespiel- 
ten Betrug zu entlarven (Z. 51 övaekeyyizoTeQa xa 'aquttcü), hat- 
Ariitoiei«. vielleicht die nikoni achische Ethik den Anstoss gegeben. Dort*) 
wird nämlich für die gewinnsüchtige Prahlerei das Gebiet solcher 
Dinge abgegrenzt, welche von allgemeinem Nutzen sind und bei 
denen das Durchschlüpfen leicht ist; als Beispiele nennt Aristo- 
teles neben der Wahrsagerei und dem Sophistenthum eben auch 
die Arzueikunst. — Was über Heraklits düstere, nie lachende 



) 4| 18 p. 1127 b 19: ol x^o^ovs Ix^Qtv ttlK^ov^vofjievoi rtc romvr« 
nfioanwovvTcu] vtv xul anokavaC^ iari rot^ niXtcg xtd n ^taXa&(Tv 
(Oxt ftri oyittf oiov imi*Ttr, aotpov^ itctQov («o mit einer der besseren 
Handschriften statt finitiv^aoipov ^ ioTQov). 



61 



Miene, die Z. 20—23 kurz berührt wird, zu sagen wäre, bleibt 
besser der Besprechung des folgenden Briefes vorbehalten, dessen 
Hauptmotiv sie bildet. 



VII. 

An Hemiodoros. Ich erfahre dsMS die Ephesier gesonnen sind, sinbenter 

Brief. 

ein überaus gesetzwidriges Gesetz gegen mich einzubringen. Denn 
gegen einen Einzelnen giebt es nimmermehr ein Gesetz, sondern nur 
ein Urtheil. Die Ephesier wissen nicht, dass ein Anderes ein Gesetz- 
geber, ein Anderes ein Richter ist; und zwar ist jener der bessere, 
weil seine Unbekanntschaft mit demjenigen, welcher in Zukunft wider 
das Gesetz fehlen wird, ihn unbefangener sein lässt, der Richter da- 
gegen sieht den Angeklagten, und damit tritt dann auch die Befan- 
genheit ein. Die Ephesier wissen, dass ich dein Mitarbeiter, Henno- 
doros, an den Gesetzen war, so wollen sie denn mich ebenfalls ver- . 
treiben. Aber sie sollen es nicht eher, als bis ich sie überführt 
habe, welches Unrecht sie begingen , als sie beschlossen , dass 'wer 
nicht lacht und gegen Jeden sich menschenfeindlich zeigt, vor Sonnen- 

VII. 

fiov Yxa^ fitov äpofiojcatov. oi^^deis^ yäg voftog f(p* hog^ cDJm 
y.Qtaig. ovy. laaoiv ^Eq^iatoi ort fzegog Jtxaarjjc? vofioO-iTov. 
y.al oöe ajtuivcov, hcei una^iazBQog 7tQ()g aöfjlov zov f.iih- 

Tcti To 7cax>'og, laaai /ac, ^Jigfiodcogef auvziyvtTeioavva cot 
tovg vofiovgj yM/ni elaaai ßov?^ovzat, akk^ ov nQoteQov ya rj 
^My^at avTovg oti adixa fyvojxaai, %6v fit] yeküvia tuxI navxa 
/niaavd-QioTtovvra ttqo riUnv övvowog s^uvat xr^g Ttolicog. 



4 xa^Tot yi afidpov fnel anadiarfQov 



Si«b«ni«r untcrgAiig dio Stadt Vit !»•*«•'. IVIut den KrlA*% dic.*^» Oryet^'.o* 

Brief. 

rathschlagen Bie ; nun i^t aber, HrnnodoroH , Nif'nmnd vorhanden, 
der uiclit lacht , ausser Ileraklcitct:^ ; nu'ch vertreiben sie also. Ihr 
McnschcD, M'oUt ihr nicht einsehen, weshalb ich immer das Lachen 
meide? Nicht aus Ilass gegen die Menschen , sondern gegen ihre 
Schlechtigkeit. Schreibt euer Gesetz so: Venn Jemand die Schlech- 
tigkeit hasst, so verlasse er die Stadt' und ich werde der Erste 
' sein, der sie verlasst. Gern werde ich die Verbannung, nicht aus 
der Vaterstadt, sondern aus der Lasterhaftigkeit ertragen. Schreibt 
eueren Befehl um. Gesteht ihr aber ein, dass Ephesier und Schlech- 
tigkeit derselbe Begriff ist und ich also euch hasse, mit wie viel 
grösserem Recht könnte ich dann nicht das Gesetz geben: 'die, 
welche durch ihre Lasterhaftigkeit den Herakleitos des Lachens ent- 
wöhnt haben, sollen das Leben verlassen oder lieber um zehntausend 
Drachmen gebüsst werden\ da ja eine Geldstrafe euch bitterer 
schtnei*zt. Für euch liegt darin Verbannung, liegt darin Tod. Erst 
habt ihr mir das Leid zugefügt, mich der Gottesgabe des Lachens 
zu berauben und jetzt verbannt ihr mich wider alles Recht. Soll 



10 tovro vojnoO-etelv ßov?<,€vopiaif ovdelg ä* iarlv 6 fifj yeltüv^ 

*£Qfi6dioQ€j y *HQa'A?^€iTogy waze fi€ iXavvovatv. co avd^qconoi, 

ov 0-ilete /<ö^£7r öia ti ati ayeXa<jrcS ; ov fuoviv äv&QCorcovg, 

a?,Xä YMYuav avridv, ovzco ygaif/aTa tov vofiov ^et rtg nioel 

. xcTAiav, i^iTco r^g Tioleug^ xai TtQiocog e^£//a. (pvyadevd'rjaO' 

15 //at ov jcaxqiöog äiJM 7iovt]Qiag aofuvog. fietayQaxlfoze co 
öiacayfia* €i öi OfioXoyelze ^Eq>iaiovg ^-Acnciav* alvai xal ifiag 
ftiOid, niSg ovx av iyw dixaioragog vofiod-hrfi eirjv xovg 
7roirfi(xvvag ^HqoxXsitov diä 7C0vrjQiav ayihxoTOv i^iivai tov 
^rjV, fialXov de fiVQiaig Crjfuota&aiy inel Tckiov dviaa&e agyc 

20 QUiß y.oXa^6fi€voi. rovro ifuuv iau (pvyi^f rovro ^avarog. ijdi- 
x/jTiaTi /ifi d(p€?Mfuvot o ^-eog edcoxe nai ^vyadeveri fte oöi* 



U i5öi#] i5v ;V I lö "Eiitaioii I 10 /.7«)J #/ 



63 

• — ^— ^— ^— .^ 

]«h euch etwa zunächst deshalb lieben, weil ihr meine Milde mir siebenter 

BrieL 

au8geti*iebeu habt? und wollt ihr nun noch unablässig mittelst Ge- 
setzen und Bannbefehlen den Kampf fortsetzen? Bin ich nicht, auch 
wenn ich in der Stadt bleibe, aus euerer Mitte Yerbannt? Mit 
wem zusammen buhle ich, morde ich, berausche ich mich, lasse ich 
mich verführen? ich Yerführe und kränke durchaus Niemand, einsam 
bin ich in der Stadt. Zu einer Wüste habt ihr sie durch euere 
Schlechtigkeit gemacht« Macht euer Markt den Herakleitos zu einem 
braven Mann? Wahrlich nicht; aber wohl kann Herakleitos euch zu 
einer wahren Stadt machen. Ihr wollt jedoch nicht. Ich , für mein 
Theil, bin bereit. Wirklich bin ich auch ein lebendiges Gesetz für 
Andere; da ich jedoch nur Einer bin, so reicht meine Kraft nicht 
hin , eine ganze Stadt in Zucht zu halten. Ihr wundert euch , dass 
ich nimmer lache, ich aber wundere mich über die Lachenden, dass 
sie sich ihres ungerechten Wandels* freuen, da sie vielmehr ob ihres 
Mangels an Gerechtigkeit düster aussehen sollten. Gebt mir doch 
zum Lachen Gelegenheit, wenigstens in Friedeuszeiten, dass ihr da 

xojg. fj TovTo vfiag 7tQioiov äyaitl^oo) oti ^lov t6 ^ueqov 
f.^sxoifjare; xat ov 7caveod^E hvayioviLoixtvoi vof.ioig xal ^vya- 
deiaig; iv yuQ z!j jroXec fiivioy ov 7racpvya3ivf^ai d(p* vfuov; 

25 rm avfi/noixevio , rm avftfuai^ovw , %ivi avfifieihvco ^ xivi 
ovfKp^eiQOfua; ov (p^etQio, ov% aöixai ovdiva cäv aTcavcatVj 
fiovog £l/iii iv rfj 7t6Xci. eQtjuiay avi^v 7t£7toa]xaTe 3ia xaxiag. 
7] ayogä vficop 'HQm)^iTOv ayaOov 7Voui; ovx, ccVm 'Hqo- 
KluTog vfiag 7t6Xiv. d/1' ovtl i&iliz€. iyci fiiv ßovlo^iai' xal 

30 vofiog elfu aXkiovJ elg ä* äv ovx aQXüß tvoUv xoXaC,eLV. &av- 

fia^ezs £l ftr^d67i(o yeXcj, iyco di xovg yaküvtag oti döixovvveg 

XCtiQovai, axvd'QiOTtatuv öiov ov diyxxiorcQayovvvag. dove fioi 

• xaiQov yiXojTog iv eiQrjvjj äare fiij eTtl rä dixaartjQia atQu- 



22 fi ^itt Toirro \ 30 iti iSr 



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•i*-K»ut*T i»I< lit vor ricricLt in i!« ii Kri«**: /i«*))«t. « iiri«» '/.uwi/m :iK \V;ttrrn •;»•- 
nraucnond, nachfh»m ihr (•i»M»t uiitor*cl»la^'iMi, Frauvn v<»rfiilirt. Vor- 
wandte vorjfiftct. Trmjul boraulit, Knppolfii ^ftric»ben lial»t, auf Kid- 
liruch «Ttappt wordt'U, als lii^ttolpriester mit der Pauke herumgezogen 
seid, jeder von einem besonderen Laster erfüllt. Soll es mich zum 
Luchen bewegen wenn ich Menschen dergleichen thun sehe, oder 
wenn ich ihre Kleidung und ihre Bäi*te betrachte, oder wenn ich 
sehe welch eitle Mühe auf den Kopfputz verwendet wird, wie femer 
eine Mutter ihr Kind auf Giftmischerei ergreift, wie Unmündigen ihr 
Vermögen aufgezehrt wird, wie man einem Bürger seine P^hefrau 
r«iubt, wie ein Mädchen in frommen Nt&chtfeiern durch Gewalt ihre 
Jungfernschaft verliert, wie eine noch nicht zum Weib gereifte Dirne 
doch schon an allen Woiberübeln krankt, wie in seiner Lüderlichkeit 
ein einziger Jungling der Liebhaber einer ganzen Stadt ist, oder 
wenn ich die Vergeudung des Oeles zu Salben sehe, oder die Aus- 
gelassenheit der Weinlaune bei den unter Verpfändung der Ringe zu 

TBviaO^iu }v talg ykunraic: byarttg r« oVrAö, aTTeorsQtjxoieg 

?»') ;f^/}//cfTa, yvnu'^ag q)0^£i gaweg, (pihovg cpaQfiaxetoavceg, hgo- 

avXfjaavreg , TTQoaycoyevouiTeg, oQ'/.oig (pcoQa&tvceg a/navotj 

rvjnjiaviaaiTag, dXXog uXXov ^ckri^r^g 'Acmov. zatna yatjctaco 

OQOfv avxf-Qomoi'g notovvvag Vj FM-O-t/ua xai yivhia -/mI xiffakJjg 

* j'iovovg aTiinekrfcovg ?; yvvaivxt cpaQ/uayJog hreiXri^if.iivriv 'ii.'a- 

40 vov ij fietgcLYua rt^g ovaiag ^-/.ßaßgiofdva i] 7toU%}]v yaitsTr^g 

U(f9jQijfii'V0V }j y.oQrjv ßi<f dia7iaQx)'€vet:d^€7aav iv 7ravrvyj\ftv i] 

i-raigai* ov7uo ywaivM y.ai ywaiAÜP Hyßvaav jjötj nad^i] i] öia 

aaf/.yeiav vaaviay.nv i'va nokiiog fQaaTi}v okr»g ); tag tmv 

fkauov (f&OQag iv ftigoig ij rag iv avvddrrvoig yivofiiyoig öia 



3G Jtooayuty&vaat'Tiif o/koig oo««'>/iT«tf aniarut | 42 yvi'uixu yinwxMr | 
44 fivooif 5 Tov» h' auvJffjtroig yivotjifvovi Jia ^axTvlutv nUf^^^*^ 



65 

Stande gekommenen Gesellscbaftsmahlen, oder die für 'Speisen anfge- siebenter 
wendeten hohen Geldsammen, welche ihren Abfluss durch den Magen 
nehmen, oder die versammelten Stadtgemeinden, denen von den 
Kampfrichtern die wahrlich sehr wichtigen Rechtsentscheidungen in 
Sachen dei* Schaubühne verkündet werden? Kann femer die Zurück- 

« 

Setzung der Tugend hinter das Laster meinem Antlitz gestatten dass 
es sich erheitere ? Oder sollen etwa euere wirklichen Kriege mich zum 
Lachen bewegen, in denen ihr unter dem Vorwand erlittener Unbil- 
den den gegenseitigen Mord ins Grosse treibt, wo ihr Unseligen aus 
Menschen zu reissenden Thieren werdet, unter dem Schall der Flöten . 
und Drommeten durch die holde Tonkunst zu allen unholden Leiden- 
schaften aufgestachelt; dann wird das Eisen, welches füglicher dem 
Pfluge und dem Ackerbau dient, zu einem Werkzeug der Metzelei 
und des Todes umgeschaffen; die Gottheit wird von euch gehöhnt, 
indem ihr sie unter dem Namen der kriegenschen Athene und des • 
kampfeswüthigen Ares anrufet; Menschen gegen Menschen stellt ihr 
Schlachtreihen auf und betet Einer um die Niedermetzelung des An- 

45 öaxTvXuov 7raQoiviag }} rag öt^ ideoftatcov ^tokvrakaias; VLaxio 
yaGvtQog ^eovaag rj zovg hcl OAr^yaig aycovod^iTOVfih'org <Jjj- 
^lovg ra ^teyaXa dUaia; acp^jaei de (.lov^ rrjv oifuv agsTt) öia- • 
XvO^T^vai vGT^Qü jtovqQtag zetayfiivi] ; J^zfßvg dhjO^ivnvg v^uov 
7coXifnovg ye)xtaio, ore ngog^aaeig ^dtxf^jttaciov Ttoir^oafievoi 

50 xctTafiiaiq)ov€7a&€ dvarfjvoi i§ dvd^Qcojnor d^r^Qia yeyovoTsg, 
avkojg xal octhny^i äiä fiovar/Sjg €ig äftovaa udO^tj 7taQ0^v- 
vojn€vot, aiöijQog öi aQOZQiov xal yetoQyiag dixatozegov ogya- 
vov acpayfjg xal d-avctauv rjiTQi7riazai, ißgiuvai de Ji' vfuov 
y>66g ^^d^if}va 7CoXe(xiaiQia xal ^*^Qi}g Ivvdhog y.alovfi€vog, ipd- 

55 hxyyag öe dynan^oavTeg av&Q(07roi xcrra dvÜ^QtaTruiv dJlr^hov 
ocpayag ivyea-d'e, dg k£t7ioTaxTag Tovg /ni] i^uaKpovovvcag ti- 



45 xaidi yttar^Qo^] xtilyc((n^(H(( | 46 axfji*ijg \ 47 (Tm/i^9^m/] ;tv$ijyfti\ 
Cl anlTtty'ii] fistlan^t 

• • 5 



t ', 



SSebrni« deren; aIh Ati-riN-^r l.r»!r-»ft iJ r «i;*-, m.-M»«» M*<h ulilil iint Mi«r«i 
Drirf. 

beflecken woIl«*n, und ul% HfMen vhvX Ihr dir vi>n lilut Triffenden. 
Die Luwcn waluieii pich nic!it f<e^^'ii einander, auch die Roßse ergrei- 
fen kein Schwert, nnd uio feieht man einen Adler gegen einen andern 
Adler sich })An/ern. Kein Tliier hat ein üusscrliches Kampfeswerk- 
zeug, sondern jedem sind seine Glieder zugleich Waffen. Den einen 
dienen Ilürner zu Waffen, den anderen. Schnäbel, anderen Flügel, 
diesen Schnelligkeit, jenen Grösse, anderen . Kleinheit, einigen Dicke, 
einigen die Fähigkeit zu schwimmen, vielen ihr [giftiger] Hauch. 
Nimmermehr versetzt ein Schwert unvernünftige Thiere in Freude, 
da sie sehen, dass unter ihnen selbst das Gesetz der Natur beobach- 
tet wird, obwohl nicht unter den Menschen. Und doch dürfte man 
es von diesen viel eher erwarten. Dass doch die Uebertretung des 
Gesetzes sich gerade bei den edleren Geschöpfen findet! Und in Be- 
treff des unsicheren Ausgangs der Kriege, welche Wünsche soll man 
da für euch hegen? glau1)t ihr durch denselben mir meine Nieder- 
geschlagenheit zu benehmen? Wie könnte das geschehen? Nichts 

fuoQOVfievoi xcft (ig dgiariag zbvg ifi7ik€ovaGavTag ai'fiatt ti- 
fuovveg; liovxEg d' oix onXltovvm xar' dk?,ijXcov, ovdi ^lyi; 
dvakafißdvovaiv oi hucoif ovdi TeO-cjQOxiafiivov av idoig de- 

60 zov hi^ dtziT}. ovdiv a'AAo fictxrjg 'l'x^i OQyavov, dXk^ hyLctGctt) 
xd fiigt] xat oVrAa* Toig fiiv x6Q.ata td 07chx, xoig öi ^iyxVf 
TÖig di 7i'C€Qdy roXg öi zdxog, a^loig fiiyeO^ogy aXXoig ohyo- 
T?;c, oig di ndyog, olg di vij^igy rioXkolg öi 7ivivina, ovöiv 
^i<pog aXoya 7toul ti^a %a/^£/v oQÜvta (pvXatxo^evov iv av- 

65 To7g (pvoetog vofiov, dXX^ ov% iv dv&qiji7C0ig. fiaX?*ov öi rovro 
öiov av eirj, ij 7caQdßaaig iv ngehzooiv. t6 aßißaiov öi tiXo^ 
vcoXifUüv zi vfiiv liiLziov dqa; v ÖC ixelvo Ttaiaezi /ae xatt^' 



') no^- 



jiolfuwv 



67 



mehr kommt doch dabei heraus als dass die Baumpflanzungen im Siebenter 

Brief. 

Lande eurer Stammesverwandten verwüstet werden; und ihre Stadt 
wird vom Erdboden vertilgt und Greise werden in den Staub getre- 
ten und Frauen fortgeschleppt und Kinder ihnen vom Aim gerissen 
und Brautgemachor werden geschändet und Mädchen werden zu Kebs- 

frnuen genommen und Knaben als Weiber missbraucht und Freie 
werden in Eisen geschlagen und Tempel der Götter werden nieder- 
gerissen und Heiligthümer der Halbgötter aus dem Grunde zerstört, 
Siegeslieder erschallen wegen voUbracliter Ruchlosigkeit und Dank- 
opfer bringt man den Göttern wegen des gelungenen Unrechts. Um 
dieser Dinge willen habe ich* mich des Lachens entwöhnt. Ln Frie- 
den führt ihr Krieg vermittelst der Rede, im Kriege treibt ihr Ver- 
waltungsgeschäfte n;it dem Eisen. Das Schwert in der Hand werdet 
ihr zu Räubern am Recht. Hermodoros wird verbannt weil er Ge- 
setze entworfen, Heraklei tos wird verbannt unter der Anklage der 
Unfrömmigkeit. Die Städte sind öde von allem Guten und Schönen 
und die Einöden sind um Böses auszuführen dicht bevölkert. Mauern 

xpeiag; 7r6vhev; oiyi di nliov i] 6fto(f>u?uov atpiov Tcai öevdQorofiov- 
/.iivi] yrj Aal dvaQ/ia'Cofuvr] noktg xai yr^qag 7i QOjnjkaAitofUvov 

70 xai 'yvmlxag driayoflevai 'Aal ti'Ava i^ äy/.aXiJjv dnoarrwfiiva ymI 
&ala^oi 0iafpi>£iQOfi6V0L y.al nagO^avoi vtaUaAivnfitvai ymI 
fieiqctAia i^^fjkivnfuva xal iXevO^eQoi oiör^Qoöeiovtavoi y.al vaol 
x>€iüv AazaojHOfUvot xal ijQil^a öatfwvcov dvoQcziofuva tuxI 
naiaveg dvoaicov 'd^ycov xal yaQi(jci)Qta ^loig döixiag. zaHa 

75 dyalaazoi. iv eiQrjvrj nolmeica ötd loyujv, ip rroUfUtj 7rah' 
revsaO^e ötd oiötjQov. aQ/raÜtri fo öixaiov iv ^iq^eatv. 'Iiq/ho- 
dioQog f/Movezai vofiovg yQacpcov, 'JlQaxUizog iXaivtzai dae-^ 
ßeiag. a\ jiohig tQrjfioi xaloxayai>iag , a\ igt^/niai Ttgog zo 
ddixeiv oxloi. zeixi] l'ozijxav, dpO^Qw/icop aoußoka novrjgiag, 



G8 TiUov ojjoipvkiap \ 79 (tJixtiv ox^t^ J^Un ^<rrrixiv. uvOittoniav 
avfißoka 



I 

II 



6d 

sirb«at«r siud eiTicbtet als Wahrzeichen von der Menschen ßoshcit um euere 
/ G^waltthätigkeit abzuhalten; alle suchen den Schutz der Häuser, die 

f ebenfalls Mauern gegen Ungebühr ^ind. Innen Feinde und aussen 

f Feinde, nur mit dem Unterbchiede dasa jene Bürger, diese Fremde 

f sind. Ueberail Feinde , nirgends Freunde. Vermag ich zu lachen^ 

wenn ich Feinde in so grosser Anzahl sehe? Eueres Nächsten Reich- 
thum glaubt ihr gehöre euch, euerer Nächsten Weiber behandelt ihr 
als seien sie euere eigenen, freie Männer verkauft ihr in die Knecht- 
'Schaft, von noch lebenden Thieren esset ihr, die Gesetze übertretet 
ihr und Widergesetzlichkeiteu macht ihr zum Gesetz, alles Natur- 
widrige sucht ihr mit Gewalt zu erzwingen. Die vermeintlich deut- 
lichsten Zeichen der Gerechtigk^t, die Gesetze, sind vielmehr ein 
Beweis der vorhandenen Ungerechtigkeit. Denn wenn die Gesetze 
• nicht wären, so würdet ihr ungescheut lasterhaft sein. Wenn Ihr 
nun jetzt auch aus Furcht vor der gesetzlichen Strafe euch ein 
wenig zügelt, so seid ihr darum doch allem Bösen verfallen. 

80 artoyikeiovca zijv ßiav vfuZv olulai '/cegißißhjvzai rraaiv, fe^a 
rer/ji 7rkTjftf4ek€iag' n) avdov 7röl6f.{ioi, a?^Xa 7mk7cai, oi exzog 
7io?J.fuoi, d?JM ^evoi. 7ravT€g ixO'Qoty ovdivsg cplkot. dvvafnat 

yekuaai i.yßqovg oqwv roaovtovg; %ov akXoxqiov 7T'komov 

« 

^{6iov oucx^e, tag ahXorqiag yamxag idiag vofiiuzs, Tovg 
85 f?,€v&6Q0vg ardga/rodiCite, rä Ijüjvza xarea&UTe, rovg vo^tovg . 
7raQaßaiv€V€, 7iaQavofuag vofiox^£TaiT£, nayia ßtaCead-e a firj 
7ra(pv/,ac€. xit fiahoTa donovvia diy.aioavvr]g alvat avftßoXa, 
Oi vofioi, ddr/Jag etat Tiy,firjQiOv, el yäq /tttj fjaav, aviörp* av 
e7tovi]QeviG&e. vvv di £? tl xai fiixQOv hria%ui.iitBod^E (p6ß(^ ' 
, 90 %oXaaB(jjg, 'Mcci%Bod'B elg 7caaav adiidav* 



86 ßiaCeod-e xnl fjiri Ttttfofxtai ja fitiltma ^oxovvra ^ixaioaivfff e7na 
aifißoXa, ol \ 89 vvv 6i ii xiä fiiXQor im<nofi{C^ffO(' (foßtfi xo- 



69 

Auch der gelassenste Leser wird zwar beim ersten Kennen- siebenter 
lernen dieses Briefes sich durch die besonders zu Anfang desscl- ^'^^' ^ 
ben dicht gcsäeten rhetorischen Unai-ten geärgert fühlen; das 
Spiel mit einem erdichteten Gesetz und der Voi-schlag zu seiner 
richtigeren Formuliruug (Z. 8, 13) erinnern an die unangenehm- 
sten Partien der griechischen und lateinischen Sammlungen von 
Controvei'senmustei'n ; auch gewaltsam herbeigezogene Gemein- 
plätze der abgegi-iffcnsten Art, wie es ja^ die weitläufige Aufzäh- 
hmg der den Thieren in ihren Gliedern verliehenen Waffen ist 
(Z. GO ff.), können nur den ungünstigsten Eindruck machen ; und 
neben dem rhetorischen Flitter kommen sprachliche Blossen") 
von bedenklicher Farbe zum Vorschein. Unterwirft man jedoch 
nach Ueberwindung des erregten ünmuths die sittenschildernden 
und sittenpredigenden Theile des Briefes (Z. 32—57 ; 67 ff.) einer 
genaueren Prüfung, so zeigt sich hier eine anschauliche Darstel- 
lung des häuslichen und öffentlichen Lebens neben einer Heftig- 
keit der Invective. welche aus enasteren Antrieben als der bloss 
redekünstelnden Spielerei zu entspringen scheint, da der Verfasser 
nicht allein die Auswüchse der antiken Sittenverderbniss in den 
nacktesten xVusdrücken geisselt, sondern auch von der unschuldi- 
geren Heiterkeit und der Thatkraft der antiken Völker sich in 
unvei'hüUter Weise lossagt. Dabei wird die einmal gewählte 
Eintlieilung nach Friedenszeit (Z. 33—48) und Kriegszeit (Z. 
48—74) streng festgehalten. Die Schilderung der JFriedenszeit 
beginnt mit der rhetorischen Spitze, dass die Eintracht nur 
scheinbar* sei und thatsächlich der Krieg fortdaure, nur werde er 
vom Schlachtfeld in die Gerichtssäle verlegt, wo die schwersten 
Verbrechen durch gewandte Handhabung rednerischer Waffen vor 
Strafe geschützt werden. Für den Standpunkt des Verfassers ist 
es bezeichnend, dass am Schluss der immer grausiger ansteigen- , 
den Reihe jener Verbrechen, gleichsam als der Inbegriff alles 
Schlechten, der Kybeledienst genannt wird, wie ihn die unter 
Paukenschall die Städte durchziehenden Wanderpriester (rtfina- 
viaavzeg Z. 37 vgl. Anm. 14) übten; welch schlimmen Unfug 
solche heiligen Zigeuner unter dem Schutz ihrer Göttin trieben, 



70 

-.e^--trr Stellt Apuleius im achten timl neuiiton Buch seiner Metamoriiho- 
!^en nur zu all>oitii: jar. — Kin neuer Ane^atz wird dann (Z. :>s iV.^ 
i:vHf^;i::iH'ii. uiti die Au--:lnveilur.::en <lor rutz>uclit zu rüL'on. 
alle Fanr.r.c-nbando^ al> zerri!?<en und ^zesclilechtlichc Vergehunireu 
der traurijzsten Art als gilng und gebe zu schildern. Auch hier 
drängt sich tlic Absichtlichkeit des Xebenzugcs auf, dass die Ent- 

^ca^hu-irro. elmiug dcr MȊdclien in 'heiligen Xachtfeiern {narvvyjaiv Z. 41)' 
stattfindet, dergleichen ausser in dem Dionysoscult vornehmlich 
im Dienst der Demeter und der Kybelc begangen wurden und 
nicht erst in den «allerletzten Zeiten des sinkenden Alterthums zu 
argen Unzuträglichkeiten führten ; schon bei Dichtern der neueren 
Komödie werden nicht selten ^lädchen aus ehrbarem Bürgerhausc *) 
in einer Tannychis' zu Falle gebracht. — Darauf wendet sich 
iitscU' die Scheltrede zu den Schmausereien und Trinkgelagen (Z.44ff.), 

K:han»mahie.^^^^l ^j^^, Vcrfasser zeigt sich noch Vertraut mit den rechtlichen 

Förmlichkeiten, unter welchen die auf gemeinschaftliche Kosten 
veranstalteten Mahlzeiten zu Stande kamen ; die Z. 44 f. erwähnten 
*Ilinge (öiä öceyiTv?Jiory sind nämlich die üblichen Unterpfänder, 
welche von den Theilnehmeni dem Besorger der Mahlzeit über- 
geben und später durch Erlegung der auf jeden Einzelnen fallen- 
den Quote wieder eingelöst wurden; unter Anderen berührt auch 
Tercntius **) nach Älenanders Vorgang diese Sitte. Dass nun bei 
solchen aus den Kassen mehrerer reicher Jünglinge bestrittenen 
Gelagen der gewöhnliche Aufwand .für Tafelfreuden noch über- 
schritten und der Ausgelassenheit keine Schranke gesetzt ward, 



*) Gcllius 2, 23, 15 in der Inhaltsangabc von Monander^s Plokion : filia 
liominis lyanperis in permgilio vitiata est. Cäciliiis boi Noniiis 
118t 12 (=s Ribbeck fr, com, p. 61) j^ef* mystei'ia (die clcusinischcn, 
8. Hermann, gottesdienst. Altcrth. 55, 37) lue iniMfteste [IkOitestam 
fügt Botho Iiinzu] gravidavit p^'obro, Plautiis AtiHülar, prol. 36 
ülam 8ti4])ravit twctu Cereris vigüiis, vgl. 4, 10, 65. 
**) Eunuch, 539 : lieri aliquot adüUscentuli coimus in Piraeo , In 
hunc diem ut de sunibolis essenius ; CJuteream ei rei IS'oefecimus, 
dati anuli, loctu, tempus constitutumst. Vgl. Anm. 14. 



71 

braucht nicht erst durch Belege erhärtet zu werden ; aber da der siebente 
Briefsteller doch schwerlich ohne Absicht gerade diese Art von ^'^' 
Geselligkeit mit besonderer Bestimmtheit hervorgehoben und 
nachdrücklich verworfen hat, so wird es gut sein sich zu erin- 
nern , dass sie das Missfallen der kirchlichen KreisQ in vorzüg- 
lichem Maassc erregte; noch in der zweiten Hälfte des vierten 
Jahrhunderts hielt es das laodicenische Concil*) der Mühe werth, 
ein darauf bezügliches, Laien wie Priester aller Grade umfassen- 
des Verbot, welches gewiss seit lange thatsächlich bestand, durch 
Aufnahme in seine Satzungen von Neuem ins Gedächtniss zu 
rufen. — Den Schluss des Sündenregistei*s der Friedenszeit bildet oeobatiich« 
eine höhnische Erwähnung der öffentlichen Spiele und der mit ^^^*' 
ihnen verbundenen richterlichen Preisvertheilung (Z. 46). Nicht 
sowohl gegen eine den Sitten nachtheilige Seite der Wettkämpfe 
und Schauspiele- richtet sich der Tadel, sondern der gewichtige 
Ernst, mit dem das Spiel betrieben, die Feierlichkeit, mit der 
dem versammelten Volke die Entscheidung als handele es sich 
um 'wichtige Rechtsfragen (Z. 47 fieyaXa öimtay verkündet wird, 
ist dem Verfasser zuwider und erregt seinen Spott — ein Zeichen, 
dass er sich in einem tieferen als bloss philosophischen Gegensatz 
zu der antiken Lebensanschauung befindet. 

Aehnliche Spuren treten in der Schilderung der Kriegszeit Verwerfung 
hervor. Die Abneigung gegen den Krieg als solchen, ohne Rück- *** '^'•'"•' 
sieht auf den Anlass und die Art seiner Führung, bringt den 
Verfasser dahin, die Ausreisser (AfitTroxraxrat; Z. 56) in Schutz zu 
nehmen, wozu . sich ein mit der griechisch-römischen Welt durch 
noch so lose Bande zusammenhängender Schriftsteller nicht leicht 
verstiegen haben würde. Beachtenswerth ist ferner, dass *die 
kriegerische Athene und Ares' .(Z. 54) nicht als wirkliche Gott- 
heiten anerkannt, sondern für blosse Namen angeschen werden, 



*) Can. 55, vol. 2 p. 574 Mansi : on ov ieZ ItQttnxovg ij xltiQixohs ix 
avfjißoitjg avfinoata initiXtiv all* ov^k leuxovs. 



72 

si.h«iter ^Yclchc (lic Vcrhleiiduiig der Kriegführenden lästerlicher Weise 
f *'""'• dem wahren Gott beilegt. 

^f Durch alle diese leiseren Wahrnelunungen vorbereitet, kann 

. man sich kaum noch überrascht fühlen, wenn in dem gleich- 

I massig die Friedens- und Kriegszeit berührenden Epilog (Z. 75—90) 

Worte bogogucn, die bei richtigem Verständniss den Verfasser 
% als Mitglied einer biblischen Religionsgenossenschaft auf das Be- 

stimmteste kennzeichnen. Der Vorwurf nämlich, welchen der Satz 
nmch- Tfi Mi'ta YMiia^uTi (Z. 85) enthalten soll, kann unmöglich von 
■f™*»- (ißjii einfachen Genuss des Thiei-fleisches verstanden und das Par- 
ticipium lvjvicl für gleichbedeutend mit dem Substantiv Zutct ge- 
nommen werden. Denn, von diesem sprachlichen Bedenken ab- 
gesehen, würde eine Verpönung jeglicher Fleischspeise den Brief- 
steller zu einem Pythagorecr oder Neuplatoniker strenger Observanz 
stempeln; wenn er aber dies war, .so bleibt es unbegi-elflich, 
weshalb im ganzen Verlauf des ja recht langen Briefes keine der 
eigenthümlich pythagoreischen oder neuplatonischen Ueberzeugun- 
gen durchblickte, weder die Dämonenlehre, noch die Zahlenlehre, 
noch die Seelenwandcrung und die mit ihr zusammenhängende 
Ansicht von der Würde des Thierlcbens, obwohl doch zu deren 
—*- EntWickelung der angestellte Vergleich zwischen Thieren und 
Menschen (Z. 58) leichte Uebergänge genug darbot. Ausserdem 
' wäre es selbst vom Standpunkt jener zwei venvandten asketischen 
Schulen aus eine ungehörige. Uebertreibung, in einer Strafpredigt 
an die grosse Menge der Draussenstehenden, welche den Fleisch- 
genuss für erlaubt halten, ihnen diesen in solcher Gleichstellung 
mit Raub und Ehebinich vorzuwerfen , wie es hier geschehön 
würde , wenn diis Participium USv^a nichts anderes als das 
Substantiv t<pa bedeutete. Es tritt also die Nöthigung ein, cä 
iCßvTa TLcneayuTa (Z. 85) nicht auf das gewöhnliche Essen nach 
vorheriger Tödtung des Thieres, sondern in streng sprachgerech- 
tem Sinn, auf das Essen des von dem noch 'lebenden' Thiere 
abgerissenen Fleisches zu beziehen. Solches Verzehren lebendig 
zei*flci8chter Thiere, das sogenannte Rohessen {cofioqxxyla), gehörte 
zu den wesentlichsten Bestandtheilen der bakchischen Orgien, 



73 
und die älteren christlichen Schriftsteller*) versiiiuncn es nie, bei siebenter 

Rtipf 

der Schilderung des Dionysoscults diesen Theil der wilden Raserei 
mit einem besonderen Ausdruck des Absehens zu be-gleiten.- Von 
den rituellen Anwendungen, wo sie geboten war, niusste eine RohcMen. 
solche Art des Fleischgenusscs wenigstens als eine erlaubte leicht 
in das alltägliche Leben, zumal der niederen Gesellschaftsklassen, 
eindringen, und nicht überflilssig war demnach das strenge Ver- 
• bot, welches dawider die biblischen Kreise aufrecht erhielten. Es 
ward unter die sieben Gesetze aufgenommen, denen alle Abkömm- 
hnge Noah's, d h. alle Menschen ohne Unterechied der religiösen 
Genossenschaft, unterworfen sind. Welche Wichtigkeit in der 
talmudischen Litteratur dem Verbot beigelegt und wie es dort 
aus einem Vers der Genesis (9, 4) entwickelt wird, hat mit ge- 
wohnter Gründlichkeit der vortreffliche John Seiden in seinem 

• 

die Noachidcngesetze behandelnden Werke**) dargethan; und dass KoachJden. 
auch die ältere christliche Kirche in diesem Punkte mit der ja- '*•**"' 
dischen Tradition im Einklang bheb, zeigt der fünfundfünfzigste 
apostolische Kanon **), welcher eine ergänzende Erläuterung zu 
den Speiseverboten der Zusammenkunft in Jerusalem (Apostelg. 
15, 29) enthält. Es liegt also in den fraglichen Worten unseres 



*) Clemens Protrcpt. c. 2 p. 11 P. ^itWvaov fjniroltjv ooymCovai 
littx^ot , oi^wf'tcyfu 7fiv UQOfifivütv nyoirtg xni jiKaxovm ine XQttt' 
vofi{((s T(5v q>6v(ov fh'taifuu^roi jotg orptair, f.iokolviioirfg Etniv» 
Arnobius 6, 19 : BacciMndlia etiam pi'aetcrmittemtis immania qui- 
hu8 noinen omopikagiis öraccum est, in qtUbiis furore fne^Uito, se- 
questrata pectoris aanitate , circumplicatis vos anguibtis atque ut 
vos plcnos dei numifie a4i,'maie8tate doceatis, caprorum reclaman' 
tium viscera crtientatis oribus dissipatis, Firmicus de err. prof, 
6, 5 p. 84, 30 Halm : Vivum laniant dcjutihua taurum, crudeUs epu- 
las (der Titanen, welche die Glieder des zerrissenen Dionysos ver- 
zehrten 8. § 3) anuuis commemorcUionibus excitantea. Vgl. Elmsley 
zu £uripide8' Bakchen 139. 
**) De iure naturäli et gentium iuxta diseiplinam Ebraeorum 
lib. 7 c. 1, 



• t 






Verbot, ^Nclrhc^ in<Ii ju«l:-«h,T iiihi altkmJili'iior Ai]>rliamin;.' 
auch <Iic Völkrr nichtjiuljMJH'ii Stainiiirs YtTpilichtct; und die 
BcTcditi^uii*,' rrhcllt nu» wohl von reihst, bei den umgeben- 
den »Sätzen, welche durch kurze Zusannncnfassung von Ilaupt- 
tpiiog. Sünden die gesaiuinte Invectivc des Briefes nachdrücklich ab- 
schliesscn sollen, eine Ilücksicht auf die übrigen Noachidengesetze 
als niaiissgcbend für die Auswahl anzusehen. 

Jene sieben Gesetze vcrpönen , ausser dem erwähnten 
♦ 1) Genuss des Fleisches von noch lebendem Thiere, 2) den Götzen- 
dienst, 3) die Gotteslästerung durch die Rede, 4) den Mord, 5) die 
Unzucht, 6) den Raub; und geboten wird 7) die Rechtspflege. 
Die Vergleichung dieser siebengliedrigen Reihe mit dem Epilog 
des Briefstellers zeigt, dass er Z. 83—86 die Verletzung von vier 
Noachidengesetzen ausdrücklich rügt. Wie die Worte to t^^via 
xcrrea^/ere (Z. 85) das erste Verbot berühren, so bezieht sich die 
'Behandlung fremder Frauen wie eigene (rac; aXloTQiag ywahMg 
löiag vo^dteza Z. 84)' auf das fünfte (s. Seiden Üb. 5 c. 4), die 
'Behandlung fremden Besitzes wie eigenen {zov aXkoxQiov tvXov- 
Tov l'ötov oua&e Z. 83)' auf das sechste (s. Seiden Hb. 6 c 1 ff.) ; 
und die Worte 'die Gesetze übertretet ihr und Widergesetzlich- 
keiten macht ihr zum Gesetz (Tovg^ v6/.iovg nagaßatvite, nagavo' 
fdag vono&izeTze Z. 85 f.)', welche auf den ersten Blick neben so 
' concreten Dingen wie Ehebruch und Raub, an kahler Allgemein- 
heit zu leiden scheinen, erhalten jetzt ihr eigenthümliches Ge- 
wicht durch ihre Beziehung auf das siebente Noachidengebot, 
welches eine geordnete Rechtspflege (s. Seiden Hb, 7 c. 4) der 
Menschheit zur Pflicht macht. Nicht ausdrücklich in dieser Um- 
gebung aufgezählt ist das vierte, dep Mord betreffende Verbot, 
wahrscheinlich weil nach der eben ei-st beendigten weitläufigen 
Strafrede gegen den Krieg als Mord im Grossen eine so kurze 
. Erwähnung.' wie sie hier allein möglich war unnöthig und un- 
passend dünkte; an die Stelle der materiellen Zerstörung de^ 
Lebens tritt jedoch eine oben unter den Folgen des Krieges (Z. '^ 
ilevd^eQOi, GidrjQoderovfievoi) picht mit voller Schärfe bezeichnete 



Ilhcf. 

;> 



75 

Veniichtung der moralischen Persönlichkeit, das Versetzen von siebfutw 
Freien in den Stand der als Sache behandelten Sclaven (Z. 8;' 
rovg ikevxhtQovg avögoTcodiC^'^a) ] dass die biblischen Ki'eise den 
Heiden kein Hecht auf die Person, sondern nur auf die Arbeit 
ihrer Sclaven zuerkannten, ist von Seiden (Hb. 6 c. 19) erörtert. 
Dagegen bleiben die zwei zusammenhängenden Noachidenver- 
bote des Götzendienstes und der Gotteslästerung gänzlich uner- 
wähnt, weil die an der hiesigen Stelle des Epilogs unvermeidliche 
Kürze und Bestimmtheit des Ausdrucks auch jede Verhüllung des 
Gedankens unmöglich gemacht hätten; und wenngleich Heraklit 
die hellenische Volksreligion in vielen Stücken missbilligte (s. oben 
S. 36 f.), so würde doch der Briefsteller durch offenes und bündiges 
Verwerfen jedweden 'Götzendienstes' die einmal vorgenommene 
Maske eines im fünften Jahrhundert vor Chr. schreibenden Phi- 
losophen allzu plump gelüftet haben. Neben vielen anderen zur 
Vorsicht mahnenden Erwägungen müssten daher schon pseudepi- 
graphische Rücksichten ihm einen ähnlichen Verzicht auf unmitr 
telbare Bekämpfung des 'Götzendienstes' anrathen , wie ihn auch 
derjenige seiner Handwerksgenossen sich auferlegt hat, welcher 
ein biblisches Mahngedicht unter dem Namen des Phokylides in 
die Welt sandte. 

Nachdem am Schluss des Briefes die religiöse Richtung des 
Verfassers sich so unzweideutig kund gegeben hat, bedarf es iiir 
mitforschende Leser kaum noch der Warnung, nicht das in dem 
vierten Briefe obwaltende Verhältniss (s. oben S. 27 if.) auf den 
vorliegenden zu übertragen und anzunehmen, dass ein biblischer 
Saum einem früher vorhandenen philosophisch-rhetorischen Gewebe 
nachträglich angestückt worden. Zu einer solchen Aimahme fehlt 
hier der allein berechtigende Anlass, nämlich das Hervorblicken 
der Nähte. Im vierten Brief ziehen diese den flüchtigsten Blick 
auf sich ; in dem uns jetzt beschäftigenden siebenten wird auch 
ein verweilender Betrachter keine entdecken; die Darstellung ist 
durchaus einheitlich, und die biblischen Fäden, welche feiner und 
vereinzelter die übrigen Theile durchziehen, sind gegen den 
' Schluss nur stärker und dichter eingewoben. Die Durchmusterung 



76 

sirbroter des Einzelnen hat also den oben (S. fiü) ausgesprochenen allge- 
^^^' meinen Eindnick bewährt und der Verfasser hat sich als einen 
^lann zu erkennen gegeben, welcher das Erdichten von Briefen 
nicht lediglich zu rhetorischem Zwecke betreibt, sondern vornehm- 
lich den Einspruch einer festen religiösen Ansicht gegen alle 
Richtungen des antiken Lebens erheben Avill. Daher lasst auch 
f ein mimetisches Bestreben sich nicht sonderlich verspüren. Nach- 

bildungen hervorstechender heraklitischer Aeusserungen sind nicht 
aufzufinden, obwohl allerdings der scheltende Ton an sich schon 
als Eigenthümlichkeit des 'pöbelschmähenden (pxXoXoidoQog s. 
Heracliica p. 31)' Philosophen gelten darf. Höchstens könnte 
etwa die schneidende Frage *ob der ephesische Markt Heraklit 
'zu einem braven Manne machen solle (^ ayoQa vfioiv ^Hgaydei- 
rov ayaiyhv noul Z. 28)' an einen Ausfall gegen das hellenische 
Marklieb«! Marktleben erinneni, welchen der Zusammensteller des ei-sten 
hippokratischen Buchs über Diät aus Heraklits Werk herüber- 
geuommen zuhaben scheint. Gleichwie nämlich, nach Herodots *) 
Erzählung, Kyros einst, zur Verhöhnung des bei den Persera 
nicht üblichen Marktverkehrs, einer spartanischen Gesandtschaft 
antwortete: *ich fürchte mich noch nicht vor Leuten, welche in 
*der Mitte ihrer Stadt einien Platz bestimmen um auf demselben 
'zusammenzukommen und sich gegenseitig unter Eidschwüren zu 
'betrügen' erklärt auch jenes hippokratische **) Buch den Markt- 
handel für einen fortwährenden Betrug in folgenden Worten: 
*Wenn die Menschen auf den Markt gehen, so vollführen sie die- 
*ses: sie betrügen beim Verkaufen wie beim Kaufen; wer am 
'meisten betrogen hat, der wird bewundert'. Aber wenn auch ' 



♦) 1, 153 : ovx f^tiad xto «rcT^iff loioviovSf rolai ion /^^^ ^^ H^^V 
Ttj noUi ano^i^tyft^yoif is tov avlUyofteyoi allrilovs ofiovittg 
iSttnartaai, 

» ♦♦) Vol. 6 p. 496 Littro : is ayooiiv i).%h6iTis Rvd^iHuiioi laihn dtanQfjü- 
ovTOf 9avf4aC€Ttu, Vgl. HeracUtea p. 86. 



77 

des Briefstellers Frage aus dem gleichen Gedanken über kaufmänni- siebÄter 
sehe Moral entsprungen sein mag, so lässt sie doch in ihrer Kürze *'**^ 
keinerlei nähere Uebereinstimmung des Wortlauts hervortreten 
und der Gedanke an sich ist, wie schon die eben angeführte 
Antwort des Kyros beweist, nicht eigenartig genug um mit Sicher- 
heit aus einer Nachahmung hergeleitet zu werden. 

Eben so wenig hat der Verfasser es versucht, das persön- 
liche Bild des ephesischen Philosophen in schärferen Umrissen zu 
zeichnen. Nur flüchtig wird der Anklage wegen Unfrömmigkeit 
gedacht (Z. 77), ja nicht einmal , dass Hcraklit eine bedeutsame 
philosophische Lehre vertrat, würde, wer es sonst nicht wüsste, 
aus dem langen Briefe, erfahren können. Der speculative Denker 
weicht durchaus hinter den moralischen Eraiahner zurück; und 
die stete, nie zum Lächeln sich erheiterade Trauer über den Henkuts 
Verfall der Sitten ist der einzige charakterisirende Zug und zu- ^"°"- 
gleich das einzige traditionelle Element, mit dem die Kosten der 
Fiction bestritten werden. Und jene Tradition selbst steht keines- 
wegs auf festen Füssen. *Schwermuth' freilich legt schon Theo- 
phrastos*) dem Ephesier bei und will sogar den Mangel an 
Klarheit, welcher seinem Werke vorgeworfen wurde, auf den 
Mangel der zur schriftstellerischen Vollendung nöthigen Heiterkeit 
des Gemüths zurückführen. Auch die Quellen, welchen Diogenes**) 
den Bericht über-Heraklits Entfernung aus Ephesos entnahm, 
wissen im Allgemeinen von seiner 'Menschenscheu' zu erzählen. 
Aber die Verdichtung dieser wohl nur aus dem herben Enist 
seines Werks entstandenen Voi-stellung zu der Schilderung seines 
Gesichtsausdrucks als eines entweder unbeweglich starren oder 
stets thränennassen begegnet nicht früher als bei Seneca und 
Plinius (A. nat, 7, 80); seitdein freilich befestigt sie sich, besou- 
ders in der Gegenüberstellung zu dem stets lachenden Demokritos, 



*) Diog. Laert. 9, 6: et6(f>QnaT6g ipjjaiy {,nb fielayxoX/as tu yh 
tlfituX^ rä <r ttXXor uXXutg t^oita ygiitpai, 
**) 9, 3: rUog fiiafty&Qtünijaas xtd ixnar^aüg iv joig oQurt Ji^rnro. 



Si«beni<T auf den Vürsrhictloimtrti «mi»*. titi «Irr ).it«in:'»(lirn und siiätm^n 
griechischen Litt ITA tu r. I>ii' luit Ilir.iklifs S>>tt'in noch aus selb- 
standiger Kenntnis^ vertrauten Schriftsteller hüten sich jedoch, 
ihn deshalb als einen unerbittlich strengen Sittenrichter darzu- 
stellen; seine 'l'hränen sollen vielmehr dem tiefen, als zu weich- 
imlthig getadelten 31itleid entquellen, mit >velchem das natürliche 
Schicksal der Menschen überhaupt und ihr um dasselbe unbe- 
kümmertes Dahinleben den Philosophen erfüllte. Seneca*) drückt 
,sich, anspielend auf die heraklitische Lehre von der Einerleiheit 
des Lebens und Todes (s-ßh. Mus. 7, 102) folgendermaassen aus: 
*So oft Hcraklit auf die Strasse g'mg und die Menge elend Le- 
ibender oder vielmehr elend Sterbender erblickte, flössen seine 
'Thränen ; Mitleid ergriff ihn über alle Frohen und Glücklichen, die 
'ihm begegneten — ein Zeichen eines sanften, aber allzu schwachen 
'Gemüths, weshalb er selbst zu den Beklagenswerthen gehörte.' 
Und Lucian , der seiner Thilosophenversteigerung' sehr wohlge- 
wählte Proben heraklitischer Sätze eingefügt hat, lässt auf die 
Frage des Käufei's * Warum weinst Du , mein Bester ?' den zum 
Verkauf gestellten ephesischen Philosophen erwiedern **) : * Weil 
'ich dafür halte, dass alle menschlichen Dinge bejammernswürdig 
*und thränenwerth und alle ohne Ausnahme dem Untergange ge- 
'weiht sind. Deshalb bemitleide ich euch und erhebe Wehklage. 



♦) De ira 2, 10, 5: UeraclUus quotiens lyrodierat et iantum circa se 
male vioeniium, imwo male peretinttum viderat, fiehat ; miserehatnr 
omniiim qui sibi laeti felicesque occurrehant, miti animo sed iit- 
fwi« imbeciUo , et ipse inter d^jüorandos erat. Vgl. de tranquiR, ' 
15, 2: Demoa'itum potim imitemur quam Jleraclitum; hie entm 
quotiens in publicum prpcesserat , flehat, iüe ridebat; huic Ofimta 
qtute agimus miseriae, iÜi itieptiae videbantur, 
**) c. 14: iiyioutu yap, w 'Ulvi% tu ay{kQ(üntva nQf^*^utn oiivQtt xal 
JitxQvwJiu xal ov^kv tiviiüiV o ri ^ij iniXT^Qtov' uf J^ olxritnm ri 
Oiftfag xal o^vQOfioi» xal rU fikv naoioviu ov Joxito fityalu, rtt (f* 
vaiiQtii XQ^^V iaofiiva nttfinav avifjQa , kfyto Jk rag ixnvQ6f<f**^^ 
xul jriv Tov oitov aufi(poQ^y' ravra o^UQOtÄtu xtA ort ifintJoy «>*" 
^i¥ xtX, 



79 



*Das Gegenwärtige dünkt, mich nicht sehr ansehnlich und was in siebenter 
'Zukunft bevoi-steht, durchaus leidvoll, ich meine die Weltbrände "'*'''* 
'und das Zusammenbrcdien des Alls. Das sind die Ursachen 
'meiner Wehklage und auch noch diess, dass Nichts festen Bestand 
'hat.' Einen so speculativen Weltschmerz musste unser Briefsteller, 
auch wenn ihm, was bezweifelt werden darf, die Anlässe dazu in 
Ileraklits System bekannt geworden , für seine Zwecke religiöser 
Polemik unbrauchbar finden ; nicht die der schonungslosen Gewalt 
des Naturgesetzes unterliegenden Sterblichen sollten beklagt, son- 
dern die an dem göttlichen Gesetz sich versündigende Heidenwelt 
sollte angeklagt und verurtheilt werden. Nirgends ist daher in 
dem Briefe vom 'Weineii' Heraklits die Rede; nur das 'Nicht- 
lachen' wird unablässig hervorgehoben (Z. 8, 10, 12, 18, 31, 37, 
49, 75), und dieser starre Trübsinn des Philosophen, welchen ihm 
die Ephesier als Menschenhass (Z. 9) auslegen, hat nach der 
Auffassung des Briefstellei-s einen von jeder äigenthümlich philo- 
sophischen Färbung freien , allgemein ethischen Grund ; weil He- 
raklit.das Schlechte hasst, so hasst er folgerichtig auch alle • 
Menschen, welche wie die Ephesier und, nach des Verfasser durch- 
schimmernden Nebengedanken, die gesammte heidnische Gesell- 
schaft, das Schlechte in sich verkörpert haben (Z. IG ff.); und da - 
das Verhasste ihn nun von allen Seiten umgiebt , so weicht das 
Lachen von seinem »Antlitz. Dem ephesischen Denker wird aller 
bittere Ernst, aller empörte Ingrimm beigelegt, mit welchem die 
Leser der Bibel auf die Lust und Wollust, auf die Friedensfäul- 
niss und das unmenschliche Kriegsrecht der römisch-griechischen 
Welt hinblickten. 

Lässt sich hiernach dem Verfasser dieses ' Briefes weder eine 
anschauliche Vorstellung von Heraklits Persönlichkeit noch eine 
nähere Kenntniss von seinem verlorenen Werk zuschreiben, so 
bekundet er dagegen eine freilich für den heutigen.Forscher un- 
ergiebige Belesenheit in den aristotelischen Schriften. Der zu An- 
fang des Briefes*) entwickelte Gegensatz zwischen dem Gesetz- 






*) Z, 4 hiQoq Jixaarrtg vofAo^itov* xai ocT« y« afidytov, iml 



80 

siebeatrr gebci', welchei' leidenschaftslos allgemeine Vorschriften für die Zii- 
"'**** kunft entwirft, und dem Richter, welchen der gegenwärtige Ein- 
zelfall befangen macht, ist in allen seinen Theilen aus der Ein- 

Ari*t«teiw. leitung zur aristotelischen Rhetorik entlehnt; es werden noch die 
einzelnen aristotelischen "Wörter bemerklich, welche der Briefsteller 
sich unverändert oder mit leichter ümbiegung angeeignet hat. 
Sein Verweilen bei einer solchen Begriffsbestimmung erklärt sich 
daraus, dass die Verbannung des Hermodoros in diesem an ihn 
gerichteten Briefe mit einer gesetzgeberischen Thätigkeit (Z. 77) 
in Verbindung gebracht wird ; welchen Anhalt hierfür die Ueber- 
lieferung darbot, wird füglicher bei Besprechung des folgenden, 
näher auf diesen Punkt eingehenden Briefes erörtert; — Noch eine 
andere aristotelische Blume hat der Verfasser zum Aufputz seiner 
polemischen Waffen verwendet. Wenn er den Heraklit lediglich 
durch sein Dasein das Gesetz darstellen lässt, dem die übrigen 
Menschen gehorchen sollten (Z. 30 vo^iog ufd allcjv), so bedient 
er sich dabei derselben Worte, mit welchen die aristotelische Po- 
litik den Satz begründet, dass die durch vollendete Tugend über 
die gewöhnliche Menge hervorragenden Menschen auch nicht 
mit dem gewöhnlichen Maasse gemessen und dem Zwang eines 
auf durchschnittliche Gleichheit berechneten Gesetzes unterworfen 
werden dürfen; 'für solche Auserwählte, sagt Aristoteles, giebt es 
'kein Gesetz; denn sie selbst sind Gesetz (xora TcSy toiovtiov ovx 
lati vofiog, avTol yaq elai vnfiog Polit. 3, 13 p. 1284 a 13). — 
Ausser in diesen zwei Fällen wollen sich jedoch erborgte Gedan- 
ken oder stilistische Anklänge an Glauzstellen der gangbaren 
Klassiker , mit welchen sonst die späteren Rhetoren zu prunken ' 



untixh^atkQoq nQog li^rilor top fiiXiovra noa^eiv , 6 (Tfarajcüi' J^ 
oQtf Tov XQivofiivoVf t{t awanTCTai to ti aikog =i Ariat, i2/»e£. 1, I. 
1354^*5: rf filv rov vofjio^itov n^taig oi xurtt fiigog ulla m^l 
fiiXloi'Ti-jv T€ xtd xttd^olov iariff o iT' ixxltiatnarrjg xtd cfixi«- 
artig riSti nf{A nuQotffov xal afpuQtafiivfav XQiyowfiVf nQog ovg xtä 
10 (piliTv {Jj| xtii 10 fiiaetv xal i6 T^tov avfitpiQov avv^Qfii*** 
nolXdxig, 



81 



pflegen, nicht entdecken lassen. Bei dem beträchtlichen Umfange 
des Briefes und seiner schulmässig rhetorischen Anlage (s. oben 
S. 69) ist diese Enthaltsamkeit um so bedeutsamer, und sie mag 
wohl davon herrühren, dass der Verfasser aus den religiösen An- 
sichten und Absichten, welche ihm die Feder in die Hand gaben, 
auch eine gewisse Selbständigkeit schöpfte und der üblichen ßhe- 
torenschminke wenigstens für den sprachlichen Ausdiiick entrathen 
zu können meinte. Gleich in dem folgenden viel kürzeren Briefe, 
dem eine ernstere Absicht fehlt, stellen sich auch die Nachahmun- 
gen und Citate reichlich ein. 



vm. 

An denselben. Lasa mich wissen , Hermodoros , wann du die Achter Brief. 
Reise nach Italien anzutreten Beschlossen hast. Mögen die Götter 
und guten Geister jenes Landes dich freudig aufnehmen. Im Traum 
erblickte ich die Erscheinung, wie alle Königsbinden vom ganzen Erd- - 
kreis deinen Gesetzen sich nahten und nach Perserbi*auch mit gebeug- 
tem Knie, die Hand zum Munde geführt, ihnen Anbetung bezeigten, 

» 

jene aber standen in sehr feierlicher Würde da. Anbeten werden 
dich die Ephesier, nachdem du dahingeschieden, wenn deine Gesetze 
allen Menschen gebieten, und alsdann werden sie dieselben nothge- 



vm. 

£ig ^IxaUav. di^aivvo ae oi haivqg rrjg x^tJpag if-eot xai Jo/- 
fioveg rßhijg. ovag f.doxovv roig aolg roftoig ra naqa naai^g 
%rjg ohovfUvr]g diadijfiara 7rQoauvai xai xarcr to hO^og rcSv 
JJeQaiüv i'/xhjüfiiva ini aro^a ngoaxwelv avcovg, oi de aejuviog 
navv 'Aa9'£iaTi]y.aaap, nQoaxvvjjaovai ae ^E^iaioi fUfjxeTi ovvay 



4 tUog t6 lUnawv 



6 



mm. 



K ) 



Acht« Brief, drangen cinfühnA. Di-nn <iott Imt i\uu*n die Hcrrsrlmft genommen 
und sie selbst haben Mich der Knccbtschnft würdig craclit et. •> Pas weiss 
ich schon von uii5cren Vätern her. Ganz Asia war des Grosskönigs ^ 
Grundbesitz und alle Ephcsier sein Eeiitestüek. Ungeübt sind sie in 
der wahren Freiheit, im Herrschen. Jetzt, sollte ich ineinen, werden 
sie dem Befehl gehorsamen, oder wenn sie nicht folgen , so wird es 
ihnen schlimm ergehen. Und nun klagea noch die Menschen über 
die Götter, dass sie ihnen nicht Reichthum alles Guten gewahren, nicht 
aber klagen sie über ihren eigenen thörichten Sinn. Nur Blinde können 
die edlen Gaben, welche die Gottheit sendet, anzunehmen unterlassen. 
' Unter vielem Anderen hat die Sibylle auch dies verkündet, dass aus 
jonischem liande den italischen Landen ein Weiser kommen werde. 
Vor so langer Zeit sah dich , Hermodoi'os , jene Sibylle und damals 
schon warst du; die Ephesier jedoch wollen nicht einmal jetzt dich 
sehen, dich, welchen die Wahrheit durch Yermittelung eines gottbe- 
geisterten Weibes erschaute. Als Weiser bist du, Herraodoros, bezeugt 
worden, die Ephesier aber widersprechen dem Zeugniss Gottes; sie 

orav Ol aot vofioi naaiv hmawioaif TLai totb XQTiGoviai av- 

Toig dvayxaKofuvot. x^f og yäg aq>BiXa%o axeivovg rjyefioviav xal 

eavToog ivofttaav d^lovg dovkevetv, rovro fief.tad'rjTia xal hc na- 

10 TiQiüv, Sir] l4aia y.zrjf.ia iyiv^ro ßaatliiog xal 7cavz£g ^EcpiaiOi 

Xaq>vQüv, aijd^eig eiaiv iXev&eQiag di.7j')^ovgf zov dq^uv, Tial 

vvv log elxog vTranovaovrai KeXevofievoi , 7] fn^' TraiaO^ivi^eg ol- 

fKo^owai. y.al fUficpovrac d^eovg ävO-giOTCoi ozi avzovg ov nkov- 

tiLovaiv dyad^d, ov fUfupovTai Ydiov y&og dq>Qoavvr]g.^Tvq)X(!jv 

. 15 iari fifj di^aoO^ai a diöcjoi XQfjO^d daificoy, Sißvkka ev /roA- 

Xolg ymI xovxo iq>Qda\^r]* rj^eiv aocpov^lTalirjOiy i^ ^Iddog Xii- 

. QTi}g. €iöi ae rrgo tooovtov aicoyog, ^Egfiodcoge, rj 2ißvU.a l'/,eivi} 

aal toze ija&a, ^Eq>iaioi de ovde vvy ßovkovvai 6q5v, oy öi(f 

x^€og>OQOVfiayijg yvvauog ^j4)J^eia eßkeTve. aoq>6g ^BiAaQtvQtfiah 



11 iUv&tQfag, ufi&eis tov 



83 

werden ihren Uebermuth büssen, ja sie büssen ihn jetzt schon, ludoniAchtiT urief. 
sie sich mit schlechter Gesinnung erfüllen. Nicht durch Entziehung 
des Reichthums straft Gott, sondern er giebt ihn vielmehr den Schlech- 
ten, damit sie, im Besitz der Mittel zu sündigen, überführt werden 
und im Ueberfluss schwelgend ihre Schlechtigkeit auf hoher Bühne 
zur Schau stellen. Die Armuth dagegen ist ein Schleier. So möge 
es euch denn nimmer an Glück fehlen, damit euere Bosheit den Tadel 
herausfordere. Doch lassen wir jene und thue du mir den Zeitpunkt 
deiner Abreise kund. Ich möchte jedenfalls mit dir zusammeutrefTeu 
und über gar vieles Andere so wie audi über die Gesetze selbst mit 
dir einiges reden. Ich hatte es geschrieben , wenn mir nicht Alles 
daran läge, dass es geheim bleibe. Das beste Mittel aber etwas ver* 
schwiegen zu. halten, ist wenn Einer zu Einem und zumal wenn Hera- 
kleitos zu Hermodoros spricht. Viele Menschen haben vollständige 
.Aehnlichkeit mit geborstener Töpferwaare, so dass sie nichts bei sich 
behalten können , sondern in Folge ihrer Zungensucht durchi-inncn 
lassen. Die Athener, wie sie Ursöhne ihres Bodens waren, erkannten 

20 ']LQiii63iOQ£y *Eq)£aioi öi dvnXiyovai O^aov ^taQTVQia. aTtoxiaov- 
rai f.avz(Sv vßQiv, xal vuv ccTiocivvvTaiy yvio^irß avafrtftTtXuvteg 
ocpag xax^c;. ovn dqjaiQovfuvog nlolrov Y,olaCu ^«og, aU.ä 
y.al fiakkov öidaiai fcovfjgnlg, iV txovteg Jt' lov a^iaqxavovoiv 
€hyx^^j(Jcoviai xai n^Qiovaiatovieg axtjvoßazwoiv avtcov ztjv 

25 ^loxO-r^giav ' ^ ff d/iogia 7raQaxdlvfifia iauv. fi^ anUnot 
vfiag Tvx^], iva dveiöiCr^aO^e novr^Qetofuvoi. ovvoi ^tiv x^fQOv- 
Twy, av de fwi drjkov xov ymiqov Ti]g i^oöov. /ravtiog ivcvxi7v 
ooi ßovXofiäi xal Tragi Te alkwv navv ar/rcUv ymI nagt (xv- 
ziSv Tüv ro^icov ßgaxia eineiK eygacpov (T av aiha, ei firj negl 

30 nMTog inoiovfirjv dnoggrjxa ^mvai, ovdiv di ovtco aiwnazai 
(og hl XaliSv nJg , xal IVt ftakkov ^HgaxkaiTog ^EgfiodcogciK 
TtoXkoi ov diag>€govoi xegafiicov aa&gcov , (og fit]div atiyaiv 



22 a(f>as\ ^ftag 



Aditer Briof. auch die Natur der Meii5(clioii dasn sie/ wtil aus Krdc entstanden, 
zuweilen Risse iu ihrem Geist haben. Solche Menschen erzogen sie 
daher zur Bewahrung von Geheimnissen durch die Mysterien, damit 
doch wenigstens Furcht, wenn auch niclit Urtheil, ihnen das Plaudern 
.verbiete und die Seelen Übung des Schweigens ihnen nicht mehr so 
schwer falle. 

övvaGx^äc aik^ vno ykcoaaalyiag diOQQelv. *j4d^rjvaioi oweg av- 

%6xO-ov6g tyvüjaav (pvaiv ävd'qmuov ^ iizi yivo^ivoi «x y^g 

35 lod-^ ore duQQüjyora ix^voi vovv. zovzovg enaiÖtvaav qivXax^v 

aicoQqrjfViav diä fivattjQicjv, iva ncjg q>6ß(iß aiycioiv , dXü ou 



36 fv* WS (poßtii I 37 t6 (ÄiX^aav ' 



Ersteigt auch der Schluss dieses Briefes *^) den höchsten 
Gipfel der Abgeschmacktheit , so darf dies doch nicht hindern, 
die gar nicht ungeschickt in einander geschlungenen geschicht- 
lichen Beziehungen näher zu betrachten , welche in der ersten 
Hälfte zur Schilderung der römischen Hen-schaft über Asien be- 
nutzt sind. Sie fussen auf zwei mehr oder minder bestimmte 
uermodorot' Ueberlieferungen. Dass die von Heraklit und Hennodoros gelei- 
''ow^* tete Partei der ephesischen Bürgerschaft einmal mit einem Ver- 
c«bua«. such, die Verfassung von Ephesos zu bessern, gescheitert war, 
lässt eine bei Diogenes Laertius erhaltene Nachricht erschliessen ; 
sie folgt dort auf den oben (S. 19) mitgetheilten Ausspruch Hera- 
klits über Hermodoros' Verbannung und lautet *) : *Als ihn die 
'Ephesier zu einer Gesetzgebung aufforderten , lehnte er ab , w^ 
*die schlechte Verfassung schon zu tief in der Stadt einge^vurzeli 






hfl 

*sei.' Der Aufgeforderte ist nun freilich Hcraklit , wenn die auf Achter nricf. 
einander folgenden Sätze des Diogenes nach den strengen Regeln 
der Grammatik construirt werden ; aber ein etwas eiliger Leser 
kann noch jetzt bei Diogenes leicht so ausgleiten , dass er auch 
das von jener Aufforderung redende Sätzchen auf den eben vor- 
her genannten Hermodoros bezieht; und wer wollte bei der be- 
kannten Nachlässigkeit, mit welcher ^Diogenes seine Collectaneen 
un einander reiht , die Bürgschaft dafür übernehmen , dass seine 
Vorlage nicht wirklich den Hermodoros zu dem Gesetzgebungs- 
versuch in Bezug gebracht hatte ? Für die geschichtliche Ver- 
werthung der Notiz ist jedoch die Nennung des einen oder des 
anderen Namens gleichgiltig; nachdem einmal Heraklit und Her- 
modoros als die Führer der ephesischen Ai'istokratie erkannt wor- 
den (s. oben S. 15), versteht es sich von selbst, dass ein so ein- 
greifendes politisches Unternehmen, wie es ein neuer Verfassungs- 
entwurf Jst, nicht von dem Einen ohne die Mitwirkung des An- 
deren begonnen werden konnte ; und jedenfalls ist es auf Nach- 
• richten von derselben Art , wie die bei Diogenes aufbewahrte, 
zurückzuführen, dass der siebente (s. oben S. 80) und neunte 
Brief die Verbannung des Hermodoros als Folge seiner gesetz- 
geberischen Thätigkeit eintreten lassen und der vorliegende achte 
von einer Zurückweisung hermodorischcr Gesetze seitens der 
Ephcsier ausgeht — Mit der, wie immer beglaubigten, Tradition Henno*w» 
von^ einer solchen Zurückweisung verknüpft nun der Briefsteller^^^fp^j^"^ 
den Aufenthalt des Hennodoros in Italien und seine bei der Ge- 
setzgebung der zwölf Tafeln geleisteten Dienste -- beides That- 
sachen, die so gut wie wenig Anderes aus der älteren Geschichte 
Roms bezeugt sind ; den übereinstimmenden Angaben Strabos 
(14 p. 642) und der juristischen Alterthumsforecher (Digest. 1, 
2, 2, 4) verleiht die dem Hermodoros auf dem Comitium errich- 
tete Bildsäule (PHn. h. n. 34, 21) den urkundlichsten Rückhalt, 
um sodann diesem gelungenen römischen den misslungenen ephe- 
sischen Versuch des Hermodoros gegenüberzustellen, lässt der Ver- 
fasser des Briefes nach pseudepigraphischer Sitte seine eigene 
Gegenwart, in welcher Ephesos wie ganz Kleinasien den römischen 






Orakel. 



Arhicrürirf. Gcsotzcii gcljoivlito, i\U v'iu 'Irainu^rrsiclit von dem wcnig.stcns ciu 
halbes JahrtaiLscnd friilier lebenden Heraklit geschaut werden. Alle 
Könige des Ostens fallen nnt der an ihren Höfen üblichen Gc^ 
berde der Adoration (Z. 5) vor der höheren Majestät des römi- 
schen Rechts nieder, dessen Kern die unter Hermodoros' Mithilfe 
entstandenen Gesetze der zwölf Tafeln bilden ; diese nehmen, von 
der Einbildungskraft des prophetischen Traumes zu lebenden Wesen 
umgeschaflfen , die Huldigung in ruhiger Würde entgegen; und 
Ephesos, welches die herraodorischen Gesetze in ihrer vaterlän- 
dischen hellenischen Gestalt verschmähte, muss ihnen, bei Strafe 
die römischen Ruthenbündel zu kosten. (oi//ci5^oyroft Z. 13), wider- 
willig nachleben. Aber Heraklits traumhafte Voraussicht der 
. römischen Weltmacht genügte der pseudepigraphischen Vorliebe 
für Prophezeiungen noch nicht. Es wird ausserdem eine eigent- 
sibjiica- liehe Wahrsagerin ins Spiel gezogen, und ein Sibyllenspruch (Z. 16), 
der von der Uebei'siedelung eines jonischen Weisen nach Italien 
redet, auf Hermodoros' dortiges Verweilen gedeutet. In der hand- 
schriftlichen, von Westermann, wie billig, befolgten Ueberlieferung 
ist der zu Grunde liegende Hexameter («f ^Jddog xcogrig rj^ei ao- 
(pog UxaUyaLv) , welchen die älteren Ausgaben eigenmächtig auf- 
nahmen, mit gesuchter Nachahmung der bei den klassischen Pro- 
saikern üblichen Weise desCitirens von Versen, durch Umstellung 
der Wörter aufgelöst. Ob aber der Briefsteller diesem Verfahren 
sein eigenes Machwerk unterworfen, oder wirklich in den damals 
verbreiteten Sammlungen von Sibyllenorakeln einen solchen jetzt 
aus keiner anderen Quelle bekannten Hexameter vorgefunden habe, 
wird sich mit unseren Mitteln schwerlich entscheiden lassen. Ist 
das Letztere der Fall , so hat gewiss die Randbemerkung '*') der 
von Westermann benutzten Pariser Handschrift das Richtige ge- 
troffen mit der Annahme, dass im Sinn des ursprünglichen Vers- 
machers der nach Italien kommende jonische Weise kein Anderer 
als der dem jonischen Samos entstammende Pythagoras sein sollte. 
Denn in dem sehr gemischten, auch von neupythagoreischen £in- 



•) iU [von WciitcrmauD hiiizuffefügt] IlvOayofmv Tpnal tfQ^a%Htt fow«. 



Aussen berührten Kreise, aus welchem die Sibyllcnorakcl hervor- Achter Brief, 
gingen , konnte wohl Jemand sich zur Verherrlichung des Ahn- . 
herrn jener Schule aufgefordert fühlen; aber selbst nur zur Er- 
wähnung des ausserhalb der herakli tischen und juristischen Litte- 
ratur verschollenen Hermodoros ist für einen Sibyllisten kein 
wahrscheinlicher Anlass zu ersinnen. Jedoch mag der Briefsteller 
einen bereits vorhandenen Vers bloss auf Hermodoros bezogen, 
oder zu dessen Ehre einen neuen erst erdichtet haben, in beiden 
Fällen ward ihm der Gedanke, seinen heraklitischen Brief mit 
einem sibyllinischen Citat zu verbrämen, durch die Erwähnungen 
der Sibylle nahe gelegt, welche in dem heraklitischen Werke vor- 

m 

kamen. Sie waren, wie die Bruchstücke zu schliessen gestatten, 
in ehrendem Tone gehalten ; der Philosoph scheint sein Verzichten 
auf den Schmuck der Dai*stellung mit dem Beispiel der Sibylle 
gerechtfertigt zu haben, welche in ihrer Verzückung *unfrohe, un- 
geputzte und ungesalbte*) Worte' ausstosse, ohne dadurch den 
Glauben an die Göttlichkeit ihrer Sprüche zu erschütteni. Dieses 
sibyllinische Motiv ist-aber auch das einzige Zeichen von näherer 
Kenntniss des heraklitischen Werks, welches der Brief aufweist; 
aller übriger Bedarf an Gedanken und stilistischer Würze ward uach- 
auf ausserheraklitischem Wege beschafft Die prosopopöetische •^*""««'- 
Vorführung der . hermodorischen Gesetze (Z. 5) erinnert an das 
ähnliche Auftreten der Gesetze Athens als lebender und redender 
Wes6n, welches in dem platonischen Kriton (p. 50 a) eine so schöne 
Wirkung macht. - Der Satz, dass Griechen nicht zu herrschen 
verstehen (Z. 11 ar^^uq rov aQx^iv)^ mag wohl seit der Befesti- 
' gung des römischen Weltreichs ein gewöhnliches Rhetorenthema 
geworden sein ; in Aristides' Lobschrift auf Rom ♦*) , einem der 

*) Pluterch. de Pyth. orac. 6: 2:ißvkXa «f^ fimroiiirt^ arofiau, x«:»' 
'JlQaxXnTov, ay^aara xal axaUdmarn xttl afjtvQtaia (p^iyyofLivii 
xtL Clemens Strom, 1, 15 p. 368 P. [in einer hierher wohl aus 
c. 21 p. 384 versprengten Notizensammlung über SibyUen] : 'Hqu- 
xliiTos yitQ ovx av^QtonCvtog iptjalv aXia aw »t^ fiakXov Ziftiiltjv 
TTitpav&oi, 

**) vol. 1 p. 342 Dind. : ix^ivo imSuxvivai. fiovXoftm, ort ovtiod nQo 



*-• *T— ■ i gT ^ ^■^^^^B^^^^^^—^^—^^"gg1CM 



SN 



AfburBrirf. kunstvollsten und jnlinltrcichstcn aller rhetorischen Schiuistücke, 
ist er als Schlüssel zur gcsanimtcn hellenischen Geschichte ver- 
wendet; unser Briefsteller spitzt den Vorwurf noch schärfer zu, 
indem er den P^phesicm, weil sie des Herrschens ungewohnt sind, 
die walire Freiheit (Z. 11 iXevd-eQiag alrjO^oig) , welche nur im 
Verein mit Herrschaft denkbar sei, abspricht; aber auch diese 
Verknüpfung von Freiheit und Herrschaft war wohl seit lange 
. den Khetoren geläufig; sie bildet z. B. die letzte Stufe einer Kli- 
max , die aus einer Rede des jüngeren Africanus als Exempel 
jener rhetorischen Figur angeführt zu werden pflegte*) und so 
lautete : *Aus Sittenreinheit entspringt persönliche Würde , aus 
'persönlicher Würde Amtswürde, aus Amtswürde Herrschaft, aus 
'Herrschaft Freiheit' — Nicht unmöglich ist es femer, dass der 
Tadel der 'Blinden (Z- 14 rvq)kiüv)\ welche das von der Gottheit 
dargereichte Gute nicht einmal* anzunehmen wissen, nachgebildet 
worden dem bekannten Orakel, welches Chalkedon die Stadt der 
'Blinden' nannte, weil ihre Gründer kein Auge für die Vorzüge 
des gegenüberliegenden Bosporosufers gehabt, an dem später By- 
zanz 80 mächtig emporwuchs **). — Für sicher darf es endlich 



vfÄOtv ["Pat/italttiv] ijv ro ttQx^iv Mivta .... inii t6 y( li/^lv in* 
U.9^ri%'(i((ov xivdvvfvd X€tl niQl metTOtv il iig itnoi TtSv'ElX^vtov alri&kg 
iti'ftif (thI loTg f^lv uQx^wttv (Reiske's Vorschlag a^ixiag oder ;^fi- 
Qtiv aöUMV hinter aQxovaiv einzufügen zerstört die für den Zu- 
sammenhang wesentliche Antithese von fremder und eigener Herr- 
schaft) uvtiaif^vta xa\ XQorijaai JTiQani .... ttytt9i}l navtog fiak* 
kov riaav ^ aQxftv ^k avrol hi wreUJevtot ^aav n(iQ<üfiivo£ rc 
iofffiXXot^o, 
*) liei Isidonis Origin. 2, 21, 3: ea; innoc^tia fMScitur dignüas, ex 

dignitate Jwnor, ex Itonore Imperium, ex imperio Überlas. 
**) Strabo 7 p. 320: rov ytTrolkto (paal roTf xrCanat xb Bv(avTtor . . • 
n(KPOT€t$€u TTotTjaaaOni riiv TÖQvotv ann*avilov ruiv tvtflioVf tvtpiM* 
xnliaavTa rovi XciAxijJoiYovf, oti nQOTiQoi nltvaavtig ic rovi ro- 
xrovff, wpirtig r^r n^fniv xtattaxfiv rotfovrov nXovtov [der Thiui- 
fische] (x^vCttv, ftlotno ifiv IvjiQoiiQuv = Tacitus Ann<d, 12. 03: 
Pifthium ApoUinem eoMuI^ntthm ubi condertnt urhem rcdditum 
oractdumest, quacrereni 9cdem ca<corum ttrrit adversam. Ea am- 



80. 

gelten, dass die Vergleichung von schwatzhaften Menschen niit.uhtrrurief. 
lecken Töpfen (Z. 32) aus Menanders Eunuchos stammt. Tcren- 
tius hat die bezügliche Stelle seines Originals so treu wieder- 
gegeben, dass für alle wichtigeren lateinischen Wörter die ent- 
sprechenden, von Menander gebrauchten griechischen in der Nach- 
ahmung unseres Briefes hervortreten und auf diesem Wege sogar 
eine Conjectur Bentleys widerlegt werden kann *). — So viele 
leicht auszurupfende fremde Federn, mit denen sich der Verfasser 
schmücken wollte, zeugen nun zwar von gewiss berechtigtem 
Misstrauen gegen seine eigene Fähigkeiten; aber da er einmal 
ein Rhctor ist, so verzeiht man ihm das rhetorische Zunftgebrechen 
der auf Borg befriedigten Putzsucht doch noch leichter , als das 
Herabsinken zu völlig gedankenleerem und auch sprachlich farb- 
losem Füllsel. Zweimal wiederholt sich die Aulforderung , dass 
Hermodoros den Zeitpunkt seiner Abreise anzeige (Z. 1 u. 27). 
Auch das Gesuch um eine Unterredung mit ihm wird recht schlep- 
pend vorgebracht (Z. 28) ; und der geheimnissvolle Ton bei An- 
kündigung der zu besprechenden Gegenstände (Z. 29) wird da- 
durclj noch unleidlicher, dass er nur angeschlagen worden um zu 
den weitschweifigen Plattheiten über Verschwiegenheit und Aus- 
plaudern überzuleiten. Offenbar versagten dem unfruchtbaren 
Kopf selbst bei einem so reichen Stoff, wie ihn doch die zu An- 
fang des Briefes berührte römische Herrschaft über Asien darbot, 
sehr bald die Gedanken , und damit der Umfang des Uebungs- 
stückes nicht gar zu winzig ausfalle , erlaubte er sich die unge- 



bage Ghaicedonii nionsträbantur , quod priores iUuc advecti, prae- 
Visa locorum utilitate, peiora legissent. Vgl. Herodot 4, 144. 
♦) Tei-ent. Eun. 103 (=1,2, 23) i Qiiae vera audivi taceo et conti- 
neo {=sZ,32aTfyin»; Donatus bemerkt: proprie a metaphora vaso-' 
rum transtülit verha) optxme; Sin falsum atU vanum aut fictuvist, 
continuo palamst ; Plentts rimarum sum (= Z. 35 ^UQ^a^yora; 
Donatus bemerkt: translatio ab aguario vase fictili), hac atque 
iUac perfluo (so die handschriftliche Lesart , welche «u ^/iv^e/> 
Z. 33 stimmt; Bentley setzte dafür perpluo). 



"« I 



hori;rslon I>olmtin;j:«n. il.tn/ An.Iri> \fj>t4'lit i> der rol;,'en«lc und 
letzte IJrii'f (las cininal anf^v^'nllVnc Thema festzuhalten und zu 
Ende zu spinnoa. 



IX. 

NeunterUri«r. An denselben. Wie lange noch, Hermodoros, werden die Men- 

schen schlecht sein? und zwar sind sie es nicht mehr jeder für sich 
in seinem Einzelleben, 8ondei*n auch ganze Städte in ihrem öffentlichen 
Leben. Die li^phesier verbannen dich, den besten der Männer. Aus 
welchem anderen Grunde als weil du in deinen Gesetzen den Freige- 
lasseneu bürgerliche Gleichheit und ihren Kindern den Zutritt zu den 
Aemtern gewährt hast? Gleichwohl wird der Freigeborne nicht erst 
Bürger nachdem er als brav erfunden worden , sondern die Geburt 
macht, ihn zum Bürger, worauf er dann gezwungen wird brav .zu sein, 
und oft bleibt er, trotz des Zwanges, dennoch schlecht; jene hinge- 
gen , welche man nach vorheriger Prüfung und nachdem sie durch 
ihr Leben ihren Anspruch auf Gleichstellung bewährt haben, der Auf- 
nahme in die Bürgerschaft würdigt, wie viel besser sind sie , da sie 

IX. 

« 

TiT» avzfit, "^XQt Tivog, *EQfi6ÖMQ£, ymaoi eaovtai av^qio- 
not 'Acii ovy,i'Ci «Tg exaazog idi(f, dkla xal xoivg noXeig oXat; 
^Efpiaioi a£ dvdqoiv ovva agiarov ilauvovaiv, avzi zivoq i} 
oti voitotg yqacpeig xoig aitikevd^eqoLg iaoftoXizdav xat xoig 
5 toiTO}v zl'Avoig taonfiiav; i^aitot ye 6 ftiv yv^joiog noXizrig 
ov -Kgid-etg dyad^og yiveratf aU,a ysyrrid-eig avayyca^aTai , xai 
ovdiv 7JZZ0V, xSv dvay/Ma&rj, nollaxig Tuxuog sfieivev , ov di 
äoTUfiaad-ivzag d^ioüvzm zov noXizevficttog faagzvQijaavzeg 



4 on 6oiloii ygatpeig loTs Hivlh^Qotg \ 5 xntroi y* el o fihv \ 6 in^y 
xa(crai xccl ovJ* $v avnyxaai^y nokXaMii äya^oi KfmvtVt ol ^^ 



' ^m ?^ 



91 

wegen ihrer Tugend in die Bürgerlisten eingescliricben werden. ^Yie^ountorBrirf. 
in anderen Dingen so zeigen die Lakedämonicr auch hierin ihre « 
Trefflichkeit, dass sie nicht auf Ahnenbriefe hin, sondern auf Grund 
der Lebensweise zu Bürgern von Sparta erklären. Auch wenn ein 
Skythe oder ein Triballer oder ein Paphlagoner oder Jemand kommt 
der gar kein Geburtsland zu nennen weiss, sobald er der lykurgischen 
Lebensstrenge sich untei*zieht , ist er ein Lakone. So bringt denn 
jedes Mitglied der Bürgerschaft in seinem eigenen Selbst zugleich sein 
Vaterland mit. Aus jeder Stadt aber verbannt die Schlechtigkeit, 
auch wenn Jemand mitten unter den Säulen [des Marktes] wohnt. 
Meines Erachtens ist auch Niemand ein Ephesier, ausser in demselben 
Sinne wie man von einem ephesischen Hund oder Rind redet ; ein ephe- 
sischer Mann hingegen muss, wenn er ein braver Mann ist, ein Bür- 
ger des Weltalls sein. Denn dieses ist die allen gemeinsame Heimath, 
in welcher nicht der Buchstabe, sondeiii Gott das Gesetz ist und der 
üebertreter der Ordnung zum Frevler wider Gott wird, oder vielmehr, 
es wird hier keinen Üebertreter geben , da ein solcher nicht hoffen 

ßi(l) t6 laoTifiov 7c6a(fi XQeizrovg, oi dC äqatijv iyy^q>6fi€voi, 

10 ^anedaifiovioi di //er' aXXoßv xat tovto ayad-oi, ov yga/nfiaaiv 

dnodeixvvvreg 2naQTicrcag äXV dytoyi}^ xöV iXd^civ zig STCvd-rjg 

* ? TQißaU.6g T} Ilaq)Xayo}v fj fiY^div €XO)v ovofia xwqag vnoovf^ 

ztjv ^vxovQyeiov axXrjQaycoyiav , yiaxcov iariv, cSaze tyuxczog 

ziSv noXizev&ivzmv ev iavztji cpigiov zijv noTQida eQxerai. 7td- 

15 atjg de noksiog (pvyadevu xaxia, xaV eV fieaaig zaig azfjlaig 

zig olxfj. oidi '£q>iaiov elvai ziva nei^ofiai , el fir^ wg xvra 

^Ecpioiov fj ßovv , dvi^Q di 'Etpiaiog, ei dya»6g, xoafiov noU- 

ztjg. zovzo yuQ xoivov ndvziov eazi xioQtov, iv ([t vofiog iarlv 

ov ygdfifia dlkd &e6g , xal 6 naQaßaiviov a xqtj daeß^aer 

20 fiakXov de ovdi nagaßfjaezai, ei nagaßdg ov krjaezai. TtoUal 

JUrjg *EQivveg, dfiaQZTjfidztJv (pvXaxeg. 'Hqiodog eipevaazo zQeig 



Id a fi^ Xq4\ 20 noXJieA] ov noUtA 



'IL» 



rrcanternrirf.darf uiifMitdorkt XU 1>l(*ilicii. Zulilrclcli sind die Räch ogcister des Koclits, 
die AVächtcr der Vergehen. Hesiodos log, wenn er dreimal ZclmUii- 
send als ihre Zahl nannte. Das sind zu wenig; die reichen nicht au» 
für die Schlechtigkeit der Welt. Die Menge des Bösen ist gross. 
Meine Mitbürger aber sind die Götter, den Göttern nm meiner Tu- 
gend willen zugesellt weiss ich wie gross die Sonne ist, die Bösen 
aber wissen nicht einmal von ihrem eigenen Dasein. Oder fühlen sich 
die Ephcsier dadurch beschämt , dass Sclaven brave Männer sind ? 
MU Recht schämen sie sich, denn sie selbst sind schlechte Freie, da 
sie unfreien Leidenschaften unterliegen. Mögen sie aiifhören zu sein 
wie sie sind, dann werden sie in Geroeinsamkeit der Tugend Alle mit 
Liebe umfassen. Was denkt ilu* euch denn, ihr Menschen ? Hat Gott, - 
der weder Hunde noch Schaafe, weder Esel noch Pferde noch Maul- 
thiere zu Sclaven schuf, Menschen dazu geschaffen? Und wenn wirk*, 
lieh die Sclaverei ursprünglich bessere Naturen verschlechtert hat, 
müsst nicht auch hierüber ihr euch schämen, da ja die Sache sowohl 
wie der Name von euerer Ungerechtigkeit herrührt? Wie viel besser 

fivQiadag thro\v • oUyat elaiv, ovy. ägzoiot xaxitf noaftov ' ftokv 
iau TrovijQi'a., h/tot de 7ioXnai i^aoi, ^heoig ^vvor/Auv d/' age- 
rr-g olda ijhnv oirnaog iazi , 7iovr^qoi de ovd* Hri eloiv. i; at- 

25 ayvvoriai^Iupiaioi öov?.ovc: äyox^ovg. eivai; elxorcog* avzot yag' 
yM'Aoi ikev-D^egnt, rli .orx flevO-igotg nad-eoiv evKOvotv. navaaff' 
O^ioaav nToi eiai ymI ayaTrtjaovai navrag iaorrjZi. agezfjg, xi Si 
oieaO^e, oj ari^gio/roi; el O-eog ov nenoiTjxcig xvvag ovöe nqoßat^ 
dov?.avg , aide nvovg ovdi innovg ovöe ogeig , av&Qohrorc: 

30 inoiijae ; xal an -/.geiziovag exaxMce dovkela, am aiaxvria'U 
xal rovTo T^c: vfurtgag xcxyuag xat egyov xal ovoftct; jiohm 
xQeiaaoveg ^Erptaiov ),\7,oi xaZ Xiovxeg' 0VY.e^avdQct7iftSiZoyjai 
dkktjlovg^ ovöe engiato akxog aexov ^ ovdi Jiicov ?,tnin ntvo- 
Xoel, ovöe e^ezefie xviov xi'ra, dg vfieig zov rijg O^eov I\hy(t- 

35 ßvLov , (poßov^ievoi r^ iragOautf avzrjg ihrdga UQaai^ai. nvtg 

35 ndig] ^ nwg 



1)3 

als dieEpbesier sind . die Wölfe uud Löwen ; sie machen einander nicht K«aat<TBrirf. 
zu Sclaven, kein Adler kaufte je einen Adler, kein Löwe ist Schenke eines 
Löwen, kein Hund verschnitt je einen Hund, wie ilir es mit dem Me- 
gabyzos der Göttin macht, weil ihr Scheu davor hegt, dass ihrer 
Jungfräulichkeit ein Mann als Pnester diene. Wie könnt ihr durch 
einen Frevel^ wider die Natur Frömmigkeit dem Holzbild bezeigen? 
Oder geschieht es etwa, damit der Priester zuerst den Göttern wegen 
des Verlustes seiner Mannheit fluche? Auch die Göttin verdächtigt 
ihr der Unkeuschheit, wenn es euch bedenklich ist, ihren Dienst von 
einem Manne versehen zu lassen. ^£iu Sclave soll sich nicht neben 
mich setzen und auch nicht mit mir speisen^ so sprechen die Ephesier. 
Ich aber thue den gerechteren Ausspruch : 'jeder brave Mensch setze 
sich neben mich, speise mit mir* oder vielmehr, er nehme den besseren 
Platz und die höhere Ehre. Nicht der Stand ist es, dem die Gleich- 
stellung gewährt wird, sondern die Tugend. Worin thut Hermodoros 
euch Unrecht wenn er die Ephesier eiinuert, dass sie alle Menschen 
sind und Niemand wegen des Zufalls der Geburt über die Natur gross- 

daeßjjaavreg €ig g)vaiv evaeßsire eig ^oavov; rj iW x^eoig xor- 
aQ&zat 71QWT0V 6 ie(}6vg ägyjjQjjfievog tov avÖQci] xaTayviare 
xat Tjjg 0^€ov ttXQaaiav^ ei (poßuo&e vrc^ dvdgog av-crjv ^e^a- 
7C€v€a0^ai. 'infj ovy^ad-ititio /not dovkog f,n^di avvdeinvuzw^ 

fiOi dya&og xal avvdeinvuzco /noi, fiaULov di nQoxa&iC/tTfay 
TtQOTifir^^'jTü}' ov ydq ivxq %o iaovfuvov, dkV (XQSzrj. zl vfiag 
aöixel ^EgfioöiOQog , *E(peqiovg v7rojiUfivr;GXiüv navrag dv^Qw- 
novg elvai xal ^rfiiva /iuyalavxiiv tvxU ^^^Q V^'<^^y » h^^^] 
45 7coyr]Qia dov^ycoyai, inovt] ihvi^egoi dg^rtj, dv»Qi07uov de 
ovddg. xSv imTarctiza a)loig öid zvx^^v dya^oig ovoiv, avtoi 
dovkoi iure dC hti»v^i(xv, xeXsvofuvoi V7c6 zwv iavrciv de- 
OTioTÜv. ov q>o߀ia»€ de, cJ Sv&qcotvoi , nokecag dhyardgiav; 



86 ; Vya] tVa 



y*nnt<TBrief.prahleri3ch fsich erhel»c V Die Schlechtigkeit allein fülirt in «hV 
Knechtschaft, die Tugend allein giebt die Freiheit, nimnicrnuhr ein 
Mensch, wer es auch sei. Wenn ihr auch andere , obwohl sie bravo 
jMenschen sind, wegen zufalliger Standesnnterschiede euerer BotniüHsig- 
keit unterwerfet, so werdet ihr doch selbst durch euere Begierden zn 
Sclaven und stehet auch euererseits unter dem Befehl von Herren. 
Fürchtet ihr denn nicht; ihr Menschen, die Entvölkerung der Stadt? 
Wozu wollt ihr doch einen Haufen fremder Zuzügler aufnehmen, da 
ihr billiger Weise denjenigen Aufnahme gewähren solltet, die ihr selbst 
erzogen und ernährt, durch Drohungen und Züchtigungen und Furcht 
gebessert habt? Es werden Mächtigere kommen, Hermodoros, die deinen 
Gesetzen Folge leisten. Hege keinen Groll. Eine Ahnung der Zu- 
kunft durchzieht mein Gemüth , in welchem ja jeder Mensch seinen 
Dämon findet. Wahrlich , Folge leisten ' werden deinen Gesetzen 
diejenigen, welchen auch die Weltherrschaft gehören wird , weil sie 
die Natur nachahmen. Der Körper, der Sclave der Seele, ist zugleich 
ihr Mitbürger ; die Vernunft ärgert es nicht, dass sie mit [den Sinnen,] 

Ti ovv t7n]kv alaa^exe nXtid'og, diov xovq v(p* vfuov dxO-iviag 
50 xai TQacpivxaq ymI ä/reikalg xai xokaaeai 'Aal <p6ßoig dyad-ovg 
yiyovoTctg; taovtai xQuvvovgy ^EQfiodioQe, oi nua\yt]an^iBvoi 
' Toig aoig voftoig. /i^ xaiJ/raii'B, inavTßverai tn ffiov rj&ogy 
o;nQ i'/Mazii} äaiuiov, vai , 7xeiad'rjaoyzai , lov laxai ycal ro 
ai\u7TUv y.Qcnog, fufirjaaftiviov (pvoiv, aw^ia dovkov xpv%^g avfi- 
55 TToliTererai xpv/rjf y.al ov xciXenaivii vovg löioigavvoixwv inf}- 
ghaig, zat yij, to uTtiuorarov iv lioafUij, ovQavip avvaqxety vm 
ov'A avaivixai ovQarog ifiizr^Qa fääq)r], oväi xagdia C7r?Myyj'Ct, 
t6 UgiüTatov XQTifia ra (pavkozata iv atifiait. dkXd x^to^ /''*' 
ovK iq>d'6vrjO£v imarjg üTraaiv dg)^aXfiovg aipai z^' uy.nctg 
60 dvarteuuaai , xal yevaiv xai oaq^Qrjaiv xai f^vrjfo^v /xti t)jnoa 
TLoi fjUov fp(Sg ovx dnixleiae dovXcoy, navzag ayOgtonoig yua- 



49 ufidiv] rifittv \ 53 vaC\ xui \ 67 in(x<uiHt 



La;. JM-Jfc.^ s — CS 



ihren Dienern, zusammenwobnt ; die Erde, der ungeebrteste Theil desseunierBricf. 
Weltalls, ist Herrscbaftsgenossin des Himmels; und der Himmel ver- 
läugnet nicht den vergänglichen Erdboden , so wenig wie das Herz, 
der geweihteste Theil im Korper , die unedelsten Theile , die Einge- 
weide, verläugnet. Gott zwar bat neidlos Allen ohne Unterschied das 
Augenlicht angezündet und die Ohren geöffnet, und von Geschmack 
und Geruch, von Gedächtniss und Hoffnung und Sonnenschein hat er 
die Sclaven nicht ausgeschlossen , da er alle Menschen zu Bürgera 
des Weltalls erkor ; die Ephesier hingegen halten wohl ihre Stadt 
fiJr aberweltlich, da sie niemals Theilnahme an den gemeinsamen Rech- 
ten gestatten. Sehet euch vor, dass ihr nicht frevelt, indem ihr den 
göttlichen entgegengesetzte Verwaltungsregeln befolgt. Wollt ihr denn 
immer von den Sclaven gehasst werden, sowohl wegen dessen worin 
sie früher euch zu Willen waren , wie wegen . der Zurücksetzung die 
sie nachträglich erfahren? Weshalb gabt ihr ihnen denn die Freiheit, 
wenn ihr sie nicht für würdig hieltet? Etwa weil, sie eueren Lüsten 
dienten? Da wollt ihr also ihnen zürnen, weil sie in ihrer unglück- 
liehen Lage zu solchen Diensten sich verstanden, und nicht vielmehr 
euch selbst , weil ihr in euerer Schlechtigkeit dergleichen von ihnen . 

fiov xaraXe^ag 7toXizag' ^Ecptoioi de x^v iaiyiiZv noXiv ivrcQ- 
xüa/itiov oXovzai fitjöenore rcov TLOivtiv d^iovvteg. oqaxe juij 
aaeßeize d-eip aviinoXiravo^uvoi* du ßovkaoO-e fuaela&ai vno 

65 dovküßv xat h qt vnTjqizovv nQOTeQOv xai iy ([ß drijtiovtTai 
varegov ; zi ovv avroig i^?.avi>€Qovr£ et fuj d^ioig ivofdCeve ; 
ij ort Jiad-eoiv vfidSv vnri'/Mvaav; r/,dvoig ovv xalerraivhXBf oi 
did Tvxt]v ikeiTovQyovv, dU! ovx icLVToig 01 öid ymmov ine- * 
za^are; oixzgol rjaav xd im-Aa q>6ß(^ dveyojiUvoiy.TiaiaQazoi d' 

70 v^eig BTttxaxxovveg xd x^Q^^» ^uxi xoxe 7UXQ0xiQ0ig idovXevexe 
deanoxaig^ xat vvv ext dovXeiexe q>oßovftevoi cJv iJQ^ctxe. xi 



68 imra^i] inaax^Ti 



>« 



5eiiBterOrief.fordertet ? Jene waren bcmitleidens würdig, da sie aus Furcht sieb zu 
dem Schlechten herbeiliessen, ilir aber wart fluchwürdig, da ihr dns 
Verwerfliche von ihnen fordertet. Damals dientet ihr knechtisch grim- 
raigereu Herren und noch jetzt stehet ihr unter der Knechtschaft der 
Furcht vor eueren früheren Untergebenen. Was wollt ihr denn nun? 
Sollen sie alle insgesammt aus der Stadt ziehen und eine eigene Stadt 
sich gründen unter Flüchen gegen euch und nachdem sie die Auf- 
hebung jedes Verkehrs auch für Kindeskinder beschlossen? Ihr streut 
den Saaroen zu Kriegen aus für euch selbst, Ephesier, wie in Zukunft 
für euere Kinder gegen die von jenen zu erwartenden Kinder. Nun, 
Hermodoros, dieEphesier mögen für sich selbst sorgen, du aber lebe' 
so wohl wie du voi*trefQich bist. 

ovy ßovXiad-e ; trjq nohnDg äi^QOoc navceg e^iXd-iOGi xat i^eX^ 

« 

^ovveg Idiav 7t6)uv 'Atiooßaif yuxTaqd^avoi v/niv Tcal naiai nai- 
öuv avenißcHsiav ipr^(piaafUvoi ; TtoXifiovg eonrcolg tQaq>ez€, 
75 'Efpdaioi , xai zoig fti/lovai naial nqog xoig fuklovtag i^ 
iyMv(oy. oilfoviui, ^EQ/nodüßge, ^£g>i(jioi rä eavzüiv, av öi xolIqb 
äyad'og d!v. 



74 noXefifovg, 



Ein leichter aber den gesammten Inhalt des Briefes *'') berüh- 
render Abschreiberfehlcr hat gleich an der Schwelle die bisheri- 
gen Herausgeber zu so verwirrenden Textesänderungen verleitet 
dass, bevor die hier versuchte Hinwegräumung des HindernisMS 
kritisch begründet worden, nicht zu der sachlichen Besprechuni; 
geschritten werden kann. Die in grosser Zahl verglichenen Hand- 
schriften bieten den Satz, welcher den von den KphesiiTn mit 
Verbannung bestraften Gcsetzvorschlag des Hcnnoaoro> fnihüU 
(Z. 3 ff.)» in folgender sinnlosen Fassung: crVri nVoc ^ '"' >'"• 
ftovg yQa(pug voig iXtv^igoig loQ.iohulug /.in tul^ ioi'icj» r//- 



9? 

voig laoTifiiav. Nur aus einer Pariser Handschrift erwähnt Bois-seamorBnef. 
sonade (zu Eunapios p. 425), der ei-ste Herausgeber dieses in der 
aldinischen Sammlung (s. oben S. 1) fehlenden Briefes , die 
Abweichung laonoXirag statt laoTCohreiag, Dieselbe erweist sich 
zwar schon durch ihre Incongruenz mit dem nebenstehenden lao- 
Ti/Liiav als unbrauchbar; aber in der Noth klammerte sich Boisso- 
nade an den Strohhalm an und schlug vor, v6/iiovg in dovXovg zu 
ändern, dieses mit laojtoUtag zu verbinden und sonach den gan- 
zen Satz folgendermaassen zu schreiben : avu zivog i] oii öovXovg 
yqcKp^ig xolg ikavi^iqoig löonoXizag %ai toig tovtcdv zixvoig loo- 
Tifiiav. Nachdem so einmal die 'Sclaven' auf die Bahn gebracht 
waren , hat sich Westermann nicht mehr von ihnen loszusagen 
vermocht und , obwohl er die hinkende Satzbildung Boissonade's 
vermied, doch im Wesentlichen mit ihm übereinstimmend seinem 
Text folgende Gestalt gegeben : dwi zivog rj ort öovkoig yqafpetg 
Tolg ikaid^igoig laonolizeiav Kai toig tovtiov xixvoig laonfuav^ 
ohne sich dadurch wamen zu lassen, dass ja nun tovccov gram- 
matisch a.uf djis nächststehende Wort iXavd-iQoii, bezogen werden, 
also zu einer Sinnwidrigkeit führen muss. Aber von diesem An- 
stoss abgesehen, wird die Unmöglichkeit, dass das hennodorisclie 
Gesetz wirkliche *Sclaven' gemeint haben könne, Jedem einleuch- 
ten, der die gegen den Schluss des Briefes den Ephesiern vorge- 
legte Frage erwägt: 'Weshalb gabt ihr ihnen die Freiheit, wenn 
*ihr sie nicht für würdig hieltet (Z. 66 ti ovv avcovg i^kevO^egouTe 
€1 ^lii d^iovg ivoftiCe've) ? Es handelt sich also nicht um Sclaven, 
sondern um Freigelassene; und nachdem dies deutlich geworden, 
erhellt auch der Sinn der unmittelbar auf den hermodorischen 
Gesetzentwurf folgenden Bemerkungen über die bereits 'geprüfte 
und bewährte (Z. 8 do'/,ifiaax>ivT€g;f,iaQTVQt]aaycag kcLY Tugend 
der von Hermodoros zum Bürgerrecht Empfohlenen. Denn die 
Bewährung liegt eben in der gutwillig von den Herren vollzoge- 
nen Freilassung. Vor dem so ermittelten Sachverhältniss ver- 
schwinden alsbald alle Schwierigkeiten der Lesart. Das Wort 
ilevO^tQoig braucht nur durch Voi-setzen zweier Buchstaben in die 

gewöhnliche Bezeichaung der Freigelassenen anekevi^eQoig ver- 

7 



98 

KwmterPricfWandclt uiul (laiiii noch der Arcusativ vo/noig zu dem Dativ ro- 
fiotg gebessert zu werden, damit aus der verderbten handschrift- 
lichen Ucberheferung dvtt zlvog iq oci vo/notg ygcKpetg xoig iuv- 
O-agoig laonoXiTelag xai %6ig zovtcov zl^voig laonfiiav folgende 
untadlige und durch die nun sinngemässe Beziehung von tovtcov 
sich bewährende Fassung hervorgehe: dvvi rlvog J; oVi vofioig 
ygacpeig Toig anaXivd^eqoig löoiioXixeiav %al xolg tovtcüv rtxvoig 
laoTi/niav; d. h. Hermodoros' Vorschlag ging, nach der Fiction 
des Briefstellers, dahin, dass die für Adoptivbürger (dtjfio/fOitjTol) 
geltende Bestimmung des attischen Rechts ") auch auf ephesische 
Freigelassene angewendet, ihnen selbst die bürgerliche {iaonoXi- 
z€la)f und ihren Kindern ersten Grades die volle staatsbürgerliche, 
den Zutritt zu den höchsten Aemtem eröffnende Gleichstellung 
xtnchitdea-iicoTiida) gowährt werden solle. In den meisten griechischen 
*****'*'* ^"'Staaten wäre dies eine unerhörte Neuerung gewesen. Hatte doch 

chischaa an4 o o 

römischeii selbst iu Atlicu , WO die Sclaven einer vergleichweise milden Be- 
*7't!r l^^^^l^ßg *5'ch erfreuten , die Freilassung keine anderen Folgen, ' 
als' dass der Sclave in den Schutzbürgerstand übertrat; er ward 
nicht Athener sondern Mctöke **), blieb mithin sogar in civilrecht- 
lieber Hinsicht vom Bürgcrthum ausgeschlossen und bedurfte zu 
allen Rechtsgeschäften der Beihilfe seines früheren Herrn und 
jetzigen Fürsprechers {jtQoaxuzijg). Dass diese Strenge gegen ge- 
borene Sclaven auch ausserhalb Aliens in vielen griechischen 
Städten, welchen die Römer eigene Gerichtsbarkeit gelassen hat- 
ten, noch bis in die Jahrhunderte der Kaiserzeit, also bis in das 
Zeitalter unseres Briefstellers, fortdauerte, lehrt ein Zeugniss des 
Dion Chrysostomos *). Wie viel günstiger hingegen das römisclu' 
Recht, zumal in der Kaiserzeit, die Freigelassenen stellte, ist 
zu bekannt als dass es hier im Einzelnen dargelegt zu wtnlcu 
brauchte. Der Libertus ward nicht nur in civilrecbtl icher Hin- 
sicht römischer Bürger ; auch das politische Stimmrecht beiiuss er 



♦) orat. 16 p. 451 R.: ovx olaBa rov U(^irnft rufior, .-rcrti« noi/o*\ 
^k xcA aXXotg, ort rov tfidi JovXoy yiv6utk^»v cv* /? ftttf/ttr ini 



91)^ 

seit der Censur des Appius; und obwohl während der RepublikNeunicrDricr. 
seinen Nachkommen die höheren Aemter nur in sehr seltenen 
Fällen zugänglich wurden, so fiel doch mit dem Eintritt der Mo- 
narchie und der Vorliebe der Monarchen für ahnenlose Diener all- 
mählich auch diese letzte Schranke. Es bot demnach die bei 
Griechen und Römern so tief verschiedene Behandlung der Frei- 
gelassenen abermals (s. oben S. 85) einen rhetorisch brauchbaren 
AnlasS) den Hermodoros in seiner Doppelstellung als verschmäh- 
ten ephesischen und erfolgreichen römischen Gesetzgeber vorzu- 
führen. Denn die 'Mächtigeren (x^«rrovgZ. 51)'; von denen Hera- 
klit prophetisch ahnt, dass sie einst das hermodorische Gesetz, 
welches den Zoiii der Ephesier erregte, bei sich einführen wci'den, 
sind eben die Römer ; so deuthch wie es in einer Prophezeiung 
nur immer geschehen konnte , werden sie als die zukünftigen 
Weltherrscher (cJv torai xai zo avfinav xgcruag Z, 53) bezeichnet. 
Schon diese auf lebendiger Kenntniss inihende Gegenüber- 
stellung griechischer und römischer Rechtsverhältnisse verleiht 
dem vorliegenden Biiefe ein höheres Interesse als so viele andere 
rhetorische Erzeugnisse ansprechen können; aber der Verfasser 
hat auch noch durch seine mit dem Hauptthema verwebten Be- 
mcrkuDgen über Sparta den Dank des jetzigen Geschichtsforschei*s 
zu verdienen gewusst. In den Ermahnungen an die Ephesier, Darf errecht 
von ihrem engherzigen Geburtsstolz abzulassen, wird ihnen Lake- *" ^''"'**' 
dämon's (Z. 10) Beispiel als Cluster vorgehalten und es deutlich 
herausgesagt, dass das spartanische Bürgerrecht nicht an die Ge- 
burt, sondern an die Befolgung der strengen lykurgischen Lebens- 
weise geknüpft war (Z. 13). Nur noch Einmal ist in der bisher 
durchforschten Litteratur dieser Grundsatz des spartanischen 
Staatsrechts, für welchen allerdings mancherlei zerstreute geschicht- 
liche Spuren zeugen, mit gleicher Bestimmtheit wie hier und ähn- 
licher Hervorhebung der praktischen Folgen ausgesprochen. Teles, 
einer der älteren Stoiker, ein Zeitgenosse des Kleanthes (um 200 
vor Ch.) hatte die weltbürgerlichen Lehren seiner Schule in einer 
volksthümlich gehaltenen Schrift 'über Verbannung (Hegt Ovy^gY 
vorgetragen , aus welcher Stobäus sehr umfängliche Stücke auf- 






100 

»euntwBrief.bewalirt hat. In allen den abgestuften unterschieden zwischen 
dem Einheimischen und dem Fremden, zwischen dem VoIlliiir;;er 
und dem Schutzverwandten , auf welche das antike Staatslchon 
gegi-ündet war, erblickt Teles nuV kleinliche Verkennung der dem 
Menschen als Weltbürger von der Natur angewiesenen Stellung; 
und nachdem er die von jenen Unterschieden hergenommenen 
Schmähwörtcr der Volkssprache scharf getadelt hat, fährt er 
fort*): 'die Lakedämonier halten nichts dergleichen für schimpf- 
*lich, sondern wer ihre Lebensweise annimmt und darin beharrt, 
'mag er ein Fremder sein oder von Heloten abstammen, den ehren 
'sie in gleicher Welse wie die höchsten Adelichen ; wer jedoch in 
'jener Lebensweise nicht beharrt , mag er selbst vom König ab- 
'stammen, den versetzen sie unter die Heloten, und ein solcher 
'ist vom Bürgerrecht ausgeschlossen.' Da die Uebereinstimmung 
beider Stellen sowohl in dem geschichtlichen Inhalt wie in der 
ethischen Nutzanwendung eine vollständige ist, so wird man, statt . 
dem Briefsteller selbständige Studien über spartanische Verfassung 
. zuzutrj^uen , wohl eher glauben , dass er seine bei der geringen 
Anzahl gleichartiger Zeugnisse immer noch werthvoll bleibende 
Angabc aus einer stoischen Schrift geschöpft hat, welche zu ähn- 
lichem kosmopolitischen Zweck wie Teles sich auf Sparta's Bei- 
spiel berief, 
stoisch« Damit wäre denn zugleich die Quelle aufgedeckt, aus welcher 

Eihik. ^jgjjj Briefsteller der beste Theil seiner das Weltbürgerthum pre- 
digenden und folgerichtig die Sclaverei »bekämpfenden Ausfüh- 
rungen (Z. IG ff. 25 ff.) zufloss. Sie tragen durchaus stoische 
Farbe. Zu den wesentlichsten Grundlagen der stoischen Kthik 
gehörte, wie bei anderer Gelegenheit (s. Theophrastos über Fn»m- 



•) Stobäus FioriL 40, 8: ^Jaxt^aittoviot Ji ovJir rwi» toioit^n- oMi- 
BriefcH «Ai.' «yw/ j) »tu ittutUninu, xuy $(voi xt<y fi «i/i-ifo;, omoiV>; 

oh fAtxi^u, » 



101 

migk. S. 139) erörtert worden , die Lehre , dass innerhalb dcsseuBtrrBHef. 
Weltganzen die Menschen in einem Bürgerverband mit den Götteni 
stehen; und aus dieser Vorstelhmg eines gemeinsamen Götter- 
und Menschenstaates entspringt unverkennbar der Ausruf Hera- 
klits : *Meine Mitbürger sind die Götter (Z. 23 i/joi de noXIzat 
Oeoiy - Die stoische Schule ferner wagte es zuerst , die hoch 
von Piaton und Aristoteles anerkannten Schranken zwischen Freien 
und Sclaven niederzuwerfen , theils unter Anwendung jener kos- 
mopolitischen Lehren , theils durch die Aufstellung eines Ideals 
der von allen äusseren Verhältnissen unabhängigen geistigen 
und sittlichen Menschenwürde. Eine ihrer für die Nichtstoiker 
befremdlichen Behauptungen, welche schon Zenon in seinem Ideal- , 
Staat*) ausgesprochen hatte und die späteren Mitglieder der 
Schule gleichsam zu Predigttexten benutzten , lautete : 'Nur der 
Weise ist frei, jeder Unweise ist Sclave (ßovog 6 aoq)dg ilevx^e- 
Qog xal nag acpQwv dovkogy Begründungen des Satzes im stoi- 
schen Sinn finden sich bei Schriftstellern der verschiedensten 
Gattung; Cicero hat ihn in seine Auswahl stoischer Paradoxa 
(c. 5) aufgenommen; er bildet den Kern der stoischen Strafrede, 
mit welcher Davus unter dem Schutz der Saturnalienfreiheit dem 
Horatius (Sat. 2, 7, 83) gegenübertritt; er erscheint schon auf 
dem Titel einer die stoische mit der biblischen Moral verknüpfen- 
den Abhandlung, welche unter die philonischen Werke (2, 445 
Mangey) gerathen ist; und jeder Leser Seneca's undEpiktet's hat 
es empfunden, mit welcher zuweilen ermüdenden Unerschöpflich- 
keit diese zünftigen Stoiker immer von Neuem auf das Lieblings- 
thema ihrer Schule zurückkommen, üeberall wird es mit dem- 
selben Beweismaterial durchgeführt, welches dem Briefsteller zu 
seiner Verwerfung der Sclaverei dient. Wenn dieser wiederholt 
die vermeintlichen ephesischen Freien >. weil sie ihren Begierden 
und Leidenschaften unterworfen sind, für *Sclaven gi'immiger 



♦) Cassius bei Diogenes Laertius 7, 33 : iv ij IloXtuiq naQiaxayra 
{xov Zrivtova] noXfrag utA (pUov^ xal olxi^oug xai iXiv^iQOvs tovg 
anouMovf fiovoy xrl. 



102 

KcantrrBriefJIcrrcu (Z. 70 niY,QoxtQoig iöovXavsTe deajioratg vgl. Z. 47, 26)' 
erklärt, so findet sich derselbe Gedanke mit derselben rhetorischen 
Wendung in der angeführten ciceronischen *) und in der söge- 
nannt philonischen Schrift; und wenn er andererseits denSclaven 
wegen ihrer gleichen Menschennatur gleiche Menschenrechte zu- 
erkennt (Z. 58 ff.); so sind auch hierfür nahe stoische Anklänge, 
z.B. bei Seneca**), vorhanden. — Ein anderer in derselben Rich- 
tung liegender und ebcnfalhs schon auf Zenon (s. oben S. 101) zu- 
rückzuführender Ausspruch der Stoa wollte in jedem Nichtweisen 
einen Verbannten sehen und nur den Weisen für einen Inhaber 
der Bürgerrechte gelten lassen, Cicero, der den Satz auch sonst***) 
kurz eiiiyähnt, hat ihn in seiner Sammlung stoischer Paradoxa 
zum Anlass eines sehr langen Ergusses über seine eigene Ver- 
bannung benutzt, welcher in unseren arg beschädigten Hand- 
Schriften seine erste Hälfte, und damit die griechische Inhalts-, 
angäbe eingebüsst hat; die schon von dem hier einmal lobens- 
werthen Caspar Schoppe erkannte Lücke ist jüngst von Madvig 
wiedererkannt und danach von Hcalm (§ 27 p. 750) bezeichnet 
worden. Unversehrt erhalten ist jedoch die. griechische Fassung 
des Satzes zugleich mit einer kurzen stoischen Begründung in 



*) Varad. 5, 1: tum incipiat (üiia imperare fimperatorj, cum ipse t w 
prohissimia dominis, iltdecori ac ttirpitudini, parere desicrU ; 
dum quidetn eis oboediet, fion modo' imperator, sed Über Itabendus 
omni HO non erit, Fhilon 2,432}lB,ug,: äaniQ räiv noXftor ttl ftlr 
oXtyctn^^ovfiti'ai xal t VQnyi^ov/n Uta x^^^^ohf xal ßaQtti t/ovoi 
^'tanorng rovg wucyo^iyovg xtä XQicrovyrtt^^ at Jk vo^oa fnifit- 
XtlKog /ntnuivai xal nQüCrartai tialv iln'%^i{Hu , oSrw xtu tm* «>•- 
OQomujy iiaQ* ols (aIv av o(yyfi 5 imOvfifit 5 *"' «^^'> 'i«^of rj xnl 
fjtfßovXog xaxta dwaonviif navrwg iial Jovloi, oaot J* fttta yofiov 
Ctoatv, tliv:>(Qoi, Vgl« Seneca epist, 37, 4. 

*♦) Epistol.47, 10: vin tu cogiiart üiumf quem servum tuum vocas, ex 
iisdem seminihus oriu%n eodem frui caeio, a^que spirare, aeque vi' 
vere, aeque mori. 

♦*♦) Äcad. pr, 2, 44, 136: aapientem solum civem, solum liberum, »twi- 
pkntes omfte$ peregrinos, exeules, aervoi, furiosos. 



dem Abriss stoisclicr Ethik, welchen Stobäus (£c/. eth. G, G p. 209KeiwtcrBrief. 
Heer.) dem Werk des Areios Didymos entnommen hat. *Die Stoiker 
* — wird dort berichtet — nennen jeden sittlich Unvollkommenen 
'einen Verbannten, insofern er ausserhalb des naturgcmässen Ge- 
'setzes und Staates steht {Xiyovai , . . tpvyada navza fpavlov 
elvai, xaiy oaov Griqexm vo^iov xal nohidag TLcrca (pioiv im- 
ßalkovatjgy Es leidet keinen Zweifel , dass eben dieses stoische 
Paradoxon unserem Briefsteller vorschwebte beiden Worten: *Aus 
'jeder Stadt verbannt die Schlechtigkeit, auch wenu Jemand mitten 
'unter den Säulen wohnt (Z. 15 ndarjg de noleug (pvyadevai 
xoTua, Tiuv iv jtieaatg zaig azi^laig zig oix^^; und sogar in der 
rhetorischen Steigerung, welche den Verbannten zu einem Bewoh- 
ner des vornehmsten Stadttheils macht, scheint er stoischen Vor- 
gängen! gefolgt zu sein. Die vorhin erwähnte philonische Schrift 
nämlich rechnet es zu den von der Menge angestaunten Wunder- 
dingen {xhatfiara) der Stoiker, dass sie die im Mittelpunkt der 
Stadt sich Aufhaltenden Verbannte nennen {q)vyadag xaXeiv rovg 
iv fiiarj ty noXat diazqißovzag 2, 446 Mang.); und die Ver- 
gleichung dieser Worte rechtfertigt es wohl hinlänglich, dass die 
von dem Briefsteller erwähnten 'Säulen,' für welche eine buch- 
stäblich gleichlautende Parallele sich bis jetzt nicht darbieten 
wollte, in der oben (S. 91) gegebenen üebersetzung auf die den 
Markt, d.h. den Mittelpunkt der Stadt (s. oben S. 76), schmücken- 
den Bauwerke bezogön wurden. 

Erweist sich sonach der Verfasser des Briefes als ein eilri- Eatkdman. 
ger Leser stoischer Schriften , so mussten ihm durch deren Ver- •^ *" 
mittelung die Lehren und Kemsprüche Heraklits , an welchen ja 
die Stoiker bei jeder Gelegenheit anzuknüpfen lieben, selbst dann 
vertraut werden, wenn er eine Kenntniss des von stoischer Bei- 
jnisclmng freien heraklitischen Werks nicht erlangt haben sollte. 
Jedenfalls lässt sich schon mit Hilfe der vorräthigen heraklitischen 
Bruchstücite eine nicht allzu kleine Zahl unleugbarer Entlehnun- 
gen entdecken. Am deutlichsten ist in den Worten (Z. 52) ^lav- 
Tsuerai ro ifioy ^i>og, oniq emor^f dai^tav die Einflechtuug 
des heraklitischen Spruches r^og av^Qtijttp daifitav zu erkennen, 



104 

5cuiitffBriff.\vcIchcr bei Stobiiiis (Floril. 104, 23) vorliegt und von riutarch 
(Piaton. guacst. 1, 1) SO wie von dem Aphrodisienser Alexander 
{de fato c. G) mit der richtigen Erlänterung vej-sehen wird, dass 
unter j]&og nicht der sittliche Charakter, sondern die natürliche 
Geraüths- und Geistesanlage des Menschen zu verstehen sei. In 
der That ist diese Auffassung geboten nicht nur durch den älte- 
ren Sprachgebrauch (z. B. bei Empedokles v. 88 St) sondern auch 
durch Heraklit selbst, welcher anderswo*) von dem rjx^og dvd^Qco- 
7raiov, d. h. der menschlichen 'Natur', sagt, dass nicht sie, sondern 
nur die göttliche mit der wahren Einsicht ausgerüstet sei- Indem er 
also dcn*Dämon' in das menschliche Temperament verlegte, wollte 
Heraklit sich der populären, auch von Piaton (Timaeos 90 a, c) 
bekämpften Vorstellung widersetzen , welche das Schicksal des 
Menschen von der ihm beigegebenen äusseren Macht eines Glücks- 
oder ünglücksgeistes abhangen lässt — eine Vorstellung , welche 
die. seit Hesiodos gangbaren griechischen Bezeichnungen für den 
Glücklichen und Unglücklichen {evSaificov, xaxodalfiwv) hervor- 
gerufen hat und schon in Theognis' Spruchsammlung (V. 161 Bergk) 
mit der ausgebildetsten fatalistischen Bestimmtheit auftritt Zu 
dem so ermittelten Sinn des heraklitischen Spruches stimmt die 
Anwendung, welche der Briefsteller von ihm macht, nur in so weit 
als dem *Gemüth' (rjO^og) allenfalls auch eine prophetische Ahnung 
(Z. 52 /navzivitai) beigelegt werden kaiui; aber während für He- 
raklit daifiwv den Schicksalsgeist bedeutet, muss der Briefsteller 
dabei wohl an einen Wahrsagergeist wie das sokratische Dämo- 
nion gedacht haben. — Eine fernere zwiefache Benutzung hera- 
klitischer Denk- und Redeweise giebt sich Z. 21 kund. Die dor- 
tige Benennung der Rachegeister (JUrjg ^HQivveg) verräth Kennt- 
niss des feierlichen Drohspruchs , in welchem Herakht seine An- 
sicht von der Allgewalt des auch die Götter des Volksglaubcn^i 
zwingenden Naturgesetzes niedergelegt hat; *Helios', sagte er, 
*wird die ihm gesetzten Maasse' , nämlich des Aufflammcns und 



♦) bei Origenea carU. CfUs. 6 p 283 Sp<»nc.: n^o^ niOfitonitov fih 
ovx ix^t yviififtS (>• oben 8. 64)» ^^itoy Jj f;|f<i« 



■1 

105 

Verlöschcns (s. oben S. 10 f.), 'nicht überschreiten; sollte er es den- xeuntcrnricf. 
'noch thun, so werden die Erinyen, die Helferinnen der Dike, ihn « 
*zu finden wissen ('Hhog ovx v/uQßtjaitai ftirga, sl di (.trj, ^Egi- 
vv€g fiiv, JixTjg e7rixovQOiy i^evQrjCovair beiPlutarch deexil- 11, 
vgl. Heraclitea p. 15). Indem nun der Verfasser des Briefes diese 
die Naturmächte in Zucht haltenden 'Rachegeister' mit einem 
ebenfalls heraklitischen Ausdruck (s. oben S. 38) zu 'Wächtern 
(Z. 21 ffikcmigy über die Vergehen der Menschen bestellte, fühlte 
er sich an die bekannten hesiodischen Verse '^) erinnert, die von 
'dreimal zehntausend unsterblichen Wächtern' reden , welche als 
Diener des Zeus in Luft gehüllt die Erde durchschreiten, um über 
Recht und Unrecht der Sterblichen zu wachen. Und hierbei 
glaubte er wiederum eine passende Gelegenheit gewonnen zu ha- 
ben , dass Heraklit seiner philosophischen Gereiztheit gegen die 
mythologischen Epiker Ausdruck gebe. Mit demselben ehrenrüh- 
rigen Wort, wie es sich Homer im vierten Brief (s. oben S. 46) 
gefallen lassen musste, wird Hesiodos der 'Lüge (Haioöog iipev- 
aaro Z. 21)- bezichtigt, weil die Zahl dreissigtausend zu niedrig 
gegriffen sei. — Wenn dann in dem nächsten Satz Heraklit als 
Ertrag seines Zusammenlebens mit den Göttern vornehmlich sein 
'Wissen um die Grösse der Sonne (Z. 24 olda fjkiov onoaog iatiy 
geltend macht, so liegt darin eine abermalige (s. oben S. 56) 
Hindeutung auf das Gewicht , welches der Ephesier dem Heerde 
des Feuerelements in seiner N«aturlehre beilegte, und andererseits 
mag die Bezeichnung der Erde als des 'ungeehrtesten Theiles im 
Weltall (Z. 56 to driftcitazov iv xoajuqjy damit zusammenhängen, 
dass, wie schon alte Leser des heraklitischen Werks bemerkten **), 
in demselben die Erde, das vom Feuer im Stoffwandel am wei- 
testen abstehende Element, keiner näheren Besprechung gewürdigt 
war. — Zwei andere Anspielungen heben sich so wenig von den 



♦) Opera 250: t(As yag juvqioI üatv inl x^ovl novlvßouiQtj k&avtaoi 
Zfj7'6g (fvXttxeg ^i^rcuy ai^^Qtiniav, Ot(ia tfvXaaaovaiv n dUttg xa\ 
axhXia (Qya, ^IHqu iaanfavoi naviti tpotTtHyres in' alav. 
**) Piog. Laert, 9, U: »«e^ J^ Tniyn^oi^kv anwfaCvatunoCa Ug laxiv. 



ycuntcrBrietunigebcndcn Worten ab , ^lass oline das zwingende Zou^niiss der 
heraklitisclien Bruclistilckc. Niemand sich zu Nebengedanken he- 
reclitigt halten würde. Aber wer die oben (S. 19 f.) vorgelebten 
Aeusserungen Ilcraklits über Herniodoros sich ins Gedächtniss 
zurückruft, wird anerkennen müssen, dass der Briefsteller, indem 
er den Hermodoros *den Besten der Männer (Z. 3 ävdQtSv mia 
aqiazovf nennt, den gleichlautenden Lobspruch anbiingen wollte, 
welchen Heraklit seinem von den Ephesieru , eben weil er der 
* Beste' war, verbannten Freunde ertheilt. — Ebenso unzweifel- 
haft ist es, dass an der milden römischen Behandlung der Frei- 
gelassenen nur deshalb die darin liegende 'Nachahmung' der keine 
Staridesuntei-schiede kennenden *Natur' (Z. 54 fuftrjaafiivwv cpvaiv) 
so nachdrücklich hervorgehoben wird , weil an die oben (S. 59) 
entwickelte heraklitische Lehre erinnert werden sollte, welche aus 
dem Anschluss an das Vorbild der Natur alles menschliche Thun 
entstehen lässt. — Dergleichen verstohlene und doch unleugbare 
Seitenblicke müssen es fast noch mehr als die zuerst erwähnten 
augenfälligeren Herübernahmen in wahrscheinliche Aussicht stellen, 
dass bei einstiger Vermehrung des jetzigen Vorraths heraklitischer 
Bruchstücke, welche ja, wie die unserem Zeitalter be^chiedene Ent- 
deckung der hippoly tischen Schrift (s. oben S. 4) zeigt, keines- 
wegs ausser dem Bereich der Hoffnung liegt , noch für manche 
andere Theile des Briefes der heraklitische Kern in urkundlicher 
Weise sich werde zu Tage fördeni lassen. Am wenigsten könnte 
dies überraschen hinsichUich der zu eingehender Behandlung auf- 
fordernden Angaben des Briefstellers über die priesterliche Per- 
sönlichkeit , welche er mit Wahrung der ephesischen Localfarbe 

^csAh7zo9,T fjg <9^eou DhyaßvZnv (Z. 34) nennt, weil für einen in Ephesos 
Schreibenden Artemis *dic Göttin' schlechthin ist (s. oben S. 2'J 
Z. 3). Der zweifellos persische, obwohl noch immer nicht etymo- 
logisch aufgeklärte Name Megabyzos (s. Anm. 17) mag durch den 
Einfluss des ei-sten oder eines späteren besonders hervorragenden 
Inhabers des Amts, welcher diesen Eigennamen trug, zu einem 
Priestertitel geworden sein ; denn als solcher erscheint er in zahl- 
reichen, den verschiedensten Zeita:Ucni angehörenden Erwahnun- 



107 

gen, >Yclchc Hemsterliuys (zu Lucians Timon 22) mit erscliöpfen-xcuntervrief. 
der Vollständigkeit gesammelt hat. Dass zu dem Priestcrthum 
auch 'Auswärtige' erkoren wurden, berichtet Strabo *) ausdrück- 
lich ; und es stimmt dies vollkommen zu dem internationalen Cha- 
rakter der von den Persern wie von den Griechen verehrten cphe- 
sischen Göttin, welcher, ausser durch Xerxes' ausnahmsweise Scho- 
nung ihres Tempels (s. oben S. 32), noch dadurch sich bekundet, 
dass innerhalb ihres heiligen Bezirks eine der gi*össten und si- 
chersten Depositenbanken des Alterthums **) bestand , die nicht 
bloss von Griechen sondern auch von Orientalen und vorzüglich 
von Persem benutzt ward; die persischen Einlagen erreichten 
zuweUen eine solche Höhe, dass die üble Nachrede sich gegen die 
Ephesier verbreiten konnte, sie hätten mit unterschlagenen persi- 
schen Depositen *♦*) die Kosten des Wiederaufbaus nach dem he- 
rostratischen Tempelbrande bestritten. Noch begreiflicher aber 
wird das Absehen von hellenischer Geburt bei Besetzung dieses 
hohen Pricsterthums durch das die orientalische Palastsitte nach- 
ahmende Erfordemiss der Entmannung , welchem der Bewerber 
genügen musste um zum Dienst, der *Jungfrau' zugelassen zu 
werden. Da bei dem Abscheu der Hellenen vor dem Eunuchen- 
thum sich unter ihnen gewiss nicht häufig Leute gefunden haben, 
die einen solchen Preis auch für die höchste Würde zu zahlen 
bereit waren, so musste wohl das an Verschnittene gewöhnte 



•; 14 p. 641: Uq^hs J' ivvoi^ovs iJ^ov [ot ^E(f'iaioi], ous ixaXovy 
MeyaßvCovg xal aXXa^o&^ev ^tnovrig r«/ rivas aifovs tijg TOiavzfis 
TTQoaraatas, 
**) Dion Chrysost. or, 31 p. 595 R. : Tau nov rovs "E<fia(ov^ ori noXXa 
XUn^tiTu nttQ* ttuTotq iari , t« ftiv l^itoiüiv ajtüxtlfuva iv r^ vt^i 
Tfjs IdQxifii^og ovx ^E(fiaCtov fiovov aXXa xal ^ivtav xal rdiv orro&iv 
ötinoji avO^QianfüV, xa 6k xai ^rjfitoy xid ßaatXitor, « TiOiaai nayris 
ol Tid^vreg aatpaX({«s x^Q'V> ov^evog ov^i/rdnoTi roXfiijattVToc «cTi- 
xrjatUTovjonov, xatroi xai noXifuov i^^tj fiVQioiV yiyovotwv xal noX- 
Xaxii aXoiariq ^VS noXtiof. Vgl. Plautus Bacchid. 306. 
♦*♦) Timäos bei Strabo 14 p. 640 (fr. 136 MueUer): ^x rwv HiQatxtov 
na^xaraO^rjxdiv inot^aano [ol *£<piffiot] tov Uqov r^y imaxiuriv. 



mm 



108 

»untwBrief.Pcrserland aushelfen. Bezeugt ist dieser für die griechische Uc- 
ligionsgeschichte so benierkenswerthe Umstand, dass der Priester 
der epliesischen Artemis Eunuch sein musste, ausser durch unsere 
Briefstelle, welche deshalb schon Angelus Politianus {MisoelL c. 51) 
aus ihrem damals handschriftlichen Dunkel hervorzog , nur noch 
durch Strabo; zu seiner Zeit rauss jedoch auf die Vorschrift nicht 
mehr so streng wie früher gehalten worden sein ; denn in seinem 
Bericht über dieselbe bedient er sich des Imperfectums (evvovxovg 
th/ov ovg i-Acclow Meyaßvlovg) und fügt dann hinzu*): *Von 
'den Gebräuchen werden einige jetzt noch beobachtet, andere we- 
*niger'; wahrscheinlich . traten damals schon die römischen Behör- 
den der Castration entgegen, welche freilich durch ausdrückliches 
Gesetz ei'st später unter Domitianus (Sueton. Domit. 7) und mit 
vei-schärften Strafen unter Hadrianus (Digest. 48, 8, 4, 2) für den 
Umkreis des römischen Reichs verboten ward. Unter den ande- 
ren Schriftstellern, welche den Megabyzos nennen, lässt sich uur 
noch bei Quintilianus **), der ihn zugleich mit dem bekannten Eu- 
• nuchennÄmen Bagoas als Gegensatz zu kräftigen Athletengestalten 
gebraucht, eine leise sexuale Anspielung wahrnehmen, welche ohne 
Strabo's und unseres Briefstellers Beihilfe für den jetzigen Leser 
undeutlich bleiben würde. Auf der gewöhnlichen litterärischen 
Heerstrasse konnte also ein rhetorischer Spätling die Notiz von 
dem Eunuchenthum des Artemispriesters nicht auflesen ; sondern 
entweder ist der Brief, wo nicht in Ephesps selbst, so doch in 
einer Gegend und zu einer Zeit entstanden , wo die Kunde von 
dem verschnittenen Megabyzos noch lebendig war, oder der Ver- 
fasser ward zu dessen Erwähnung durch eine ihm zugünp^lichc 
Aeusserung Heraklits veranlasst, der, wie er gegen die Ausgc- 



♦) 14 p. 641: Verl J^ irr fihv ff^vkoTTirai tmv vo/i/iioiV ra J' »jiTor. 
♦♦) 5. 12, 21 : statnarnm artifices pictoresqiie clarissimi cum corpova 
quam speciosissima fingendo pingcndove efficere cuperent, nunquam 
in hunc tnciderunt errorcm tU Jiagoam ant MegahifSHm aliquem 
in exemplum operis sumerent sibi scd Dorgphoron illum (des Poly- 
kleitos) op^Mf» vel mUtiiae vel pahmHrae; aUorum qtioqt^ iuvmum 
heUicosorum e^ cUMeiarum corpora dccora vere exisUtnaverunl e^ 



1Ö9 

lassenheiten der Dionysosfeier eiferte (s. Anm. 8), es auch seinenNeantcrBaiof. 
Mitbürgern vorgerückt haben mag , dass sie ihr vornehmstes 
Priesterthum mit einem Entmannten besetzten. Jedoch nur irgend 
eine entrüstete Aeusserung über den Megabyzos darf vermuthungs- 
weise in dem heraklitischen Werke vorausgesetzt 'werden ; der 
Ton hingegen, in welchem sich Heraklit gegen die heihge Abscheu- 
lichlceit aussprach, war sicherlich ein ganz anderer , als der in 
unserer Briefstelle herrschende; denn dieser ist niclit nur kein 
alterthümlichcr , sondern überhaupt kein hellenischer; vielmehr 
erweckt er, wie wohl kein in der patristischen Litteratur Belese- 
ner leugnen wird , die unabweisliche Erinnerung an die ähnliche 
Art, wie Juden und Christen ihren bitteren Spott über die ünsitt- 
lichkeiten der heidnischen Cultusgebräuche auszugiessen pflegten. 
Die Antithese zwischen der Versündigung an der Natur und der 
frommen Verehrung des Artemisbildes , welches , weil es in der 
That von Holz war (s. Plin. A. n, 16, 213), mit dem regelrechten 
und im Sinn des Verfassers zugleich geringschätzigen Wort als 
*HoJzbiUr (^oavov Z. 36) bezeichnet wird; die boshafte Unter- 
stellung in Bezug auf die leichte Verführbarkeit der keuschen 
Göttin (Z. 35 cpnßoif.uvoi TJj nagO-iviif aurijg avÖQCt isQaa&ai); 
und ganz besonders die ausgesucht höhnische Wendung, dass der 
zu Ehren der Götter verstümmelte Priester ^zuerst {ttqcStov Z. 
37)' den Göttern fluchen müsse — alles dies sticht eben so sehr 
von der drcinschlagenden Derbheit Heraklits ab , wie es der in 
solchen Malicen schwelgenden Polemik eines Tatianus und Tertul- 
lianus verwandt ist. Mag daher auch in allen übrigen Theilen 
des Briefes nur ein Stoiker zu reden scheinen , so zwingt doch 
diese Verhöhnung des ephesischen Artemisdienstes , da zur An- 
nähme ihrer späteren Einschiebung nicht der mindeste Grund er- 
findlich ist, den gesammten Brief einem biblischen Religions- • 
genossen beizulegen, welcher, in gleicher Weise wie der Verfasser 
der oben (S. 101) mehrfach erwähnten sogenannt philonischen 
Schrift, Kenntniss stoischer Dogmen mit biblischer Glaubensrich- 
tung verband und seine rhetorische Fertigkeit dazu benutzte, um 
für .die bessere Behandlung der Sclaveh , ein von den Bibelgläu- 



HO 



bigen nicht minder eifrig als von den Stoikern erstrebtes Ziel, 
nach Kräften zu wirken. 



Utioa. 



So bezeugt sich denn in diesem letzten Briefe noch einmal 
deutlich die doppclartige, rhetorisch philosophische und religions- 
gcschichtliche , Eigenthttmlichkeit der ganzen Sammlung , und je 
umfänglicher die hiermit abgeschlossene Prüfung des Einzelnen 
ausfallen musste, in desto kürzere Sätze können jetzt ihre End- 
ergebnisse zusaramengefasst werden. 
HccapHo- Zuvörderst ist die Unmöglichkeit klar geworden , dass die 

ganze ßriefreihe Einen Verfasser habe. Selbst innerhalb der drei 
ersten Stück^, welche die Beziehungen Heraklits und seines Freun- 
des Hermodoros zu dem Perserreich ohne tiefere Absicht bloss als 
rhetorisches Thema behandeln, finden sich formale Unterschiede, 
welche den Briefwechsel des Daieios mit Heraklit von des Königs 
Drohschreiben an die Ephesier scharf absondern und zu glauben 
nöthigen, dass den schon von Diogenes Laei*tius mitgetheilten, also 
verhältnissnulssig früh entstandenen, zwei ersten Briefen ein 
späterer und ungeübterer Rhetor den dritten hinzugefügt hat 
(s. oben S. 19). — Ein anderer Geist und Ton wiederum als in 
der tendenziösen persischen Gruppe herrscht in dem vierten 
Brief. Auch in seinen urspillnglichen nichtbiblischen Bestand- 
theilen erkennt man einen Schriftsteller, dessen ernste Aufmerk- 
samkeit philosophischen und religiösen Frageli zugewendet ist; er 
sucht die hellenische Mythologie in stoischer Manier zu vergci^ti- 
geu. Seine Ai;beit hat von der Hand eines bibelgläubigen Li^sors 
Zusätze erfahren; ob derselbe jedoch Jude oder Christ war, niuss 
unentschieden bleiben, da er in seinen Zusätzen nur don helUuiisch- 
römischen Götterdienst angreift und eine christologisrhc Spur in 
ihnen nicht zu entdecken ist (s. oben S. 2G ff.). — Alle Wahrschein- 
lichkeit spricht ferner dafür, dass dieser Uebcrarbeiter des vierten 
Briefes zugleich den siebenten verfasste, in welcl»em der Maass- 
stab biblischer Sittenstrenge an die verschiedenen Seiten des heid- 
nischen Lebens angelegt wird, abermals ohne die leiseste christo- 



111 



logische Andeutung (s. oben S. 72 ff.). — Für unwahrscheinlich 
dagegen muss es gelten, dass von derselben Hand auch der neunte 
Brief herrühre , obwohl dieser ebenfalls in scharfem , ethischen 
und religiösen Gegensatze das Heidenthum bekämpft. Aber der 
neunte Brief, ist in allen seinen Tbeilen von ausgeprägt stoischen 
Gedanken erfüllt (s. oben S. 100), während die Ethik des sieben* 
ten Briefes jeder systematischen Färbung entbehrt; und ausserdem 
liesse es sich schwer begreifen weshalb, wenn beide Briefe aus 
dei*selbcn Feder flössen, die nähere Bekanntschaft mit herakliti- 
schen Aussprüchen, welche im neunten Briefö überall bemerkbar 
wird (s. oben S. 103), im siebenten so gänzlich unbenutzt blieb. 
— Ein ebenso triftiger Grund widerräth, den achten Brief auf 
gleichen Ursprung mit dem neunten zurückzuführen, obwohl die 
Gleichheit der Sccnerie sie insofern verbindet als beide von der 
zwiefadien gesetzgeberischen Thätigkeit des Ilermodoros ausgehen. 
Aber ihr gegenseitiges Verhältniss zeigt keinen inneren Fortschritt, 
ja nicht einmal einen äusseren Zusammenhang in der Benutzung 
' dieses Motivs; vielmehr führt dasselbe im achten Brief nur zu 
einer ziellosen, stilistisch grösstentheils misslungenen, rhetorischen 
Geschichtsmalerei (s. oben S. 85ff.), auf welche die ethisch absichts- 
volle Verwerthung in dem stilistisch tadelfreien neunten Brief 
durch keinen Hinblick zurückweist. — Dagegen sind allerdings 
durch innere WechselbQziehung in der Behandlung eines und des- 
selben Motivs der fünfte und sechste Brief an Amphidamas 
mit einander verknüpft (s. oben S. 53 ff.) und hinwider von den 
meisten anderen Stücken der Sammlung geschieden durch den 
Ernst mit dem sie, unter Vermeidung der religiösen Polemik und 
Maasshaltung in der ethischen Paränese , vorzüglich die Natur- 
lehre Heraklits zu entwickeln suchen,. Nicht unglaubhaft ist es, 
dass der Verfasser des Haupttheils des vierten Briefes philoso- 
phische Bildung genug besass um auch dieses Briefpaar an Am- 
phidamas zu entwerfen, und ein äusseres Zeichen des gemein- 
schaftlichen Ursprungs kann darin gefunden werden, dass in dem 
fraglichen Briefpaar ebenso wie in dem vierten Brief der Anklä- 
ger Heraklits den Namen Euthykles erhält (s. oben S. 53). 



112 



Hiernach ergiebt sich Ein Verfasser für den Briefwechsel 
mit Dareios; ein anderer für den Haupttheil des vierten Briefes 
nebst dem Briefpaar an Amphidamas; die übrigen Briefe weisen 
jeder auf einen besonderen Urheber ; und es wiederholt sich also 
auch in dieser Sammlung die in der pseudepigraphischen Littera- 
tur nicht seltene Erecheinung* von welcher die Sibyllenorakel ein 
besonders deutliches Beispiel liefern , dass eine einmal brauchbar 
befundene Fiction für längere Zeit stehend wird und unter den 
verschiedensten Händen zu den verschiedensten Zwecken dienen 
muss. Je weiter die Herrschaft der stoischen Schule sich ausdehnte, 
desto klangvoller ward der Name und desto anziehender die Persön- 
lichkeit des von ihr so hochgefeierten und so vielfach benutzten ephe- 
sischen Denkers; in den zwei ersten Jahrhunderten nach Ch. erreichte 
die Schule den Höhepunkt ihres Einflusses; und während jenes Zeit- 
raums mochten daher viele Federn in Bewegung gesetzt werden, um 
den wahrscheinlich sehr grossen Von-ath heraklitischer Biiefe aufzu- 
häufen, aus wekhem unsere Sammhmg wohl nur eine kleine Aus- 
wahl darbietet. In der That hat sich ja für die drei Stücke der- 
selben, welche einen chronologischen Anhalt gewähren, nämlich 
für den ersten, zweiten und vierten Brief (s. oben S. 9 
und 26), das erste Jahrhundert nach Ch. als die Grenze heraus- 
gestellt, hinter welche sie nicht herabgerückt werden können; auch 
für das Brief paar au Amphidamas wäre diese Grenze nicht 
zu überschreiten, falls die Annahme, dass es dem Verfasser dos 
vierten Briefes gehört, Billigung findet; der achte Brief kennt 
das römische Weltreich noch in unvermindertem Glänze (s. oben 
S. 86), der siebente und neunte deuten auf unerschüttertes 
Fortbestehen heidnisclicr Sitteli und Culte ; . Vermuthungen über 
ihre Entstehungszeit werden sicli daher ebenfalls in der Nahe der 
ersten Jahrhunderte halten müssen; und nur für den dritten 
Brief bleibt die Zeitbestimmung eben so zweifelhaft , wie sie bei 
dessen geringer Bedeutung gleichgiltig ist. 

Die Untersuchung , welche zu diesen theils sicheren , thoils 
wahrscheinlichen Ergebnissen führte^ hat zwar nicht durch khis- 
sische Würde ihres Gegenstandes sich allgejneinerer Theihialimc 



113 



im Voraus versichert halten dürfen , aber sie besass doch einen 
vielleicht auch von manchem Leser mitempfundenen technischen 
Reiz. Nicht nur befreite die bisherige Vernachlässigung der hier 
zum ei-sten Mal hermeneutisch behcandelten Briefe von der meistens 
l)ei berühmten und viclgelescnen Schriften unvermeidlichen Xoth- 
wendigkeit, das Richtige ei'st gegen eine dichtgedrängte Schaar 
andersmeinender Vorgänger erstreiten zu müssen ; sondern neben 
dieser äusseren Erleichterung tiiesst aus der minder würdevollen 
Natur des Stoffes auch ein innerer methodischer Vortheil. Denn 
während der AiLslcger klassischer Kuustgebildc sich nur zu oft 
von der Befürchtung bcschlichen fühlt, er könne durch allzu 
gründliche Zergliederung den Gesammteindruck des herrlichen 
Ganzen verkümmern, darf an litterärischen Erzeugnissen des 
Schlages , zu welchem die heraklitischen Briefe gehören , die ge- 
naueste Analyse mit derselben Gemüthsruhe vollzogen werden, 
mit der ein Scheidekünstler eine Mischung in ihre Bestandtheilc 
auflöst. . Und der Ertrag dieses analytischen Verfahrens hat bil- 
lige Erwartungen wohl nicht getäuscht. Der Erforscher der Ge- 
schichte der Philosoj)hie wird, vielfachen Einzelgewinn ungerech- 
net, allein schon in der hervorgetretenen Uebereinstimmung zwi- 
schen der als heraklitisch in dem Briefpaar an Amphidamas vor- 
getragenen und der in dem hippokratischen Buch über Diät ent- 
wickelten Naturlchre (s. oben S. 58) eine genügende Belohnung 
der aufgewendeten Mühe und eine neue Ermunterung finden, die 
kaum begonnene Ausbeutung der auch für die Geschichte des hel- 
lenischen Denkens überaus ergiebigen hippokratischen Schriften- 
sammlung mit Eifer fortzusetzen ; der Erforscher der Religions- 
geschichte wird dem siebenten, neunten und theilweise auch dem 
vierten Brief die Bedeutung zuerkennen, welche jedem schriftlichen 
Denkmal zukommt, das während der ersten Zeit der grossen 
Religionsscheide aus den noch unterdrückten biblischen Kreisen 
hervorging; und der Erforscher der Litterärgeschichte wird nicht 
ungern wieder einmal Gelegenheit zu der Beobachtung gefunden 
haben, wie die typenbildende Kraft, welche während Griechenlands 
Blüthezeit die Heldengestalten des Epos und Drama ausprägte, 

8 



■ • • «« ^« 



114 



auch in dem rhetorischen Greisenalter der griechischen Litteratur 
nachwirkt, indem sie einen Heros frühester hellenischer Gedanken- 
arbeit zu einer zwar nicht fein gezeichneten aber doch kenntlichen 
Charaktermaske umschafft, hinter welcher der religiöse Polemiker 
und der Sittenprediger besser als wenn sie mit unverhülltem Ant- 
litz aufträten ihre Zwecke zu erreichen meinen. 



Anmerkungen. 



1. tiewinusüchtige Fälschungen; Synesios; Alcyonins. 

(Zu S. 2.) 

Zu der schon von Bentley (opusc, p. 4 = S. 81, 595 der Rib- 
beck'schen Uebcrsetzung) erwähnten und seitdem vielfach ausgeschrie- 
*benen Stelle des Galenos (in llippocr. de nat liom. 15, 105 Kühn) 
über die Fälschungen, welche die büchersnmmelnden ägyptischen und 
pergamenischen Könige theuer bezahlton , seien hier einige nicht so 
häufig citirte Angaben gefügt über ein Mittel, welches die Fälscher 
anwendeten, um ihrem moderneu Fabricat das vergilbte Aussehen einer 
Handschrift von hohem Alter zu verschaffen. Dion Chrysostomos er- 
wähnt dasselbe , zunächst ohne Rücksicht auf gefälschten Inhalt der 
Bücher, als ein gewöhnlich es Buchhändler verfahren, um junge Abschriften 
für alte zu verkaufen, or. 21 p. 505 R.: oi ftißhon(7]Xui tlSoiag tu 
UQyaTa nov ßißXiioy onoviu^oiitva djg ä/itBitvy yBy()(if.tfibi'u xa) ii' x^itr- 
Toot, ßvßkloig, ol 6i TU (puvkoruru uoy rvt' Kuvudivrsq tlg al ror, oniuq 
TO ye XQOiiiu ii/noiu ydi'/jrui rotg nakuiolg, xul 7iQog5iuq)dBi^oyisq (sie 
beschädigen die Handschriften noch ausserdem absichtlich) «;io- 
dlöoriai dx; nukuid, Dass aber auch eigentliche Fälscher sich der 
Ausdünstungen frischen Weizens als altfärbender Schminke bedien- 
ten , erzählt der wohlunteirichtete Schriftsteller , welchem der Ar- 
menier David {schol, in Arisiot, ed. Brandis 28 a 13) eine Auf- 
zählung der verschiedenen Anlässe zu falschen Bücliertiteln ontnommen 
hat. Die schon von Albert Jahn (Zeitschr. für Altertliw. 1842 S. 517) 
mit den dionischen verglichenen Worte lauten nach der von Jahn 
l«*iM)t/fMi MuiK!bfnr'r IlniKlsthritt : diu i/tkoniilar :Uukhy.i^v [ruUtvovnu 



116 



zw ßtfj?Jay Uoßdmvc yuQ wv^ißvwv ßaaiXtotg (jvyuyayovzog (ovmyorrogBr.) 
rällvd^ayoQOVxat TlToXsfAuiov (Mauretanischer König, s. Rh. Mus. 19, 178) 
TU ylQiatoTbkovg, nreg xanTjXslag /uqw m vüypvxa cvyyQUftfiuva Xufißäyoi'- 
Tsg ixbÖQOvy (s. Horatius Ä. P. 332) 'Ätdirninov 6ia nuQadiasatg vicoy nv- 
Q w Vy iva o/oX {nvQQioy tVa o/oi£v Br.) d^&er i^i' *x ro£f y^Qotvv uhoni- 
Gviav, Nachdem der Fehler der Brand is^schen Ausgabe nvQQutr auf 
urkundlichem Wege längst beseitigt war, hätte Mullach seine aus dem- 
selben entstandene frühere Veinnuthung fivQQwy nicht neuerdings (fragm, 
Philosoph. 1 p. 383,' 411 n. 15) wieder vorbringen sollen, — Die 
mit der talmudischen Litteratnr vertrauten Leser werden sich durch 
diese Angaben an einen anderen Anlass des Aufbewahrens von Hand- 
schriften neben Getreide erinnert fühlen, dessen rituelle Folgen iract. 
hahyL Sahbat 1^& berührt sind. — Die für den Ursprung nicht bloss 
vieler Pseudepigrapha sondern auch vieler partieller Interpolationen 
höchst beachtenswerthe Stelle des Synesios findet sich am Schluss 
seines Dion. Er entwickelt dort den Satz , dass man nur dann ein 
Buch wahrhaft verstehe, wenn man fehlende Theile im Sinn und Ton 
des Verfassers suppliren könne. Unter anderen Mitteln, diese Supplir- 
fahigkeit zu steigern, nennt er auch den Gebrauch lücken- und fehlei*- 
hafter Handschriften und schliesst dann mit folgendem Bekenntniss: 
lou^ iSjjvhjuiiovg rä uiia nuQantfiTiei ng i^oi.xot 7t€7tavf.it>w rvv (xi- 
A.ov^, km2 fiiiwai /Qovoy vn6(fv/j*ov wXg aikrj/^aai xuraxw/ifioi. i)'w (T/; 
x^ufiu xal TQuywöluig inavQaydSrica xal xiofuoöiaig iniatfOfivXkofiuir jintt^ 
xvy novoy (Arbeitsweise, Manier) ixaaxov' wv yQdtpuyiog. stnoig äi' 7/1- 
Xidrr^y elvat vvv fiiv Kquuvov xul iC^azT^ro^, vvy de difplkov ra xul (tnh]- 
fioi'og, xui ovo" ianr löia xf/ikofnaTQlug nrbg ^ TfoiTjOtoi^ itQo^ V"'*" 
ov diftiQOfiai xal tne^ayto rrjv TfstQUV , xal o)^a avyyonitiiuta ;/or>,- oht 
Tfouoy xul TSfta/ioig jiuQaßuAXoftevog. Statt der von Din<lürf in spiiior 
Ausgabe des Dion Chrj-sostomos 2; p. 351, 17 beibehaltenen un- 
brauchbaren Vulgata (fikofitvQiug habe ich tf/iXonarolug geschrieben ; 
denn • der Gegensatz ^ noci^cawg zeigt , dass Synesios von Trosa' re- 
alen will, und diese Bedeutung legt er dem von Aristoteles (poetic. 2 
p. 1448 a 11) für 'Vers ohne musikalische Begleitung' gebrauchten 
Wort ^ofiBtQia falschlich bei; er theil^ den Irrthum mit Themistios, 
der ebenfalls y/tkofisi^ia als Prosa der noltfiig entgegensetzt, indem 



117 



er von Piaton sagt (or. 26 p. 385 Dind.): Xiyov idiuv KeQuoufiSi'og 
£x noitiOBCjg kuI ^XoftsrQiug; vgl. Dialoge des Aristoleles S. 139. 
— Die Nachricht üher die Vernichtung der menandrischen Dramen 
ward von Deinetrios Chalkondylas nicht , wie noch hei Meineke, 
Mcnandri reliq. p. XXIX zu lesen ist , dem Petrus Alcyonius mit- 
getheilt, sondern dem Johannes Medici, späterem Papst Leo X., 
dessen Lehrer Demetrios war (s. Mencken, Vita Polifiani p. 98). Denn 
jener Medici ist es, welchem Alcyonius in seinem Dialog Medices Le- 
gaius sive de exilio folgende Worte in den Mund legt (p. 69 der 
Menckon 'sehen Ausg.) : audiebam puer ex Demetrio CMlcondyla^ Grae- 
carum rerum pentissinto, sacerdotes Qraecos tanta flomisse auciorUate 
apud Caesares ByzaniinoSy iä itUegra, iüorum gratia, complura de 
veieribus Graecis poemata conibusserini imprimisque ea übt ainores 
turpeSf lusus et nequitiae amaiUium continebantur, atque Ua Menanr 
dri, Diphili, Apollodo/i, Phüemonis^ Alexis fabellas et Sapphus, Eriti' 
fiae, Änacreontis, Mimnermi^ Bionis (dessen Gedichte in den damali- 
gen Ausgaben dem Theokrit beigelegt waren), Älcmanis, Alcaei cor- 
mina intercidisse , tum pro his stibstituta Naeianzeni nostri poemata, 
quae eisi excUant animos nostrorum hornmum ad flagrantiarem reii' 
gionis cuUum, non tarnen verborum Atücorwn proprietaiem et Grae- 
cae linguae elegantiam edoeent. 



2. Kritisches und Sprachliches zu dem ersten und 

zweiten Brief. 

(Zu S. 9.) 

Die Textcsrccension, welcher Diogenes Laertius folgt, muss in 
so vielen Fällen aus den zwingendsten iimeren Gründen der anderen, 
in der Briefsammlung enthaltenen nachgesetzt werden, dass dadurch 
der letzteren eine allgemeine, in den sachlich gleichgiltigen Fällen 
den Ausschlag gebende Autorität zuwächst. Gleich die Adresse des 
Dareiosbriefes bietet einen Beweis für das angegebene Verhältniss ; bei 
Diogenes lautet sie : Jagetog .... 7iQoaayoQ€v& x«*^**'» "^ ^^^ Briefsamm- 



118 



lang fehlt /aiQ€ti'. Nun erfahren wir, dass die Begrüssung mit yai" 
Qftv Dicht von Königen an niedriger Gestellte gerichtet zu werden 
pflegte. Plutarch ei*zählt nach Duris und Chares , dass Alexander 
seit seinen persischen Siegen das /uiqhv aus seinen Bnefen fort- 
gelassen und nur noch zu ausnahm s weiser Ehrenbezeigung den Phokion 
^wie einen Ebenbürtigen^ so angeredet habe, Leben Phokions c. 17: 
yovy ^JovQtg ftQfixev cSg fti}'ag yerofievog [6 ^^XiEarÖQog] xal JuQtiov 
XQUTf^aag drfhJXs wiy imotoXwv rh /uIqbiv nXriv iv oauiq syQUfps ©w- 
xiwrt. wvwv dt ftoivv^ oiansQ amQQonov [so schreibe ich statt der von 
Sintenis mit Recht verdächtigton aber unverbessert gelassenen Ueberlie- 
fening wansQl/fvnTruTQOf'y gegen die auch Aelian Var, HisL 1, 25 eine 
Instanz bildet] fisrä wv yaiQeiv ngoari^'OQfvs» Dieser Etiquette gemäss 
lässt Herodot den Brief des Amasis an Polykrates folgendermaassen 
beginnen 3, 40: ^yffiuaig IldkvAQaxfv mSe Xiysi, Desselben Amasis 
fingirter Brief an Blas trägt bei Plutarch im Gastmahl der sieben 
Weisen c. 6 die Aufschrift: BaaiXsvg Alyvnmov ^fiuöig Xiysi Biavn 
aotf'OTdrfo^EkXTJi'on'; Xei*xes' Schreiben an Pausanias begann nach Thu- 
kydides 1, 129: lide Xdyn ßumXsvg SiQiijg IJuvaurin, und zur Nach- 
bildung dieses königlichen Briefstils hat unser Briefsteller das blosse 
7TQoauyoQ€V€tv statt yaiQSiv für die königliche Anrede gewählt. Hier- 
nach wird auch in der hippokratischen Briefsaromlung zu Gunsten der 
von Littre (IX p. 313, 316) erwähnten Handschriften entschieden 
werden müssen, welche in den Ueberschriften der Briefe des Artaxerxes 
an die Satrapen /«/()«>' auslassen. — Fei*ner leuchtet ein, dass Z. 2 der 
bei Diogenes fehlende Zusatz von yQuntov hinter Xiyov zur Hervorhebung 
des Gegensatzes von schriftlicher Darstellung und mündlichem Unter- 
richt , um welchen sich der ganze Brief dreht, sehr erwünscht ist. — 
Dass Z. 5 die Lesart der Briefsammlung anh tovtov aviißdirot-wn- den 
Vorzug verdient vor der bei Diogenes iv rovzfo ysmiiinov, ist oben S. 11 
erörtert. — Das bei Diogenes fehlende Wort ilhpixtor Z. 8 wird noch 
unentbehrlicher, wenn, wie es bei Diogenes der Fall if^t, /ifrfc^i/xomc: 
^vyyQUfi/xdiwv statt yQa/nfidnor der Bricfsammlung vorherging. Denn 
fan<r/^yp(6ng yQaiifidiwp könnte zur Noth noch in dem allgemeinen 
Sinn von liiterarum perUi geduldet werden, fumj/r^xong ov^yQnu" 
ftdmv verlangt jedoch unumgänglich eine nähere Bestimmung der 



119 



Art der Bücher. — Auch der ganze folgende Satsstheil xul lovg akr 
kovg .... (fdofid&eiuv fehlt bei Diogenes. Nach der Lesart der Brief- 
sammlung werden durchaus passend zwei Klassen von Gelehrten er- 
wähnt, welche der König zu Hilfe gerufen hatte: in der griechischen 
Litteratur bewanderte Sprachgelehrte, und Naturphilosophen. — Z. 10 
bedarf die Lesart der Briefsammlung anoQelo&ia i^g ev oq&^ y^HU 
Ttaoa öoi doxovarjg xumysyQaipdui ittjyijCeiog nur der leichten Besserung 
des Dativs ooi in den Genitiv aov um den in der Uebersetzung ausge- 
drückten anstosslosen Sinn zu ergeben. Die Lesart bei Diogenes uno- 
^taOüu r^ o(>di^g ioxovarjg y&yQwpdm nuQa ooi i^ij}n^a6<og würde um 
nur grammatisch erträglich zu werden viel eingreifendere Aende- 
rungen erfordern und kann schon wegen der Verwischung der ab- 
sichtlich feierlichen Wendung iv igd^ y^^f^J] nicht für die ur- 
sprüngliche gelten. ,Es ist • daher wohl auch nicht gerathen , sie, 
nach Westermanns Yermuthung, mit der anderen zu folgender Fas- 
sung zu verbinden: unogäiaihu x^ iy dgd^ y^f'J] nagd cot Soxovv- 
Titiv HumytyQacpd^ui f^rjyrioswg. — Z. 1 2 würde naiieiag lAAi^iix^, 
was sich bei Diogenes findet, den König einen zu dem gleich d^irauf 
folgenden scharfen Tadel der Hellenen wenig stimmenden Wunsch 
nach hellenischer Bildung im Allgemeinen aussprechen lassen; naiSeia 
XoyiH^y was die Briefsammlung bietet, ist in dem Sinn von 'münd- 
lichem Unterricht^ zwar kein gebräuchlicher , aber doch auch durch- 
aus kein sprachwidriger Ausdruck; durch das nebenstehende äxQoA- 
aeiog ist er vor Missverständnissen geschützt, und ein direktes Ver- 
langen von Erläuterungen in lebendiger Rede ist zur Motivirung der 
unmittelbar folgenden Einladung erwünscht. — Endlich ergiebt in 
dem Tadel der Hellenen die Lesart der Briefsammlung, dass sie die 
Ermunterungen der Weisen nQog xct).ijv äyioytiv xai ilaiTav Z. 16 
geringschätzen , einen passenden Gegensatz zu dem Versprechen des 
Königs, Heraklit dürfe, wenn er nach Susa komme, auf eine in der Le- 
bensweise {ßioq Z. 18) sich äussernde Beherzigung seiner Lehren 
rechnen. Dieser Gegensatz geht in der Lesart bei Diogenes TiQoq 
anovSalav oxo^v xul fiddijoiv verloren. — Nur in Einem Falle habe 
ich mich im Anschluss an Diogenes gegen die Lesart der Briefsamm- 
lung entschieden^ indem ich Z. 6f., wo ich statt des überlieferten e^pyru, 



mmams^!^ b»-«-!««..]. , 



120 



was Westcrmann zu f/«J' rri umänderte, bloss f/iii' scliricU. <lie vier 
bei Diogenes fehlenden Wörter n^bg ^rjpjoti' xai ftdOf^mr nnubcrscizt 
licss. Denn der Zusammenhang ergiebt deutlich, dass fTto/r] hier in 
dem aus der skeptischen Terminologie bekannten Sinn von ZAveifclndcr 
Uugewisshcit gebraucht ist, welche zur Rathlosigkeit {äaiB .... anft- 
Qstad-ai) führt. Durch den Zusatz ngoq G^ttjOiv xtX, würde dieser Sinn 
allzu sehr verdunkelt. Vielleicht standen die Worte ursprünglich eine 
Zeile niedriger, hinter yqaf.maxwv lAX^^rixcSr, wo sie wenigstens nicht stö- 
ren. — Die für den Gedanken gleichgiltigen Abweichungen bei Diogenes 
sind: Z. 1 der Zusatz 7taxQoq^Y(ndonH<(i hinter /fuQeiog, Z. 4 neQirf/eiy statt 
der von mir beibehaltenen, von Westermann ohne Noth^ wie mir scheint, 
in TrQOfpeQBO&ai geänderten Lesart der Bnefsammlung nQoarptQsad^ca; 
Z.6 T6 Tov statt Tov; Z. 7 nXsTaioVf was Westermann ohne zwingenden 
Grund bevorzugt, statt nXsToy ; Z. 10 öianoQeta&qu, statt linoQetaOat ; 
Z. 12 fiezuö/Hv statt (.iBtakaßsU'y und mit Bezug auf dieses [.iBiua/eXv 
schreibt Diogenes auch in seinem eigenen, die Mittheilung der Briefe 
einleitenden Satz 9, 12 : inodTfis ie aiiov xal /iaQeXoq fisrao/stv ; 
Z. 14 £77^ To nXstcnoy statt ivg ini w nXeunov; Z. 14 oo^^Oi^ statt awfi^o- 
fiiivig; Z. 16 vtioq/h statt vndg'^i, — In den Schlussworten, welche 
bei Diogenes und in der Briefsammlung übereinstimmend lauten : ßiog 
eiSüHtfiog öaTg naquivioBtUv würde, da sie dem Zusammenhang 
nach ^eine deinen Eimahnuugcn sich fügende Lebensweise' bedeu- 
ten müssen, der bisher von Sprachfehlern bewahrt gebliebene Briefstel- 
1er noch zu guterletzt arg gegen alles in griechischer Sprache Er- 
laubte Verstössen. Westermanns Aenderungsvorschlag irSoaiiwg scheint 
diplomatisch nicht viel gelinder als das von mir gCAvühlte, bloss die 
Endung vertauschende ft'rfoxoi;//6roc, und für die königliche Gran- 
dezza schickt die 'wohlgcnUligc , entgegenkommende Aufnahmo' sich 
besser als das unverhüllto 'Nachgeben.' In dem rlictorisclun Loxi- 
kon (Bekker, Anccd. p. 2G0) wird das, ähnlich wie b«) virlcn An- 
dere, zugleich im Polybios und im Neuen Testament häufi^ro Wort 
folgendermaassen erläutert: «vrfoxot/ifm;* i oi''^^umn:h)ift^;Kui ftr ar- 
vXiycjy. Auch das in unserem Brief Z. 14 gebrauchte Wort (\yf:nar]' 
^aiTo^wii-d zuerst aus Polybios nachgewiesen. — Kbcn.-^o gehurt der 
gleich ZU' Anfang des Briefes vorliegcudo Ausdruck xuwßi'dijoitm äo; 






n 



121 



für 'schriftlicli niederl^en, veröffentliclicu* zu dem Spracbgut der mit 
Aristoteles begiunenden hellenistischen Prosa. Ganz entsprechend heisst 
es in der nikomachischen Ethik (1, 3 p. 1096 a 9) von den zur 
Bekämpfung der verschiedenen Lebensziele verfassten Schriften: xa^ 
[so mit den besseren. Haudschnften statt xo/ wt] nokXot koyoi nQog 
avTu [rä nXTj] xarußißXfivrai, und Dionysios von Ilalikarnassos sagt 
in der Einleitung zu der römischen Geschichte (1 » 1) von den Geschicht- 
schreibern, die sich unpassende Stoffe wählen: ol fih yoQ vjtfQ ado- 
l^oy TtQuyfidnov ^ noiTjQwv ^ ftridefiiäg onoviijg ä^iwr iaroQDcag Kaxa- 
ßakkofievoi nQayfiauiag xxX, 

Auch in der kurzen Antwoi't des Herakleitos erweist sich die 
Melmahl der Lesarten bei Diogenes als unbrauchbar. ' Durch den Zu- 
satz Z. 23 d/tt rd n€QUQvuad^(u [vei*meiden] vnsQfjfpavlriv ^ statt dta 
TTiv vnsQYirparlriv der Briefsammlung, wird der oben S. 12 bespro- 
chene Anklang au das Spinchwort von dem 'Uebermuth dem Sohne der 
Uebersättigung^ verwischt. Auch dixaiongayinoaviTigy was Diogenes Z. 21 
bietet, ist eine aus der besseren Littei'atur bisher nicht nachgewiesene 
Form, während itxaiOTrQuyitiC) was Westermann aus den Handschriften 
der Briefsammlung an die Stelle von Sücuiqovjt^ der Ausgaben gesetzt 
hat, in der nikomachischen Ethik vorkommt. — Ich habe es daher 
Z. 21 vorgezogen, ans den sinnlosen bei Westermann verzeichneten 
Varianten der Briefsammlung Ml^t] htj oder io^ isg durch leichte 
Nachbesseining ioh] xeif zu* gewimien, als sie mit dem bei Dioge- 
nes vorliegenden dd^oxomri^ wie Westermann gethan, zu vertauschen. 
— Dagegen verdankt man dem Diogenes die freilich auch auf eigene 
Hand leicht zu bewerkstelligende Berichtigung des Schreibfehlers 
£vvo!rj^ Z. 22 in avoiTjg, und Syreg Z. 20 ist ein ihm entnommener, 
nicht unentbehrlicher, aber sprachlich ganz willkommener Zusatz. — 
Z. 24 hat Diogenes IleQawy statt IhQOtxrjy, 

3. Simplicius; Alexander; Lassalle. 

(Zu S. IL). 

' Auf die von Simplicius mitgetheilte werthvolle Stelle des Alexan- 
der mag hier auch deshalb ausfühi*licher eingegangen werden , weil 






sie Gelegenheit giebt, das obeii S. 6 über Lassalle gefällte Urtheil 
durch einige ausreichende Relege zu begründen. 

Siniplicius, welcher gegen die christlichen Aristotelikor, nament- 
lich gegen Johannes Philoponos, das ungeroilderte peripatetische Dogma 
von der Ewigkeit der Welt mit grosser Heftigkeit verficht, sucht ausser 
un anderen alteren Philosophen auch an Heraklit eine Autorität für 
dasselbe zu gewinnen. Nachdem er die gewöhnliche , besonders von 
den Stoikern vertretene Meinung erwähnt hat, welche in Ileraklits 
Wollten von dem 'Aufflammen und Verlöschen nach festen Maasscn, 
fUTQu uTtjoftsi'og xal fiivQu oßevvv^Bvog -— denn in dieser unge- 
nauen, auf xofTiio^ bezogenen Fassung fühi*t Simplicius p. 132 b 19 
Karst, die oben S. 10 besprochene Stelle an — die Lehre von der 
IfirschafTung der Welt aus Feuer und ihrem (Jntergang dui'ch Feuer 
findet, verwirft er diese Auslegung als eine oberflächliche, in die räth- 
selhafto Tiefe des Ephesiers nicht eindringende; denn dessen wahre 
Sinnesmeinung sei in den Worten niedergelegt, welche von dem Kos- 
mos aussagen , 'er war von ewig^ : ycal 'HQUxkeiwc de ii^ idriy^tdnov 
riji' iuvwv aofflay iwf^Qiov ov tuvtu, utuq ioxsZ roig noXXotg, oijfiaivei' 
yovy ixstru [d. h. fiivQa uniofist'og xrÄ.] slmoy n€Ql y€yboeo)gy^Ußg do- 
xf7y Tov xoö/noi^ x(d rdÖE yiyQUff'S' 'xobftov To^is ovxs nq OsCiv ovr* 
Avd-Qtomoi' inoirptVy cUA.' r^v asL Redlich wie er ist , führt nun 
Simplicius unmittelbar darauf die seiner 'eigenen entgegengesetzte 
Deutung des heraklitischen Kosmos an , welche Alexander gege- 
ben bat: 6 lUviüt l^Xi^aySQog, ßovkofieivg rbv ^HQiixktiWV yetr^roy 
xai ffi^aQTov Xiytii' toi* xoOfXOVy ÜAktog'uxovH tov xoOfiov vvy' ov yuQ 
ftn/oiisru Xhyfiv [xo»' ^HQdxXfrtioy] tprpiv [o ^AXt^aviQoq\y (t*g to* i*;» no- 
5«*. x6(f/tov yuQ, (fijan*, ivvuvdu ov Ti]vd6 Xiyn xiiv d/f<xoo/iJ'/Tir, aUM 
nadokov ra StTU xal riyr tovuov diuxa^yy xa^' ij»' «€ Ixdnnov tv //t- 
QH fj fiBTußoXfj TOV nui'Togy Tfon fiiy üg nvOy non^t Btg jhv wiovoe xoo- 
fioy ri yuQ TOiavn] wvnov iv /#to« utTußoXfjxrd o rntovioc xoOfiog ovx 
^luii nerCy aU' tjv diL Mit dieser Lesung der Karstcn'schen Ausgabe 
stimmt bis auf zwei für den Sinn gleichgiltige Varianten {nXriy on i 
.''AXi^ai'iQoq in der ersten und i^j* Uysiy in der vierten Zeile) der 
von Brandis in der Scholiensammlung p. 487 b 43 gegebene Text 
wörtlich uberein. Nun wird kein mit der Sprechweise griechischer Com- 



123 



mcntatorcn Bekaiiuier auch nur einen Augenblick zweifeln, divüs diei>e ße* 
merkungen des Simplicius folgendcrmaassen zu verstehen und zu über- 
setzen sind : 'Alexander jedoch, welcher dem Heraklit die Meinung vom 
'Entstehen und Untergehen der Welt beilegen will , fasst das Wort 
''HoOfiog in der jetzt fraglichen Stelle des Heraklit anders auf [als 
Simplicius eben gethan, der es in dem Sinn vom Weltall genommen 
hatte]. 'Denn die zwei Aeusscrungeu. des Heraklit [vom Aufkämmen 
und Erlöschen einerseits und von Ewigkeit des Kosmos andererseits] 
'widersprochen sich, meint Alexander, nicht, wie es vielleicht Manchem 
'scheinen mag. Denn unter Kosmos , sagt er , versteht Heraklit an 
'dieser Stelle nicht die jetzt vorhandene entfaltete Welt der Dinge, 
'sondern das Dasein überhaupt und dessen Ordnung , kraft welcher 
'in regelmässiger Abwechselung ein zvriefacher Uebergang des Alls 
'stattfindet , bald in Feuer , bald in eine der jetzigen ähnliche Welt. 
'Denn dieser in ein&nder übergehende regelmässige Wechsel der zwei 
'Dascinsformen und der in solchem Sinne verstandene Kosmos fing nie- 
'mals an, sondern war von ewig her/ Lassalle jedoch hat das £r- 
gehniss seiner weitläufigen (2, 177 — 181) Besprechung dieser Stelle 
in eine Uebersetzung zusammengefasst, -welche den einleitenden Satz des 
Simplicius Tikfp' oa 6 ^^ki^aySQog ßovkofiei'og wv ^H^dxksiioy yeiijtoy 
xcd rp&uQTifv Xiyuv xov xoofioy ukXcog äxov€i wv xocffiov }*vy zu fol- 
gendem Deutsch umschaift : 'Ausser dass Alexander, weil er will dass 
'Herakleitos die Welt füi** eine gewordene und vergängliche halte, jenes 
'Fragment anders versteht, als gerade von der momen- 
'tan vorhandenen Welt/ Alle die kleineren Verstösse gegen die 
griechische Grammatik , welche den durch den Druck hervorgeho- 
benen Worten zu Grunde liegen , treten in den Schatten vor der 
schnit«erhaften Verbindung 6 xoofwg rvtf in dem Sinn von 'momentan 
vorhandener Welt.' Ohne Ahnung von 'den jedem nicht gänzlich ver- 
wahrlosten Anfänger bekannten Regeln über den adjectivischen Ge- 
brauch der Adverbien hat Lassnlle nun auch 6 xoofiog vvv zu dem 
Rang eines vermeintlich heraklitischen Terminus erhoben, den er im 
Verlauf der angegebenen vier Seiten sechs Mal in seiner griechischeA 
Missgestalt vorfühi*t und mit den mannigfaltigsten Uebersetzungen 
^Jetztwelt, die Gesaromtheit aller in einem gegebeneu Moment vorhan* 



124 



'denen Existeuzen^ u. 8. w. versieht. — AußRorclcm verweilt er hier 
(2, 176 Anm. 2) und iihnlich an anderen Stelleu nn't der Miene eines 
Varianten abwägenden Philologen bei \'iVQmaÜai^ Avelchcs BrandLs und 
'fSanttaOai welches Schleiermacher in seinem Exemplar des Simplicius 
Miest/ Es war ihm also nichts zu Ohren gekommen von der Beschaf- 
fenheit der zu Schleiemiachers Zeit allein vorhandenen aldinischen 
Ausgabe , die nur ehie griechische Rückübersetzung aus Moerbeka^s 
längst gedruckter, lateinischer Bearbeitung bietet und also gegenüber 
dem von Brandis und Karsten gegebenen griechischen Originaltext des 
Slmplicius kritisch wei*thlos ist. — Diese Proben einer fast auf jeder 
Seite der zwei starken Lassalle^schen Bände hervortretenden philo- 
logischen Unbildung werden im Verein mit ähnlichen Nach Weisungen, 
zu welchen sich früher (Theophrastos' Schrift über Frömmigkeit S. 191) 
Gelegenheit bot, wohl jeden Sachverständigen überzeugen, dass es eine 
die Uebersichtlichkeit der Darstellung nutzlos hindernde Condescendenz 
gewesen wäre, wenn ich Lassalle als einen in philologisch kritischen 
Dingen zum Mitreden befugten Vorgänger hätte behandeln und alle 
meine Abweichungen von ihm ausdrücklich rechtfertigen wollen. Ich 
thue dies vielmehr nur in den selteneren Fällen, wo die Widerlegung 
seiner Irrthümer auch der Sache förderlich werden kann. 



4. y-ogog, xQr^af^ioavvrj; Sprichworter bei Uerakiit. 

(Zu S. 12.) 

Die entscheidende Stelle bei llippolylos (0, 10 p. A\^, 20) lau- 
tet: XiyBi 6i itui [^hQiixKtixog] (fQoiywr lovw tltm to 7h\# xf<« u^<; 
iioix^oecog rwv ohor uinov ' i^aXet 6f tivw /Qj^rr/tiMUvt^v xtu xooor, ynrj- 
Ofioovyji dt ianv ti iuuoqniatg wu uiror, ») Ai iyntQ<u*uc xoofA:. Dio 
Güte der hier benutzten (Quelle bezeugt Hich dem Kenner des lieia- 
klitischen Systems schon dadurch, dans teooiK; und /Qt/iftoaivfi nicht 
als entgegengesetzte Zustände von dem Feuer prädicirt, hOiulern aln 
gleichberechtigte Namen {xaui 61 ccito xrX.) des in dem lui'iuan- 
der dieser Gegensätze lebenden und Wirkenden Fencrn hinc«'»'tr:)i 
werden-, und das* die Quelle ein« ntoiMche wur, erwirbt M«h cu» «In 



125 



dieser Schule eigenthüinlichen Termini dioUrfit^ und iiaxoGfirjoig 
(s. IlcracUtea p. 13 und Kriscbe, Forschungen 1, 424). Nicht ganz 
80 deutlich, wenn sie allein stände, aber neben dem hippolytischen 
Bericht nicht länger misszuverstehen und zu demselben Ziele treffend 
ist folgende Stelle Philons (de aninuü, sacHf. idon, 2 p. 242): rj sig 
I-uXti tov ^liov diiivoiifi (die Zergliederung des Opferthieres) ir^ot ^nn 
(og €y TU ndym ij on ii h'og rs xal elg Sv, onsQ ol fiav x o ^ o v xut 
/^Qfjaftoavvtjv ixdX£<J(tv, ol ie innvQioaii' xat iiaxoGfiTjaiv' ixnifHOOiv 
fdv xum Tfjy tov d'sov Svvaartiuv noy SXkiov^ntxQavffiavioCy dtaxoojujy- 
oiv de xura rf^y noy TBTxaQwy cwt/eicay looiVfu<Ky, ijy dyndiioaoiv aJJdi- 
Xaig, Obgleich hier die von den wechselnden Weltperiodcn redenden 
Erläuterungen nicht unmittelbar auf die heraklitischen Teimini xo^o^, 
/QTjaf.iocii7j sondern auf die entsprechenden stoischen ixnvQiooig xut 
dtäxoa/iirjaig bezogen werden, so zeigt doch die Wortstellung klar ge- 
nug, diass bxnvQ(ooig als Aequivaleut für xoQOg und iioacdo/ntjotg als 
Aequivalent für /^Qrja/noavyt] dient. — Wenn äeoü richtig überliefert ist, 
so wäre es bei Philon nur als eine unwillkührliche Herübernahme aus 
einer stoischen Definition der ixnvQtooig '/m erklären; denn die Stoiker 
nennen allerdings das Urfeuer auch Gott (s. Krische, Forschungen 
p. 379); und gemeint ist jedenfalls nicht, der philonische Gott der 
Bibel sondern das 'die übrigen {noy aXktoyY Elemente überwältigende 
Feuerelcmcnt. Jedoch bei dem argen Zustand unseres philonischen 
Textes ist es auch nicht undenkbar, dass an einer schadhaften Stelle 
seiner Vorlage ein Abschreiber das bekannte Compendium dv da zu sehen 
glaubte wo nur jwQoqy etwa mit abgekürzter Endung, stand. — Die lange 
und eben ihrer Länge wegen hier nicht mitzutheilende Stelle Plutarchs de 
ü c. 9, welche Zeller (Philos. d. Griech. 1, 4.79) unerledigt lässt, stimmt 
vollkommen zu dem hippolytischen und philonischen Zeugnisse und ist 
auch von jedem sonstigen Anstosse frei, sobald in den Schlussworten 
oneQ rqiu uQoq ?y, TOt/xu viiv SiaxoaftT^aiy olotisroi /^QOito jiqoc Tijy 
ixnvQUJOiy slvoti die Umstellung nQog ey tqiu vorgeuomnfen wird. — 
Versäumt ward es bisher, mit diesen Berichten über die terminolo- 
gische Bedeutung von xo^o^ Heraklits eigene Woi*te zu verknüpfen 
in dem Bruchstück bei Hippolytos 9, 10 p. 448, 33: o ^to^ Vf^^QI 
evifjQvyij, ysifUüy difiog, noXe/aog slqriyi^, ^i>Q^ Xifiog. Dass hier nur* im 



. 12(> 

kosoiologischen Sinne *Gott\ d. h. dem ürfeuer, unmittelbar die Be- 
zeichnung 'Sattheit und Hunger^ beigelegt sein könne, bedarf wohl 
keines weiteren Beweises; und es ergiebt sich demnach, dass Heraklit 
neben /Qf^Oftottinj auch das einfachere Synonymum hfiog für die dem 
x6()og entgegenstehende Weltperiode gebraucht hat. Tn dem vorauf- 
geheuden Paar von Gegensätzen noksfioq elQijiTj entdeckt man einer- 
«^. seits den Text zu der stoischen Erläuteining des bis jetzt in den he- 

raklitischen Bruchstücken sonst nicht nachweisbfuren Terminus sigi^ 
17/; sie lautet bei- Diogenes' Laertius 9, 8: tlou i'ivui'ziwyjb fitv im 
Tijv yti'aoir (= dtuxoo/nrnRy) uyor xukeiodxa noXsfiov xul i'/wi', w d' int 
rip' i'xnvQioair ofioXoyiay xui elQi^ytjv. Andererseits liefert die hier 
vorliegende Identification von ^eog und noks^Kx; einen urkundlichen 
Beleg für C'hrysippos* Bemerkung, dass nach Heraklit Zeus und 'Krieg* 
dasselbe sei : ror Tioktfiov xul tuv /IIa xov uvrov alrui , xudunsq 
x«i Tor ^J-IquxXfiwi* Xtyaiv (bei Philodcmos über Frömmigkeit p. 9 
Sauppe). Das fragliche, dem Hippolytos verdankte, Bruchstück zählt 
"• also die kleinereu und grösseren Perioden auf, in welchen das ab- 

wechselnde Üeberwiegen und Zurücktreten des der Gottheit gleich- 
gesetzten Feuers zur Erscheinung kommt, und zwar geschieht die 
Aufzählung in aufsteigender Folge von den kleinsten Perioden des 
hellen Tages und der dunklen Nacht zu den grösseren des heissen. 
Sommers und kalten Winters und den grössten des die gesammte 
Welt in 'gesättigtem Frieden' umfassenden Feuers und der in 'be- 
gehrlichem Streit^ gespaltenen Mannigfaltigkeit der Dinge. 

Eine der oben S. 13 vermutheten vergleichbai'e physikalische 
Verwendung des Spruches tIxui xoQog vßQiv findet sich in Plotinos' 
Erörterung über den Unterschied zwischen dem ätherischen Feuer 
und der irdischen Flamme, Ennead. 2, 1, 4 (vol. 2 p. 17S Kirchh.); 
öfßtfiog yuo xal V/oiarorÄjj^ r^r t/X6ya CiiSii' nvu xui 7ivo otor A« xo- 
Qoy vßQt^oy ' TO de ixei (das ätherische Feuer) lutukvv xtd ^Qtfuuov 
xul Tjj Tuh' uorQioy nQoOffOQoy fpvcft. Der erste Theil des aristoteli- 
schen Citats stimmt zu Meteorolog. 1, 4 p. 341b 21: i'an yuQ ^ 
(pko'^ nrevfiuwg IrjQov ^iciqy jedoch die Vergleichung der auf- 
wallenden Flamme mit dem aus Sättigung entspringenden Ueber- 
muth vermag ich in den erhaltenen aristotelischen Werken nicht 



127 

aufzufinden. Sie wurde für den Ton der Dialoge nicht unpas- 
send sein, aber da bei Plotinos sonst keine Benutzung jener vei*- 
lorencu aristotelischen Schriften nachzuweisen ist und da seine von \ 

Poriihyrios {Vit. Plot, 8) geschilderte Manier, die Gedanken in ^ 

Einem Zuge aufs Papier zu werfen ohne das Geschriebene zu über- 
lesen, der Genauigkeit seiner Citate gewiss nicht förderlich war, 
so wäre es nicht unmöglich , dass er dem aristotelischen Auf- 
wallen ($b0t^) die physikalische Urodeutung des ethischen Sprichwor- 
tes auf eigene Hand hinzufügte. 

Benutzung von Sprichwöi*tem zeigt unter den erhaltenen herakli- 
tischen Fragmenten Fr. 3 p. 330 Schi.: a£vvBx^ uxovauvrs^ xtogAJÜg 
ioUaOiy (pdng aiwTai fiuQTVQet nugeovTug anelvui ; es ist der- 
selbe Spruch , welchen Aristophanes auf den attischen Demos anwen- 
det, Ritter 1118: nQO(; xov u Xiyovt^ aal xd/t^vag' o voiig dd aov na- 
Qüiv anodtifiety und den ein unbekannter Dichter bei Stobaus 
{Floril, 3, 1 = Nauck, fragni, tragic. adesp. 431) zu folgendem Tri- 
mcter ausspinnt: ä dal naQm' (pQorn^f fiij naQio%* änfjg, — Das ge- 
wöhnlich auf Bias zurückgeführte Sprichwort von der 'Mehrzahl der 
Schlechten* erwähnt Heraklit in der früher {Heraclüca p. 34) behan- 
delten Stelle: JiSaacdho /jjtcaytai oftlXfo ovx hiSoTsg on noXkot hu- 
xol, iXlyoi 6i aya&oi; und der mit dem Accent wechselnde Doppel- 
sinn von ßtog giebt ihm Anlass, seine Lehre von der Identität des Le- 
bens und des Todes in dem Wortspiel tut ßuo ot'Ofta ftev ßlog^ i{jyov 
ÖS d^dvaxog auszudrücken (s. Rh. Mus. 7, 114). Ein ähnliches, auf 
die nicht minder wichtige Lehre von dem ^vvog Xoyog bezügliches 
Wortspiel wird Fr. 18 p. 350 Schi, bemerklich: l^vv vom Uyoi'iag 
layvQi^ad^ai xqtj vp Ivvw navmv (s. Rh. Mus. 9, 2ö9). 

5. Kritisches und Spr«achliclies zum dritten Brief. 

(Zu S. 19.) 

kvfi bedenklichsten unter den sprachlichen Mängeln des dritten 

Briefes sind Verschiebungen der Wortbedeutung , wie sie z. B. in mv 

owc ioUaxs /aQiv hcpelXsiv Z. 12 zu Tage treten. Der Schreiber will von 

dem Dankgefühl reden, von dem, was Griechisch /a^tr e/£ii' heisst; 



128 



indem er jedoch die Phrase gebraucht, welche nur von der objectiven 
Dankesschuld gilt, bringt er den König dahin, das Gegentheil von 
dem zu sagen was er meint. — Der Zusammenhang zeigt ferner, dass 
STujcuir^d-fl Z. 15 nicht, wie es der Sprachgebrauch verlaugt, auf das vom 
Richter zuerkannte Strafobjekt bezogen, sondern schlechthin für dlxfjr 
J/c/orra 'bestraft werden' gesetzt ist, — Wenn solche Flecken nicht weg- 
zuschaffen sind, so >vird man es auch hinnehmen müssen, dass Z. 8 nach 
der Lesart der Heidelberger Handschrift iy/HQicsiB und der nur durch 
den Jotacismus davon verschiedenen Yulgata ^y/a^^osrs das Activüm 
fy/fttjlCeiy, welches allerdings nur 'in die Hand geben' heisst, statt des 
vom Zusammenhang verlangten hyysiQiUad^ui 'in die Hand nehmen^ ge- 
braucht ist. Ich habe daher Westermanns Aenderung im/at^aers nicht 
befolgt. — Incorrect ist auch in ixsirov eiyota Z. 10 der Genitiv 
ixslvov für'^Jro/rt ig ixsTroy, 'mein (des Königs) Wohlwollen für ihn.' 
Sollte aber die Treue des Hermodoros für den König als Grund der 
den Ephesiern gewährten Wohlthaten hingestellt werden, so ist wie- 
derum der Dativ incorrect. Dann hatte es iiä Ttjy iKeiyov evvoiay 
heissen müssen. — Ungehörig ist die Auslassung des Artikels Z. 9 vor 
TiurQotui' xr^oiy, — Dagegen scheint vfiugy was Westermann vor ini 
i'oDr Z. 16 einzufügen vorschlägt, bei der sonst deutlichen Satzbildung 
entbehrlich. — Das fehlerhafte ßiknoy Z. 16 der Vulgata habe ich lieber 
in ßtKriova als mit Westermann in ßsknio geändert. — Der in der Vul- 
gata und in der Heidelberger Handschrift fehlende Gruss ^ootoaUe, wel- 
chen Westennann aus der Pariser Handschrift entnommen hat , ist 
dem Abschreiber wohl nur mechanisch als übliches IJriefendc in die 
Feder gekommen; der Zusatz schwächt die Wirkung,' der von dem 
Verfasser zum Schlußs dieses königlichen Drohbriefes bestimmten und 
gar nicht übel gewählten Wendung: xul yun ßtnu\n vtauuM otwfinn 
Tnlm Tcul vfur, — Z. 8 habe ich n.ach Wc^tornmnn«^ Vorgang die 
überlieferte jonische Form (vj-auiv beibehalten. Ven-inzelte .lonisu.en 
finden sich noch S. 23 Z. 20 öo*///,r, S. 47 Z. 1 und S. no Z. WW 
vvvoov; sie sind jedoch so spärlich und \on so alltä|<l icher Art, da-n 
man sie wohl auf keinen anderen Trspriing iiU auf zul*-Ui>(e Ab-rbn »• 
berlaunfjn zu riick führen darf. 



129 



^i 



6. Heraklits Worte über Hermodoros' Yerbauniing. 

(Zu S. 19.) 

In seiner Behandlung der lieraklitiscben Stelle über Herniodoros 
giebt Zeller {de Hermodoro EpJiesio , Marburg 18G0 p. 8) der bei 
Strabo (14 p. 642) vorliegenden. Fassung durchweg den Voi'smg 
und verwirft alles von Diogenes Laertius mehr Dargebotene als glosse- 
matische Zusätze. Aber der Geograph , der nach seiner stehenden 
Manier die Beschreibung von Ephesos mit einer kurzen Erwähnung 
der aus dieser Stadt hervorgegangenen bei*ühmten Männer (w'S^ 
uholir/oi) beschliesst , vor Anderen Ileraklit und Ilermodoros nennt 
und so auf die allbekannte Aeusserung des Ersteren über den Letz- 
teren geführt wird, hat sich doch schwerlich genöthigt geftihlt, das 
heraklitische Original zu einem so nebensächlichen Zweck eigens nach- 
zusclilageh und wörtlich daraus abzuschreiben, während bei Diogenes 
und seinen Gewährsmännern, deren -eigentlichen Gegenstand die hera- 
klitische Biographie bildete, Benutzung einer geschriebenen Vorlage 
eher vorauszusetzen ist. Mag in dieser aiich ein und das andere ge- 
wähltere /Wort, welches dds gelehrten Strabo Gedächtniss treuer be- 
wahrte , mit ge^vöhnlicheren vertauscht gewesen sein , so wird man 
doch grössere Zusätze, blos deshalb weil sie für den Hauptgedanken 
nicht eben unentbehrlich .sind und daher dem Gedächtniss Strabo^s 
sich nicht einprägten , nicht gleich als Glosseme beseitigen dürfen, 
zumal wenn kein bestimmter Anlass zum Glossiren ersichtlich ist. Der 
Anfang der Stelle nun lautet bei Strabo : (?§/oi' ^ßfpsoioig fißrfiov ii^ray- 
l^aad-at, wofür Diogenes die vollere , von Zeller in allen ihren Thei- 
len verworfene Fassung giebt: a^tor ^Eff)taioiq fjßTjöot* anod-arttv naoi 
xal wig ai'r'ißoiq triv nour xarahnetv. Was zunächst das zu riß^jßov 
hinzutretende neun angeht, so belehil eine Vergleichung des herodo- 
tischen Spraohgebrauchs, dass bei den Jonern eben diese vollere Wen- 
dung Tißfiihv jmiTBQ üblich ist. In unserer heraklitischen Stelle las 
sie auch Lucian, wie seine von Schleiermacher und daher auch von 
den Späteren nicht erwähnte Nachbildung zeigt ; er legt in der Philo- 

5» 



! 



• 130 

sophcnversteigerung (c. 14) dem Heraklit den 'Ausruf in den Mund: 
fy(u de xdXoficu näaiv f^ßijSov otiid^tiy. — Welche VerAulassung ferner 
ein Glossator in den umgebenden Worten hätte zur Einfügung des 
ganzen Satztheils x«^ ToTg ujTJßoig r^r nokty xuTuhneiy finden können, 
vermag ich nicht abzusehen. Der freilich auch ohne diesen Zu- 
satz verständliche IIau2)tgedanke wird d\irch denselben doch recht 
passend nüancirt , sobald man die Worte nur nicht mit Schleicr- 
macher (Fn 46 S. 481) und Lassalle (2, 442) so missversteht, als 
bedeuteten sie: *den Unmündigen gebührt die Stadt zu verlassen.' 
Denn was haben die unschuldigen Kleinen verbrochen? Jedoch xar«~ 
Xeineiv bedeutet nie so viel wie unser einfaches * verlassen,' sondern 
es wird entweder für 'zurücklassen' in dem Sinn von 'iokUein lassen, 
im Stiche lassen' oder für 'überlassen' -gebraucht, und in diesem letz- 
teren Falle ist es das eigentliche Wort für 'vererben , hinterlassen.' 
Hieraus ergiebt sich, dnss der Dativ uytjßotg nicht auf gleicher Linie 
mit ^Effeoioig von u^ov abhängt. Vielmehr ist er als dalivus commodi 
mit xUmhnsTy zu verbinden und Heraklit will sagen, die zu Tode ge- 
kommenen schuldigen erwachsenen Ephesier sollten billigerweise den 
unverdorbenen Kindern die Stadt und ihre Verwaltung hinterlassen. 
Es ist derselbe Gedanke, welcher der Erzählung zu Grunde liegt, He- 
raklit habe, nachdem er sich in den Tempelbezirk der Artemis zurück- 
gezogen, dort mit Kindern Knöchel gespielt, und als die Ephesier ihn 
verwundert umstanden, ihnen zugerufen : 'Ihr Wichte , was wundert 
'ihr euch? ist dies nicht vernünftiger als im Verein mit euch die Stadt 
'zu verwalten? (ri, w xdxiann, dat\ud^Th; rj ov xijhtwv tovro iiotiTv ^ 
fud^ vfnoy noktnisodai; Diog. Laert. 9, 3)\ — Das gute alte Wort 
unißaQ gebraucht Heraklit auch Fr. 59 S. 607 Schi. (= Stob. FloriL 
5, 1?0): ai'^o bxomv fisdvad^fi y aytioL tvio mat^K m'/Jov Oifu/J.o- 
fievoty. — Uebereinstimmcnd mit ZcUcr habe ich jedoch statt des 
bei Diogenes vorhandenen unoUurtiv ^ welches mit Cicero (TnsctiL 
6,36, 105 universos Ephesios esse woric muliandos) nicht als einfaches 
'Sterben', sondern nach gut griechischem Sprachgebrauch als 'Erleiden 
der Todesstrafe' zu fassen wäre, unuy^uaOui vorzielien zu müssen ge- 
glaubt , da ausser Strabo noch Jamblichos (VU, Pytha^j. 11^) uiid 
Musoniu» (bei Stob. Flor. 40, 0) die hfraklitiHcho Strll.» mit dir- 



131 



sem derben Fluche anführen , welcher eben seiner Derbheit wegen 
leicht in der Vorlage des Diogenes und des freilich auch sonst sich 
nicht an die Worte bindenden Cicero mit einer gelinderen Verwün- 
schung vertauscht sein konnte. Zur Rechtfertigung meiner oben S.19 
gegebenen Uebersetzong von anay'SßO^ui gegen Lassalle*s 'erwürgt wer- 
den' sei auf Ilerodot 7, 232 verwiesen und an die bekannte Contro- 
verse zwischen Jacobus Perizonius und Jacobus Gronovius über den Tod 
des Judas Ischarioth erinnert. Einem prüfenden Leser der bezüg- 
lichen Streitschriften (Joe. Perizonii disseriatio (le rnorte ludae ei 
verho andyy€o3(u edü, scc. Trqjedi ad Bfimum 1766 gerichtet gegen 
lacohi Gronovii cxerdtatUmes academicae de pemicie et ctzsu ludae 
lAigd.Baiav.lQS3) kann es nicht entgehen, dass Perizonius hier ein- 
mal trotz seiner sonstigen Ueberlegenheit den Kürzeren g&ogen hat. 
— ' Gegen den Schluss dos heraklitischen Fragments nimmt Zeller in 
der angeführten Monographie über Hennodoros Strabo's ei cTf fir;, tSih] 
x€ xul ftet uXX(üy als anstosslos hin, obwohl er früher (Philosophie der 
Griechen 1 * 490) /ni^ zu streichen geneigt war. Sohlciermacher (S. 481) 
hatte, wohl durch seinen Freund Heindorf (zu Piaton Hipp, tnai, 285 e) 
belehrt, bereits richtig* bemerkt , dass si de fii] 'zwai* dunkler aber 
auch attischer* sei als die Lesart des Diogenes sl ii xiq roiovrog, 
äkXj] TB xul fisT^ aXXwv, — Das ungewöhnlichere (päyrsg bietet Strabo 
statt Xtyovvsg des Diogenes, bei welchem auch uyÖQa fehlt. 



7. Kritisches und Sprachliches zum vierten Brief. 

(Zu S. 26.) 

In diesem Briefe hat Westermann sich begnügt, mehrere Stellen 
nach der unverständlichen Ueberlieferung ohne jeden Versuch der 
Besserung wiederzugeben. Z. 4 lautet bei ihm: i^txwy, cog on tni- 
yQuxjja tfp ßtjüftm ov intcmjaa rb (/nbv oroftu. Das Activum ine- 
arijaa würde man mit to i/iiov ot'o/iiu nur in dem Sinne des Aofstel- 
lens einer Inschrift verbinden können, und dann würde es mit dem 
nebenstehenden hieyQuxjja sich vollständig decken. Will man es da- 
gegen auf ßcüfiog beziehen und dem Briefsteller ansinnen, dass er £^- 



132 

acdvai vom Errichten (lardruij liQvsii') eines Alfftrs gosn^ habe, so 
müsste immer noch der Genitiv oi in üv geändert werden. Ich 
habe es daher vorgezogen, durch die leichte Aendcnuig oi i(ftartixu 
dem Wort den sprachlich richtigen Sinn der 'Aufsicht über einen 
Altar' beizulegen. Hinsichtlich der pleonastischen Partikel Verbindung 
V (OQ 077 y die zwar nicht klassisch aber bei einem späten Schriftsteller 

nicht anzutasten ist, genügt die Vorweisung auf Gregor. Corinth. ed. 
Schaefer p. 52. — Z. 6 ist meine Einfügung von ätjEßsiac hinter 
aaeßbOiv zwar nicht unweigerlich geboten, aber da an dieser Stelle 
das Wort so leicht ausfallen konnte und es zur Verstärkung der beab- 
sichtigten Antithese dient, wird man es sich wohl gern gefallen las- 
sen. — Die von Westermann in ihrer Un Verständlichkeit belassene 
Vulgata Z. 8 ai xal n£ni]Qiofiivf}v stCQiyoy oif/w wird mit Sicherheit 
zu dem in der Uebersetzung ausgedrückten Siniif durch blosse Aende- 
rung des Accusativs jisnrjQcofiirtjv in den Nominativ nenr^Qtofikroi gebes- 
sert, da irsTifjQiofiivog sowie das properispomeuirte ji^qoc (s. Hesychios 
u. d. W.) im gut^n Griechisch nicht bloss den allgemeinen Begriff 
der 'Verstümmelung' bezeichnet, sondern ohne weiteren Beisatz spe- 
ciell von dem 'Blinden' gebraucht wird. Es genügt an solche Stellen 
zu erinnern wie Sext. Empir. adv. matheni. 1, 32 fi Tig liyot rbr 
ßkinoi'iu vnh lov nsntjQfOfiirov o6rj)'€Tadai und 10, 175 ol ix ye- 
vETr^ itriooi T^c fdv xoZ xoa/iov xi^TfiEiüq et'iviuy ovx s/ovai xrA. — 
Dagegen ist es bisher nicht gelungen Z« 13 die üeberlieferung Utbc 
6f akrideisTai otc tovto to tvwit'fior ix xf}rj.irotv ytn'umi zu einem 
sicheren Wortlaut zu gestalten, obwohl der bcabsichtij/te Sinn durch 
den Zusammenhang hinlänglich festgeMcllt ist. Wostcrmann hat 
mit nicht eben leichter Aendcrung Sc, rorro r« ktyoittivy statt fug 
TOVTO TD Evcii'Vfior iu den Text gesetzt, hinprg'^n die Vertan»cli»ing 
von nkijOEvsTui mit kuTfiSV£T(u nur in den Noten vorgOKch lagen. ^lir 
schien es einleuchtend, dass tidi'Vfwv aus iitdnfwr rnti^tnndcn und 
^uXfid^svsTui unverdorben ist. Von diesen festen Punkten aus habe 
ich oin brauchbares Satzgefüge zu gewinnen verKucht. — Meine 
Aenderung von Z. lä oi6i *S ^Q/JJ^^ ß<mv i'/a in f^itoxrj bedarf 
wohl keiner weiteren Rechtfertigung. — Z. 32 bleibt bei der von 
Westermann geduldeten Üeberlieferung xara wvnof uturtur xai airi^ 



133 



faitf/uitfifiiu die Veraiilassuug zu dem nachdi'ücklicheii aviwv unklar. 
Sobald man diesen Anstoss empfanden hat, ergiebt sich meine Vertau- 
schung von ainov mit ö äydr und die daraas folgende Aenderuhg der 
Interpunction durch den Zusammenhang wohl von selbst. — Z. 44 hat 
sich Westermann durch die Pariser Handschrift verleiten lassen, den von 
den anderen Quellen dargebotenen Genitiv in exdcrna üvvouci^ nui^ 
itiuq xkioq mit nuiSsia zu vertauschen and dadurch die metaphori- 
sche Wendung zu verdunkeln. Dehn ovi'Oix/&, das eigentliche Wort für 
'antrauen\ zeigt deutlich, dass hier immer noch von der Vermählung 
der femininen Hebe, nicht eines Neutrums likioq,^ mit den durch den 
Ruhm der Geistesbildung hervorragenden Männern geredet wird. Da 
die Göttin in demselben Satze oft genug im Accusativ genannt war, 
so durfte der Briefbteller dem Leser zumuthen, auch zu avr(HKl^ 
diesen Accusativ zu ergänzen. Lassalle (2; 437) freilich , welcher 
ohne Kenntniss von AVestermauns Ausgabe die Stelle citirt, war im 
Stande auch von der richtigen Vulgata nutSslaq xXdog folgende falsche 
Uebersotzüng zu geben: ^so viele Treif liehe erstehen, wohnt einem jeden 
Einzelnen der Ruhm der Wissenschaft bei.' Ein intransitives awai- 
xi^tv machte ihm natürlich nicht viel Kummer. — In der von Wester- 
mami beibehaltenen Vulgata Z. 45 av äi xal d-Quav^ slvai olofisvog 
vermag ich keinen brauchbaren Gedanken zu entdecken. Meine Aen- 
deining von slvai. in sliivm wird wohl dnrch die vorhergehenden 
Worte /<oro^ olda d^eov hinlänglich gewährleistet, — Z. 48 würde 
der Genitiv egya Stt fiuQWQsXv oTa rjUx>v nur in sprachlich anstatt* 
hafter Weise als Objectsgenitiv ^Gottes Schöpfung der Sonne' dem 
Sinn des Satzes sich fugen. Es schien daher gerathen die Nominativ- 
endung zu wählen. 



8. Heraklits Worte iiber die Mysterien und den Dionysoscult. 

(Zu S. 37.) 

Eine ergiebige Stelle des Alexandriners Clemens ist noch nicht 
mit der gebührenden Sorgfalt ausgenutzt worden. Derselbe fährt, 
;nachdem er den auf die eleusinischen Mysterien bezüglichen, anstössi- 



134 

gen IVIythos von der Baubo und Demeter erwähnt bat , folgcnder- 
maassen fort (Protrept 2 p. 18 P.): 

«§£« [xiv ovv iwxTOC TU TiXbOfiura xul nr^bg xal wv fuyakrjTOfioc, 

fidiXkoy dt fiaT{u6(/}()ovog, 'EQ6/^&Bid(oy öi^fiov nQog Se xal tlTiv uXX(oi' 

'EU.rii'wy (d. b. würdig also des nächtlichen Dunkels, in dem sie 

^ begangen werden, und des Höllenfeuers sind die Weihen des von 

5 Homer [Ilias 2, 547] hochherzig genannten, richtiger jedoch leicht- 
sinnig zu nennenden Demos der Erechtheussöhne so wie die Weihen 
der übrigen Hellenen) otlauvag fjLkvsi TBkevcfioavcaq äaau ovie sk- 
7WVTUI. xioi ör /.iayTEV€Tiu^HQ0üek6iiogö^E(fiaiog; wxnndkoigf fiuywg, 
ßdx/^(Hgy Xrrai^y fiv<mtig. wvioig aneiktt xa fisxa &(ivavoVy Tovzoig 
10 fiuvTSverui lo nvQ. m yuQ vo/ai^ofiaru xai^ avdQwnovg ^vat^Qia 
ayi€QW(rn [xvovvuu. vQfiog ovv xal vn6ki]if/ig xsvij xul wv ÖQuxovrog 
TU (ivGTtioiu unuTi] Tig ian xtX. 
Aus dieser ganzen Mittheilung hat Schleiermacber (Fr. 52 S. 500) 
nur die auch sonst mehrfach angeführten Worte Z. 7 /Litva tBkav- 
Ti^aavTug aaau ovds sknovzai als wirklich heraklitische herausgehoben 
und dann noch in Z. 9 , wo von den Bakchen die Rede ist , eine 
allgemeine Beziehung des Clemens auf ein anderes den Dionysoscult 
verweifendes Bruchstück (70 S. 525) anerkannt; den Satz Z. 10 rä 
yuQ vofjii^ofieva . . . fivovirai jedoch hat er als gänzlich unheraklitisch 
nicht einmal ausgeschrieben; sein Citat bricht bei Z. 10 fiuytstiTut 
w nvQ ab. Wie Schlelennacher verHlhrt nicht nur Lassallo (1, 241) 
sondern auch Zeller lässt jenen Satz unberücksichtigt , obwohl in- 
zwischen Gaisford bei Eusebios (Pracp, 2, 3 p. 66 d) , welcher Clo- 
' mens' gesammte Schilderung der Mysterien wörtlich mitthcilt , die 
jouische Form fivsvirai aus Handschriften bestätigt und die Bo« 
merkung hinzugefügt hatte : siispicor tu yuQ . . . (xvsvvuu UeraclUi 
esse- Diese Vermuthuug wird zur Gewissheit , sobald man darauf 
achtet, dass die auf jenen Satz unmittelbar folgenden Worte des Cle*- 
• mens: 'Also sind die Mysterien nur ein Brauch und eine leere 
'Annahme und ein Betrug der Schlange* (yofiog ovv xul inokippig 
xatr Z, 11), einen schlussfolgernden Ruckblick auf tu i*o fii^ofievu 
xu^ ttvI^Qiinovg fivcii^Qiu enthalten , welcher nur dann statthaft ist, 
wenn der die Bezeichnung ivia^ofiaru anwendende Satz nicht von Cle- 



135 



mens selbst herrührt, sondern aus einem anderen Schriftsteller von 
anerkanntem und zu Ausdeutung seiner Worte aufforderndem Ansehen 
citirt war. Ausserdem ist es immöglich, dem Clemens, wenn er aus 
eigenem Munde redet, die alterthümliche Adverbialbildung aitSQwaii 
zuzutrauen ; sie ist sonst bis jetzt nicht nachgewiesen , bewährt sich 
aber als echt jonisch durch das entsprechende Affirmativum tQ(ü<Td, 
welches bei Anakreou (fr. 1 49 Bergk) zu lesen war und von Ilesychios 
durch ihonQanuig umschrieben wird. Der Satz tu vofiJ^OfiBva xar^ av- 
d-Qilmovq fivcfr^gut anQWCd /nvsvrna darf also getrost unter die hera- 
kli tischen Fragmente aufgenommen werden ; und wo möglich noch . 
einleuchtender ist es, dass-wenn Clemens die von ihm aufgeworfene 
Frage zlm di fiuvttvefai ^H^didsimg 6 'Rpimog mit der Aufzählung 
Z. 8 wxn7i6Xoigy fidyoig, ßwc/wg, ktjyaig (= Bakchantipnen, s. Welcker, 
Götterlehre 3, 143), fivamig beantwortet, diese Anhänger geheimer 
und orgiastischer Culte in dem heraklitischen Werke namentlich er- 
wähnt waren , also eine vollständige Sammlung der Bruchstücke sie 
ebenfalls zu verzeichnen hat. — Der Angriff Heraklits auf die Myste- 
rien erhält ein erhöhtes Interesse durch die von Strabo (14, 633) 
bezeugte Thatsache , dass das ephesische Königsgeschlecht , welchem 
Heraklit angehörte (s. oben S. 14) , la tsQa njfe ^Ek^javiag J^fiijtQog 
als eigenthümlichen Familiencult beging. 



9. Die Gottgleichlieit des stoischeu Weiseii. 

(Zu S. '39.) 

Die vorsichtig nur Göttlichkeit, nicht Gottgleichheit dem Weisen 
beilegende Fassung des fraglichen Dogma's findet sich in dem Abriss 
des stoischen Systems bei Diogenes Laertius 7, 110: d^swvg zc slyai 
TOü^ üofpovq [tpaaiv oi arcoixoiy f/«v yäg h eavxoig oloval &e6v. Aber 
schon Chrysip2)os war kühn genug, die Seligkeit des Weisen der Selig- 
keit des Zeus gleichzusetzen, Mne Plutarch (com* notiL c. 33) und 
Stobäus (ecL eOiic. 6, 6 p. 198 Heer.: o XQvamnog <pijoi .... fojih 
(UQBJXüviQuv bIv(u fii^iB KoXXiw f.i7iTS os^voiigav liiv xov Jiog BÜutfioviav 
. T^ x&v aoqmv avÖQmv) übereinstimmend berichten. Bei den späteren 



136 

Stoikern wird dicsje Uütcrschiedlosigkeit zwisclieii einem "Weisen und 
einem Gott in immer ungemesseneren Ausdrücken hervorgehoben. Ein 
und derselbe Brief des Seneca (31) redet den Weisen als einen Ge- 
nossen der Götter an , der sich vor ihnen nicht zu beugen brauche 
(incipis deornm socius esse uon supplex § 9) und erklärt den 'tugend- 
^ haften guten und grossen Geist' des Weisen mit dürren Worten für 

'einen ßeischgewordenen Gott (deum in corpore humano hospUaniem 
§ 11)\* Eine nicht geringe Anzahl gleich starker Stellen aus Seneca 
und Epiktet hat Justus Lipsius im 14. Abschnitt des 3. Buchs seiner 
mantuluciio ad Stoicam philosopJtiam vereinigt und die verfängliche 
Sammlung zum Schutz seiner eigenen Rechtgläubigkeit mit verwah- 
renden Vor- und Nachreden begleitet. Zur Ergänzung von Lipsius* 
Zusammenstellungen sei hier an einigen Beispielen die Verbreitung 
gezeigt, welche während der ersten Jahrhundei'te des Christenthums 
jenes heraklitisch-stoische Dogma auch ausserhalb des engeren stoi- 
schen Kreises gefunden hatte. Nach seiner ethischen Seite gewendet 
erscheint dasselbe in zwei hell beleuchteten Stellen der philostrati- 
schen Lebensbeschreibung des Apollonios. In dem Gespräch mit Jar- 
chas, dem Haupt der Bramauen , fragt ihn Apollonios , wofür sich 
diese indischen Weisen halten; die Antwort li^utet: 'für Götter, denn 
wir sind gute Menschen* (3, 18 ndktv ovt* iJ^srOy rivaq avvovg ^/oii^TO, 
6 df '^äolg* elnsvy ansQOfiivov 6a avrovy dUk xiy ^m^ sifufi, ayuOoi iiJiuy 
ay^Q(onoi% Damit der gewichtige Satz sich dem Gedächtniss des Le- 
sers recht fest einpräge, kündigt Philostratos an, dass er von demsel- 
ben weiteren Gebrauch bei einem bedeutsamen Lebcnsereigniss des 
Apollonios machen werde: toüio irri V/rroX^wr/w looavxifi idozf-r einuf 
davaiug slvui /luotov , (ug tlneXv uvto xfü nQ% ^fquenarby vcmgoy iv 
Toig V7T€Q eavTou Xoyoig, In der That lässt nun auch Philostratos 

m 

(8, 5) den Kaiser dem Apollonios die Frage vorlegen: toC /«?*'' o' 
XrOfHimoi daov G€ orofidCovaiv ; Apollonios antwortet: on nag äi'd-Qiünoqy 
iyadhg ivfa^ofistvg^ ^ov imoi'Vf^ila tifianuy und um zu verhüten, dass 
der etwas gedämpfte Ton dieser Antwort über ihre wahre Meinung 
täusche) fügt Philostratos die Verweisung auf das Gespräch mit dem 
Inder hinzu: i X6*^*og ovzog bnoOhv ftfiXonwfr^Ofi nZ urS*ti\ 6h6r;h»txu iV 
Trug 'hSfZy 'Jr;mg. — Ein /«itj^^^noj-«« des Phil'»*iraloH, d«T G«^chi*ht- 



I^cdh 



137 



Schreiber Dio ("assiu», kehrt mehr die physiologische Seite des Dog- 
ina^s hervor und liefert eine der lucianischen (s. oben S. 39) sich an- 
nähernde Umschreibung des heraklitischeu Sabses in einer bruchstücks- 
weise erhaltenen Rede, die er den Marcus Curtius vor dessen llinab- 
springeu in den Abgrund halten lässt zur Begründung der Ansicht, 
dass der Orakelspruch , welclier Opferung des besten Besitzes der 
liömer fordere, auf ein Menschenopfer zu beziehen sei. Nachdem der 
Vorrang dos Menschen vor den übrigen Geschöpfen mit den herkömm- 
lichen Gemeinplätzen geschildei't worden, erhebt sich die Rede zu der 
als ^kühn* entschuldigten Behauptung : si ist d? n xal dQacfwofjtai'Ov 
tnihh'y otV uvd'Qionag ovdev äXko iodv ^ ^ioq fnofia ^ii^ioi' h/ati', ovts 
&6bg oaXo n ^ ävd'Qionog aöcifiuxog xal diu Totfio xul addyamg (fragm, 
lib. 1—36 c. 30, 3 vol. 1 p. 40 Dindorf = ^Zonaras vol. 2 p. 92 
Bonner Ausg.) — In einer ähnlichen Verhen-lichung der Menschennatur 
und gleichfalls das Bewusstsein seiner 'Kühnheit^ bekundend, sagt der 
Verfasser der Gespräche des Hermes und Tat (bei Stobäus eclog. phys, 
30, 8 p. 769 Heer.) : xokfirixiov Biimv xov fiev ävS-QUiitov iniyeiov slvai 
dyjjvbv dsovy tikP (T ivovgdiiov ^bv a&dvuTOv ävdQUinov» 



10. Herakles in Ephesos. 

(Zu S. 45.) 

Ephesische Münzen mit dem Bilde des Herakles aus späterer 
Zeit vei*zeichnet Guhl, Epliesiaca p. 130. Eine silberne voralexan- 
drinische Bundesmüiize mit dem schlangenwürgenden Herakles, welche 
Ephesos in Folge einer Münzeinigung mit Rhodos, Samos und Knidos 
schlug, bespricht Johannes Brandis ' (Münzwesen in Vorderasien 262, 
456). — Keinen Gebrauch habe ich von dem angeblichen Mythos 
' gemacht, der in vielen mythologischen Werken, unter anderen auch 
in Welcker's Götterlehre 2, 775, erwähnt wird und dahin lautet, He- 
rakles habe auf einem Hügel neben Ephesos die Geburt der Artemis 
als Herold ausgerufen. Dies soll im grossen Etymologikon stehen, 
und allerdings bieten dessen frühere' Ausgaben u. d. W. KrjQvxsiov 
folgendes : saa ie xul Krfqvxhiov Svo/xu k6(pov uJV ^Efpicov, iv m uvr^" 



■ow« 



138 



i)ii' ^HQuxk^g xani ßmiktpir ntv Sciav xul fy.fJQvciB Trjr ykvvrpiv tt^ 
y/ou/iuSog. Jedoch die Gaisford'sclie Ausgabe hat nach den besten 
Handschriften 'J^fi^g im Text, und 'HQoxkijg als Variante nur des 
Vossianns. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass überall, wo es 
sich um Heroldsdienste eines Gottes handelt, Hermes den Vorzug vor 
Herakles verdient. Für Carl Otfried Müller (Dorier 1,393 der zwei- 
ten Ausg.) war das hier dem 'Herakles' übertragene Geschäft so be- 
fremdlich, dass er, weil zu seiner Zeit noch kein Verdacht gegen die 
Tüchtigkeit der Lesart vorlag, zu dem Auskunftsraittol griff, dass 
'man unter diesem Herakles sich einen in Ephesbs einheimischen Dä- 
'moil, vielleicht einen der idäischen Daktylen, zu denken habe.* Was 
zu Müllers Zeiten verzeihlich war, hätte j(3doch nicht im Jahr 1866 
in der neuen Bearbeitung der Pauly^sehen Realencyclopädie (1,1810) 
ohne Rücksicht auf das inzwischen durch die Gaisford'sche Ausgabe 
veränderte Sachverhältniss wiederholt werden dürfen. 

Nachträglich sei zu S. 28 meines Textes bemerkt, dass das 
Bestehen einer ansehnlichen Christengemeinde zu Ephesos im ersten 
Jahrhundert durch Apostelgesch. 19 und 20, 17 fif. auch fiir diejeni- 
gen ausser Zweifel gesetzt wird, welche bestreiten, dass das fragliche 
neutestamentliche Sendschreiben an die Ephesier gei'ichtet sei. 



11. Ueraklits Worte über llesiodos uud die Aerzte. 

(Zu S. 47 uud S. 67.) 

Meine Erklärung des von 11 ippoly tos aufbewahrten heraklitischcn 
Bruchstücks über Hcsiodos stimmt mit der Zeller^schcn nicht überein, 
hauptsächlich weil ich ein Satzglied, we\phes Zeller für heraklitisch 
hält, glaube dem Hippolytos zuweisen zu müssen. Eine vollstän- 
dige Mittheilung der in Frage kommenden hippolytischen Stelle ist 
für die Deutlichkeit des Beweisverfahrcns unentbehrlich und zur Ab- 
kürzung desselben sei es gestattet, nach meinem früher (Rh. Mus. 
0, 244) ohne Angabc der Gründe jccmachten und in dir j^ottinf^ifch« n 
Ausgabe de« HipjiolytoÄ befolgten Vor«<hl;»j^€% tfirirh «liircU t|i#i Ir.ti-f 



139 



punction und verscbiedeuen Druck die Lcraklitischea Worte von den 
liippolytisclien zu sondern. 

Um das noctianische Dogma, welches die Unterschiede zwischen 
den Personen der Trinitüt verwischt, als horaklitisch zu erweisen, 
.zählt Ilippolytos zuerst in selbstgewählter Wortfassung einige Paare 
von Gegensätzen auf, die Heraklit für identisch erkläre, und liefert 
dann für jedes Paar den Beleg durch wörtliche Anführung einer he- 
raklitischen Stelle, 9, 10 p. 444, 94: 

TwyoiQovy oiii OHowg ovie (foky aus * noyrjQOv ovSa äyadiv ezsQov 
(fjjaiv slvai 'HQCotXBiiogf äXXa ev xal rb uvro. imvfia yovv ^Hai6d(0y 
on fif.UQav xal itxrjc oldsv * ^uiQa yoQ, (firfiivy xal rvi icnv €Vy 
kiyiov wdi mog' iiddaxuXog di.nkeiauov *H(slodoq' tovtov 
5 inlaxarrai nkeiara BÜivaiy Sang t/niQtjv xal siffpQovrjr 
ovx iyivioüxev eari yäg Sv. Kai ayadhv xal xaxov oi 
yovv laTQol, (pfjoiv o^ffQaxXeiTog, riiAVovxEgy xalovTsg, ndvrij 
ßaaavi^ovxsgxaxdig rovg aQQioaxovvxag inatxiovxai fiij^ 
iiv a^iot /iiicfOiuv (so statt inacxKoyxai firfih Sfyov fiiadiui* der 
10 Handschrift) Xa^ifidvsiv naQa tiov aQQiuaxovvrwVy ratfru 
€Qya^6fÄ€voi xä ayad-d xal ra^ viaovg. 
Zeller (Philos. d. Gr. 1 S. 456) verbindet nun aufs Engste 
Z. 6 £(m yoQ %v xal cc^'a^ov xal xaxov als Einen und zwar herakli- 
tischen Satz, der gegen Hesiods Unterscheidung von Glücks- und 
Unglückstagen* am Schluss der Werke und Tage gerichtet sei. Aber 
wenn das Satzglied xul dyaSov xal xax6v dem Heraklit gehörte, so 
würden ja heraklitische Sätze von Z. 4 öiSdaxaXog bis Z. 11 voomtg 
vorliegen, ohne durch hippolytische Zwischenreden unterbrochen zu 
werden, und es liesse sich dann kein^Anlass absehen zu den Worten 
(/iTjotv b ^HQuxksixog Z. 7, deren Zweck ja nur sein kann, ein neues 
heraklitisches Citat eben gegen solche Zwischenreden abzugi*enzen. 
Ich lege daher das Satzglied xul dya&oy xal xaxov (aus Z. 6 ist i(mv 
fv zu suppliren) dem Hippolytos bei, der zum Behuf deutlicherer Ein- 
führung der heraklitischen Beweisstelle ihr das Paar einheitlicher Ge- 
gensätze, auf welches sie sich bezieht^ vorausschickt und zugleich das 

* 

Z. 1 Gesagte oiSe novjjQ 6v ovii aya&bv exFQoy (pipiv elvcu .... 
dXXu I V wieder aufnimmt. Der synonymische Wechsel zwischen ;ro* 



140 



iTfoor und x»xor kann in Hippolytos* Worten eben so wenig aulTalleu 
wie der ühnliclie zwischen <Dcon>c, ffotg Z. 1 und rjatQu xul rii Z. 3. 
— Jedoch auch abgesehen von dem strittigen Satzglied, wollen die 
unzweifelhaft herakli tischen Thöile des Bruchstücks sich nicht der 
Zeller'schen Erklärung fügen, welche den Tadel auf Ilesiodos^ Tuge- 
wählerei bezieht. Denn was sollte alsdann Heraklit bewogen haben, 
auch die 'Nacht (ivr/tQorfjy zu erwähnen, welche ja als eine ohnehin 
zur Arbeit untaugliche Zeit weder in den hesiodischen noch in den 
späteren astrologischen Vorschriften besonders ' berücksichtigt wird. 
Allerdings muss Heraklit ii*gendwo den He&iodos wegen seiner Ka- 
lenderregeln getadelt haben ; Plutarch (Vit. Camilli c. 19) benchtet dies 
unzweideutig und Seneca (ep. 12, 7 vgl. Heracliica p. 12) liefert 
sogar eine wörtliche Uebersetzong der bezüglichen herakliti sehen 
Stelle. Allein der Bericht wie das Citat lassen durch den Contrast 
nur um so klarer die Unmöglichkeit hei*vortreten, auch das bei Hip- 
polytos vorliegende Fragment in demselben Sinne zu deuten. Plutarch 
nämlich sagt, Heraklit habe den Hesiodos wegen seiner Unterscheidung 
guter und böser Tage gescholten, weil er nicht gewusst, 'doss das 
Wesen jedes Tages dasselbe sei ('HQdxlsiwq ininXfj^v ^HoioSw rüg 
fiiv [ftittQug] uyad^äg noiovfibtfo mg ii rpavXw;^ utg ayvoovvn rpvaiv 
^ ftiQug anuGTig fiiay ovaav.),^ Und der heraklitische Text, den 
Seneca nebst den verschiedenen stoischen Erläuteiningen mittheilt, 
lautet: * Ein Tag gleicht jedem (unus dies par omni est)\ Man sieht, 
beidemal wird die Gleichheit der Tage unter einander hervorgehoben, 
wie es der Tagewählerei gegenüber geschehen muss. Das hei Hippo- 
lytos aufbewahrte PVagment hingegen redet von dem Verhältnias des 
Tages zur Nacht und kann daher nur auf die oben S. 47 angegebe- 
nen Verse der Theogonie bezogen werden, welche die gewöhnliche, 
keinen gi'össeren Unterschied als den zwischen Tag und Nacht ken- 
nende Vorstellung in ein mythologisches Gewand kleiden. Der innere 
Zusammenhang der hier behandelten herakli tischen Aeusserung über 
die Einheit von Tag und Nacht mit dorn oben S. 125. erwähnten 
Bruchstück 6 d^abg fiui^ eitp^ov^ xtk. dningt sich dem mitforschenden 
Leser von selbst auf. — Der in der Göttinger Ausgabe gemachte 
Vorschlag, Z. 3 ovk olStv zu schreiben statt oZd^r, wird entbehrlich 



141 



durch die Annahme , welche Hippolytos' sonstiger Stil wohl erlaubt-, 
dass fif.ibQUi' Kai vücru ol5tv bedeutet : ^er weiss von Tag und Nacht* 
nämlich als von verschiedenen Wesenheiten. 

In dem Bruchstück über die Aerzte Z. 7 — 11 meinte Zeller 
S. 456 die Lesart der Handschrift inainuivnu (Ätjßir Smv faa^wv Xaii- 
ßdyeiv übersetzen zu dürfen : 'sie behaupten , nicht hoch genug be- 
lohnt zu werden/ Wie dies aus dem griechischen Wortlaut heraus- 
zulesen sei, ist mir so wenig klar geworden wie den Göttinger Heraus- 
gebern, welche zwar den von Zeller lyigenommenen Sinn in ihrer 
lateinischen Uebersetzung ausdrücken, aber nun auch fiuj&iotr zu fH4jdiv 
ändern. Mir schien gerade der alterthümliche Plural /taa^Sr unantast- 
bar, der ja auch in den Versen des Theognis über die Asklepiaden 
vorkommt (434 Bergk : voAXovq ou' fiiaOo vg xalfiByakovc ei^iCQOp) ; ans 
dorn Genitiv fuoS'wVy den ich von a^oi (statt u^iov) abhängen lasse, muss 
der zu kafißdi'eir erforderliche Accusativ entnommen werden, und die 
Aenderung von inutnannau in imuTboitui ergiebt dann den Sinn, dass 
die Aerzte 'noch obendrein Lohn für ihr Schneiden und Brennen vor« 
langen^ ähnlich wie Sokrates beiXenophon, 'Memof\ 1,2, 54 sagt: toiq 
lacQoXq naQt/ovai fieru noitov is xra äkpjionuy xul unorifiv€»v xai anoxaltiv 
[roic; rvh)vc\ xat wvtov /d^tv olovtai isiy uxrcou; xui fua&by tIvhv, — 
Schliesslich bleibt noch die Frage zu erledigen, wie aus diesen Worten 
!!( raklits über die Aerzte Hippolytos folgern konnte, dass nach Ileraklit 

ff 

gut und schlimm (ayad^ov xat xaxor Z. 6) dasselbe sei. Aus dem 
Bestreben eine Antwoi*t zu finden scheint Sauppe*8, in der Göttinger 
Ausgabe mitgetheilte, Conjectur nxüra fQyu^Sfieroi myudä xai m xuxä 
Tuq voaovg entsprungen zu sein ; im Einzelnen ist sie mir jedoch, da 
ihr weder eine Uebersetzung noch eine Erklärung beigefügt ist, nicht 
deutlich geworden. Ich glaube, Hippolytos hat nur in den Worten 
Tuvra eQyu^ofiBvot xa dyaSa das, wie das Lateinische cgreffia, ironisch 
gebrauchte ayudd buchstäblich verstanden und nun geschlossen: He- 
raklit nennt Schneiden und Brennen, die doch schlimme Dinge sind, 
gut; also ist nach Heraklit Gut und Schlimm dasselbe. Dass Hippo- 
lytos .einer so kindischen Consequenzmacherei durchaus ftihig ist, zeigt 
die Art, wie er bald darauf die Lehre vom jüngsten Gericht aus einer 
anderen heraklitischen Stelle lierausklaubt, p. 446, 22: Xiyei ös [7/jpu- 



4 

1 



142 



xkfiTog] Xfd roi; xiofi.ov Xf}lGiv xal ndi^nov nov rv rxino iiu nvQbg yl- 
not^ui Xiyoiv ovTUig ' tu de ndvxu oiaxii^Bi xsQavrog' xovTtaii xux- 
evdii'H ' xkQavrov tt> itvQ Ktyon* tu alwnov. In seiner, wahrschein- 
lich stoischen, Vorlage fand demnach Hippolytos das poetische, von 
lluraklit gehrauchte Wort oifixiui mit der richtigen Erläuterung xeir- 
avt/vm versehen ; denn Ileraklit will allerdings sagen : 'der Feuer- 
strahl stenert, d.h. lenkt und regiert, das All.' Weil nun aber eif- 
O^vvHi' auch' 'strafen' bedeutet, so missversteht Hippolytos den Satz, 
als besage er: 'der Feuerstrahl straft Alles\ und bezieht ihn auf die 
der Welt im jüngsten Gericht bevorstehende Strafe. — Von Werth 
fiir uns wird das thörichte Schluss verfahren, zu welchem Hippolytos 
in Betreff der Einheit dos Guten und Bösen seine Zuflucht nimmt, in- 
sofern als es zeigt , dass eine direkte Behauptung solcher Art in 
dem heraklitischen Werk nicht aufzuspüren war — ein nicht unwich- 
tiges negatives Ergebni&s, welches zu dem Ton der 1)ezüglichen aristo- 
telischen Aensserungen stimmt ; man findet dieselben in übersichtlicher 
Ordnung bei Zeller S. 464. 



12. Kritisches und Sprachliclies zum fünften und sechsten 

Brief. 

(Zu S. 53.) 

In dem fünften Briefe rausste, abgesehen von geringfügigen Aen- 
derungen (Z. 2 (Sc j'f statt fSare, Z. 24 ivaui statt j'oöto, Z. 28 revQOig 
statt xal nvfjmg)^ zwei tiefer verderbten Stollen, bei denen Westermann 
stillschweigend oder ausdrücklich auf Besserungsversuche verachtet hat, 
durch eingreifendere Mittel aufgeholfen werden. Stillschweigend hat 
Westonnann Z. 3 die Vulgata inso^ioki^ Trvtvfinm; irrTytt; ij rvv ifti 
vytta voaot; beibehalten, obwohl es kaum einer genaueren Betrachtung 
bedarf um zu erkennen , dass hinter m'tyog eine durch Tlie häufige 
Wiederkehr von vnsf^ßoXi^ veranlasste Lücke vorliegt ; ihre von mir 
vorgeschlagene Ergänzung: iniftfiokii itnvfiuco^ 7inyog,[v7i6<}{iok7iiyQov] 
il vvv iftt vyQa tvoog schien durch den Gedanken wie durch die ent- 
sprechende Fassung der übrigen Satzglieder gesichert. — Die zer- 



143 



rüttet überlieferte Stelle Z. 6 f. ist bei Westermann noch durch ein 
Setzerversehen geschädigt worden. In seinem Text steht: ov yoQ si- 
xa$5t ry 7iQ(inj äre/viu lo w«^' ccvn/v äXXa ftifKnffiei'Oi vi av&Q(fiJToi 
imairjfiug xui ayvoiaq ixdXsaar, und die Anmerkung dazu lautet: qwte 
tarn sequuntury praelerquam quod oüm. dedipro äXka, iniacta reliqui; 
ef.^i cnim singulis vocabulis fieri potest medkina , totfts tarnen locus 
quo modo rcstituetidus sU nondum mihi liquct. Da demnach der 
Setzer in Bezug auf aXXa ungehorsam gewesen ist, so muss man wohl 
annehmen, dass die zwei Wörter uXXa votBQOVy welche in allen übri- 
gen Ausgaben vor uikXu fufioviievoi sich finden und über welche 
Westennann, wenn er sie hätte streichen wollen, sicherlich etwas an- 
gemerkt hätte, ebenfalls nur durch die Schuld des Setzers in Folge 
des llomöoteleuton ausgefallen sind; dass sie in der Heidelberger 
Handschrift stehen, bezeugt Prof. Kayser. Mit ihrer Hilfe ward, nach 
Einfügung von oAAof vor uXka fiifioifievoi und Aenderung von t6 zu 
Tx, dei* hl der Uebersetzung ausgedrückte Gedanke gewoimen. Ferner 
habe ich mich in der augenscheinlich den Abschreibern unverständ- 
lichen und daher von ihnen misshandelten Stelle nicht gescheut, 
nun auch noch xa/ vor ayvoioL^ in ni^ zu ändern, damit die herakli- 
tische Ansicht, mit welcher der Briefsteller sich einmal vertraut ge- 
zeigt hat, schärfer herVbi'trete. — Das von Westermann aus der Pa- 
riser Handschrift in den Text gesetzte Femininum uvzdg Z. 5, welches 
auf vnsgßoXdg bezogen werden müsste, verdient nicht den Vorzug vor 
dem Neutrum der Vulgata avtri, welches auf ooa, also auf die Ele- 
mente, zurückweist. Denn oQfto^ passt weniger für die 'Ausgleichung* 
des schon eingetretenen ^Uebermaasses\ welche später zweimal Z. 10 
und 57 durch inavioovv bezeichnet ist, als für das Erhalten der 'Ele- 
mente* in dem gosetzmässigen Gleichgewicht. — Schwerlieh wird Je- 
mand Westermann darin beistimmen, dass er Z. 27 die Vulgata if/v/fi 
. . . . TisQicßdXsTO ^iyv awfia zB&yeiog, wohl nur aus unberechtigtem 
Scrupel über das doppelte Epitheton , vermuthungsweise zu nsQisßur 
Xsw skvTQoy ouifxa xsS'vsioq geändert hat. Denn ^kor^ welches auch 
im gewöhnlichen Griechisch ganz so wie das lateinische fiuxtim zur 
Bezeichnung der Vergänglichkeit dient , ist überall wo es sich um 
Heraklit handelt, der den Satz von ewigen 'Flusse' der Dinge auf- 



144 



stellte und deBsen Anhänger , weil sie mit dem Worte q€iv um sich 
werfen, Platon als die fiiessenden {ol ^iovitq Theaet. 1 8 1 a) verspot- 
tet, schon wegen seines terminologischen Charakters unantasthar. Ich 
Imbe also die in der Hauptsache untadlige Vulgata nur in einem 
Nebenjinncte verlassen, indem ich aus der Lesart der Pariser Hand- 
pchrift ^bov w aofta das verachtende n entnahm. — Z. 29 wird man 
sich die Verdeutlichung des Gedankens durch xanooqJ^w statt iao- 
ry/Ciio geni gefallen lassen. — Die Bedeutung von vndfjui^or hat 
mit Rücksicht auf Z. 14 Hemsterhuys zu Lucians Timon c. 4 er- 
Iäutei*t. 

In dem sechsten Briefe mussten zunächst einige von Westermann 
nnr in seinen Anmerkungen vorgeschlagene Verbesserungen den ihnen 
gebührenden Platz im Text erhalten: Z. 40 tdv yi ft£ statt iär it ftB 
der Pariser Handschrift nnd 6ur fie der Vulgata; Z. 50 eiuXiauQai 
statt eiftv/tan^fu ; Z. 63 nKurvuv statt nXritnov. Dagegen scheint Wester- 
manns Vennuthung xarakunnai Z. 60 unnöthig , da das überlieferte 
uvaKaiiTiH, obwohl dessen intransitiver Gebrauch der gewöhnliche ist, 
doch von dem ßnefsteller, eben nach Analogie von xuTuXufiTisif trans- 
itiv angewendet sein kann/ — Die Ünstatthaftigkeit von Wester- 
mans anderer Vermnthung dioxml statt des überlieferten didicsi Z. 60 
ist wohl durch meine Uebersetzung genugsam dargethan. — Auch 
Z. 38 konnte ich Westermann in seiner Bevorzugung des die anti- 
thetische Sät-zbildung störenden Dativs aviotg der Pariser Handschrift 
vor dem Genitiv avnoi' der Vulgata nicht fdlgen; und indem Wester- 
mann das von der Vulgata und der Heidelberger Handschrift darge- 
botene xdno&sr Z. 66 mit en(jdtr der Pariser Handschrift vertauscht, 
venvischt er abeimals einen heraklitischen Terminus (s. oben S. 54). 
— Z. 47 schien .mir die von dem Gedanken geforderte Steigerung 
den Comparativ uio/jov statt alo/Qor zu empfehlen. — Z. 60 hat 
Westermann das unbrauchbare Xr^pdirta unberührt gelassen. Das 
' von mir vorgeschlagene SiaXr^pOtrra wäre in dem Sinne von *zerthei- 
len' 2U fassen, der. durch solche Stellen wie Herodot 1,202 rbv rvj«- 
öt]v slg ditoQv/ac .... dibkaßs gewährleistet ist. — Z. 62 nahm ich 
Anstand, statt des verderbten o^ai/^ das von Westermann vorge- 
schlagene nnd freilich dem Sinne nach einfache aio^o&»^ in den Text 



145 



zu setzen, weil die Aenderung diplomatisch ollza kühn und der An- 
läse zur Verderhung auf diesem Wege nicht aufgeklärt schien. Das 
von mir gewählte oQaBsvjg konnte in seiner allgemeinen Bedeutung von 
^sinnlicher Kegung* eher den Ahschreibem undeutlich und daher von 
ihnen mit einem beliebigen anderen Wort vertauscht worden sein. — 
Zu kurzer Bewälu*ung der oben S. ß über Lassalle^s Verfahren ge- 
machten Bemerkungen sei erwähnt, dass derselbe (2, 232) die Vul- 
gata Z. 62 oipsioq is umnlfiTiXtjai zu ara/a^ra als fehlei*frei hin- 
nimmt und im Stande ist, sie folgendermaassen zu übersetzen: 'er 
erfällt mit Sichtbarkeit das Un8ichtbare\ Ferner reicht seine 
Kenntniss des Griechischen nicht so weit , um icd^ysiv in der Be- 
deutung 'krank sein* -zu verstehen. Die Worte Z 67 Tuvra xtk^- 
vovTw; xoofxiw &SQan(ia, wo diese Bedeutung von dem Zusammenhang 
gefordert wird, übei'setzt er: 'dies ist des sich mühenden Weltalls 
Heilung.* Bei den schwierigen Worten Z. 60 xarsi^yei tu Xrf(f^kvtu 
hat er sich durch Auslassung des ganzen Satztheils aus der Verlegen- 
heit gezogen. — Meine Aendeining uQiio^oy statt o^jitoCofurog Z. 63 
bedarf wohl keiner weiteren Rechtfertigung. — Eine der heraklitischen 
ähnliche, von neueren Aerzten versuchte Behandlung des Hydrops ist 
besprochen und die einschlägige medicinische Litteratur verzeichnet in 
einer Bonner Doctordissertation aus dem Jahre 1868 von Friedrich 
Flues: 'Ueber Hydi*ops und seine Behandlung durch warme Büder 
und Schwitzkuren.* 



13. Heraklitisches in den hippokratisclien Schriften. 

(Zu S. 60.) 

Nächst dem ersten Buch über die Diät, das in den Heraclitea 
besprochen ist, verhelsst die Schrift 'über die Ernährung* (n€{)t Tqü- 
y%, de alimenio vol. 9 p. 99 — 121 Littre) unter allen hippokrati- 
schen am sichersten eine reichliche heraklitischc Ausbeute. Der Be- 
weis, dass ihr Sätze Heraklits wörtlich eingewoben sind, kann seit 
der Entdeckung des Hippolytos noch viel seh legender geführt wer- 
den, als dies schon zu J. M. Gesners (comm, socieL GoUing. vol. 1 

10 



146 



a. 1751 p. 72) Zeiten möglich war, dessen Bemerkungen Schleier- 
macher S. 383 Fr. 28 wiedergiebt. Denn der in jenem hippokratischen 
Buch § 45 (p. 116 Littre) vorliegende Satz 66bg urw xdno furjy wel- 
chen früher nur eine lateinische Uebersetznng TertuUians (adv. Mar' 
cian 2^ J28 : ait Ileraclitus üle tenebrosus, eadem via sursum ei dear- 
siunj als heraklitisch erkemien liess, wird als solcher wörtlich und 
vervollständigt angeführt bei Hippolytos 9, 10 p. 446, 10: odog uno 
xdna fii}] xai^ wvji^. Auf diese Thatsache gestützt, wird man getrost 
Sätze jener hippokratischen Schrift, welche zugleich durch ihren Ge- 
danken und durch ihren antithetischen Ausdruck an Heraklit er- 
innern , auch als entlehnt aus dessen Werk ansehen dürfen. Dahin 
gehört zunächst, wie schon Gesner und Schleiermacher bemerkt haben, 
der Spruch in § 40 p. 112 Littre: to %v^i(fMvov didtpioi^oVy w did(f<o^ 
1*0)' ci^//f/'4rj)'oi' /das Zusammenklingende klingt ' auseinander, das Aus- 
einanderklingende klingt zusammen*, d. h. die Harmonie kommt nur 
durch Gegensätze zu Stande; vgl. PV. 37 p. 432 Seh. owaSov xal 
diadov und Ileraclitea p. 27. Ich füge vorläufig nur noch folgende 
Sprüche hinzu, welche sich mit bereits entdeckten heraklitischen 
Bruchstücken nahe berühren, § 9 p. 102 Littr^ : uQ/r de ndvwiv fiui xtd 
TsXevrij ndittov futi xut y uiiii isXsvz^ Hol a^/^, *der Anfang aller 
Dinge' ist Einer und das Ende aller Dinge ist Eines, und Anfang und 
Ende ist dasselbe.' Mit diesem Satz, der bei Heraklit wohl in einer 
Auseinandersetzung über das Urfeuer vorkam, verknüpft sich von 
selbst das von Porphyrios (in Schol. Iliad. 14, 200, vgl. Ileraclitea 
p. 27) aufbewahrte Bruchstück: ^t;roi' oq/Jj xal ntQog inl xvxXov jis- 
Qiff^Qilug xavu xhv ^HQdxXfiwv. Der Kreis, in dem 'Anfang und Ende 
zusammenfallen \ diente eben zur Veranschaulichnng der ^Einheit von 
Anfang und Ende (?; «iW/ xBkBviri xal i^x/l)*^ — Ferner findet sich 
in nächster Nähe des vielgerühmten Spruches, welcher die gegensei- 
tige Abhängigkeit aller Dinge aus dem Zusammenfliessen und Zusam- 
menweben aller Kräfte ableitet ^i^ota fiiuy l^vftmvta fticiy %vfindd$a 
ndvxa) folgender, zur Erläuterung desselben bestimmter Satz § 24 
p. 106 Littr^: i^y^i jueyahi ilg ec/umi* fiigog wpixvhrai' ^ ic/axw) 
iiiQ€og ig aQxrjv fieydXtjy arpixristtti' fiii] ipicig elvui xal fir^ elvta. Da 
wfixvlerai an der zweiten Stelle keine Gonstmction zulässt, so darf 



147 

I 

68 wohl beidemal als späterer Zusata zu der nrsprüngliclien , nncli 1 

Heraklits Manier das Yerbum auslassenden Fassung angesehen werden. j 

Der Sinn des Satzes Hesse sich etwa folgendermaassen wiedergeben: 
'die grosse Urkraft erstreckt sich bis in den von ihr entferntesten 
Theil, und von dem entferntesten Theil aus reicht die Verbindung 
zur grossen Urkrafl zurück ; dasselbe Wesen bleibt im Sein und Nicht- 
sein.* In dem letzten physiologischen Satztheil (jutj (pvaig shtu xal 
fiil clvai) , welcher die verborgene Gegenwart des Urfeuers als Da- 
seinsgrundes auch in den von ihm entferntesten Dingen behauptet^ 
liegt wohl einer der Anlässe vor, welche den Ephesier als Leugner 
des logischen Satzes des Widerspruchs erscheinen liessen. Aristoteles 
drückt sich darüber mit berechtigter Vorsicht so aus, Metaphys. 
r 3, 1005b 23: ädin'awv yoQ oynivvv Tuirov vnoXufißdysiy sJyai 
xul fiii eJyui, xadumg tivsg otovra^ Xiyeiv ^H^ootkEiiov. 



14. Kritisches nnd Sprachliclies znm siebenten Brief; 

Abraham Scnltetns. 

(Zu S. 69.) 

Wie überhaupt in den Erzeugnissen der späteren Litteratur kann 
man Uuch in dem vorliegenden Briefe nicht geneigt sein, bei Härten 
der Construction oder bedenklichem Wörtergebrauch, die Schuld von 
dem Verfasser auf die Abschreiber zu wälzen, wenn dies auf einem 
so gewaltsamen Wege geschehen muss, wie ihn Westermann bei ini 
OKrjvuig^ ay(i)vo&€TOVfidvovg drfiovg tu fisydXa ihuua Z. 46 ein- 
geschlagen hat. Er vermuthet aywyi^ofiii'ovg ^Iftovg, ohne sich darüber 
zu äussern, wie nun zu /ncydXa iixcaa zu construiren sei. Meine S. 81 
erläuterte Uebersetzung traut dem Verfasser zu, dass er äywyo^srovytui 
d^fioi lu fuydka iUuia unter Anwendung des sogenannt griechischen 
Accusativs verbunden habe. Doss in der Heidelberger Handschrift 
nicht o)(^)%, sondern oxriyaXg steht, bezeugt Prof. Kayser. — Ebenso 
habe ich mit Z. 38 xstpoXtfi noyovg uTCi]fiBk^mvg keine Aenderung vor- 
nehmen zu dürfen geglaubt, obwohl nach dem deutlichen Zusammen- 
hang die übertriebene Sorgfalt des Kopfputzes getadelt werden soll 



148 



und (inj/LteXi^Tovg sowohl nach seiner Etymologie wie nach dem regel- 
rechten Sprachgebrauch die 'Vernachlässigung^ bedeutet. Aber da in 
solchen Stellen wie Aeschyl. Agam. 865 W. lug ä^ufpi aoi xXdovau kufi- 
TTTfjQov/Jac anjfiekrwvg ultv noch jetzt gangbare Handbücher das Wort 
durch Vereitelt^ wiedergeben, so konnten ähnliche Missverstundnisse 
den Bi*iefsteller zu der Meinung verfuhren, er schreibe recht gewählt, 
wenn er die 'zwecklos auf den Kopfputz verwendeten Mühen* durch 
xeqak^g noyovg äziiueXi^TOvg ausdrückte. Westermanns Vorschlag xo- 
fiag statt norovq zu schreiben, lässt die in änj^cfAijzovg liegende Schwie- 
rigkeit unberührt, und nachdem man sich mit dieser einmal abgefun- 
den hat, kann norovg an sich keinen Anstoss geben. Die vorherge- 
liendeu etwas kahl dastehenden Accusative io&^iu xal yivsia Hessen 
sich zwar leicht in Genitive ändern, so dass der ganze Satztheil fol- 
gende abgerundetere Gestalt bekäme: oq(üv . . . iadrjiog xal ysytiov 
xal xsffoXijg noyovg duj/nskrtovg ; da jedoch der Briefsteller möglicher- 
weise durch solche Unebenheiten sich dem heraklitischen Stil annä- 
hern wollte, 80 unterbleibt wohl die Aenderung besser. — Der instru- 
mentale Gebrauch von fr, wie ihn das späte Vulgärgriechisch kennt, 
findet sich Z. 76 a^ncütE lo dixaioy iy l^ltpsoi. Ihn dadurch fort- 
zuschaffen , dass nach agna^rs interpungirt und td ilxaiov iy %i^ai 
für sich als Ausruf gefasst werde, scheint nicht gerathen, weil das 
£benmaass der Satzglieder darunter leiden würde. — Ebenfalls un- 
nöthig scheint es, Z. 1 7 di;xai6TSQoq yofiodbxt^ ei^jr, nach Westermanns 
Vorschlag, in ötxaionQwg yofiO&BToitiv oder vofxod^sxriaal^riy zu ändei-n, 
da auch bessere Schriftsteller ihren Lesern zumuthen, aus solchen Sub- 
stantiven das für die Construction nöthige Verbum zu entnehmen. 

Nur zu viele andere Stellen jedoch bleiben auch bei dem Zu- 
geständniss der ausgedehntesten stilistischen Freiheiten vollkommen 
unverständlich und erweisen sich daher als verderbt durch die Ab- 
schreiber. Für die sinnlosen Worte der handschriftlichen Ueberliefe- 
rung Z. 36 oyXou; oQad'ii^isg umiTtw rvftnayiaayisg habe ich ifus Wester- 
manns seltsamem Vorschlag fxoiyovg alQBdiymg inl fiiadip wfinayiouy^ 
Tsg d. h. 'Leute, welche ertappte Ehebrecher für Geld durchprügeln', 
keinerlei Nutzen ziehen können. Denn abgesehen davon, dass hier 
schwere Verbrechen aufgezählt werden sollen, eine besoldete Abstra- 



149 



fuug jener Art aber nicht für verbrecherisch gelten kann, so wird 
wohl auch die oben S. 69 dargelegte Beziehung von TVfinurirruvisg 
auf die Kyb^lepriester ohne weitläufigere Beweisführung einleuchten; 
wer Belege bedarf, sei ausser auf die grösseren Lexika etwa noch auf 
Lobeck *s Aglaophamus p. 308 und 652 verwiesen. Nachdem diese Be- 
ziehung erkannt worden , Hess sich durch die Aenderung von 0/X014 
oQa&bi'Vng amoioi in OQKOiq (pcoQudiviBg äniaroi ein wenigstens möglicher 
Sinn gewinnen. — Fast noch tiefer durch die Abschreiber zerrüttet 
und gleichwohl in der Hauptsache mit Sicherheit herzustellen ist Z. 44 
rovq iv (Wt'Seini'oig yivofiimvg duc daxThXiov idsiovag. Westermann be- 
merkt hierzu in theils verzweifelnder theils zur Heiterkeit auffordern- 
der Weise: nXiiomgquid sibi velU nan assequor^ i^izovg vel tdU quid 
senteniia posiulaL Er wollte also dcÄ diccxzvXcür, vermittelst der in 
den Mund geführten Finger, einige ffiiwvg provociren lassen. Dieser 
allzu drastischen Coi^ectur wäre er überhoben gewesen, wenn er sich 
der von Casaubonus zu Athenäos 3 p. 117 e, (anmadvers, 3 c. 31 
p. 226 ed. Lugd. 1621) über unsere Stelle gemachten und oben S. 70 
ausgeführten Bemerkungen erinnert h&tte , nach denen es wohl ein- 
leuchtet , dass die 'Finger {dwivvkoCf hier nichts zu schaffen haben, 
aber wohl die als Unterpfander für den Kostenbeitrag zu dem Ge- 
sellschaftsmahl hinterlegten *Ringe (daxrtAia)\* Auf die Berichtigung 
der Lesart hat Casaubonus sich nicht eingelassen. Das von mir statt 
des verderbten jiksiovaq gewählte noQoiviag schien dem durch den Zu- 
sammenhang geforderten Sinn zu entsprechen , und zieht nur leichte 
Veränderungen in den Ausgängen der nebenstehenden Wörter nach 
sich. -T- Z. 45 habe ich nach Westermanns Vorschlag xdvu) statt mU 
in den Text gesetzt und die dann npthwendig werdende Aenderung 
des Accusativs yaocigag in den Genitiv yaörigog hinzugefügt. — Wie 
Westermann die unverständliche Ueberlieferung Z. 47 wfrasy ii fiQv 
rijv Syjiv uQSTi] /v&^rou wxtBQa novTjQlaq VBrttyfiivrj durch Vertauschung 
von /ydijvai mit kvd^yai oder cvyxvdijvai glaubte bessern zu können, 
ist mir nicht klar geworden. Ich bin davon ausgegangen, dass der 
Verfasser nicht /v9^vtu sondern Sia/vd^yai in dem Sinn von 'aufge- 
heitert werden* geschrieben habe. Dieser Gebrauch des Worts findet 
sich schon bei Piaton (Sympos. 206 d) ; es wird später, wie die besseren 



150 

Lexika uachweisen, besonders in der Verbindung mit nQoCionoy und 
dessen Synonyma zur Bezeichnung einer heiteren Miene angewendet, 
und Au/voig ist sogar der stoische Terminus für Freude (s. Fabricius 
zu Sextus adv. mathem, 9, 166). Hiemach ergiebt sich , dass der 
*^ Satz folgeudermaassen zu construiren : ätf^tfisi Ss aQstii wniga nonf 

Qiag rsniyiniin] ttjv oif/iy fiov iia/v9^v(u und als Frage zu fassen ist. 
— Z. 51 freue ich mich in der Aenderung von uvXoig (s. Hermann 
Staatsalterth. 30, 3) aal fidavi'^i in adkmy'^ mit Rudolph Hercher, 
wie dieser mir brieflich mittheili, zusammengetroffen zu sein. — In 
gleichem Zusammentreffen haben wir beide Z. 4 die Masculina xai oSs 
uuei'nov intt unuO'iauQog statt der überlieferten Neutra Kotl toSs Sfieivoy 
' infi unu&kOTSQOv gewählt. Westennann behielt die Neutra bei und 
änderte xcd r66€ zu xalwi ys^ wonach es ' ungewiss bleibt , ob er die 
hier vorliegende Beziehung auf Aristoteles^ Rhetorik (s. oben S. 79 f.) 
erkannt hat. — Die Vei'kennung der anderen Beziehung auf Aristo- 
teles* Politik (s. oben S. 80) hat Westermann verleitet, statt der voll- 
kommen richtigen Ueberlieferung Z. 29 iydt fiiv ßovkofxou ' xai vofiog 
tlfd akXijjv die Aenderung iyw fiev ßovkoifttiv uv fi6vog alvai ä^Xa 
vollzuschlagen. — Dass weder Z. 79 das überlieferte S/koc mit o/Xm 
noch Z. 86 das überlieferte u fii] nsipvxavB mit xai fiij Tt&pQUuTS zu 
vertauschen sei, wie Westermann gethan hat, wird, nachdem die Inter- 
punction berichtigt worden, wohl durch die deutsche Uebersetzung 
hinlänglich erwiesen. — Dieselbe genügt wohl auch zur Rechtfer- 
tigung meines Verfahrens mit Z. 66 , wo Westormann die unver- 
ständliche Ueberlieferung unberührt gelassen hat. Ich habe das ne- 
ben fiuKkov unmögliche nXkov mit iiov vertauscht, aus dem letzten 
Buchstaben von siri den Artikel 17 zu nuQußaoig entnommen, und, wie 
es die durchgreifende Aenderung der Interpunction verlangte, if vor 
Tbkog hinaufgerückt. — Durch ähnliche Aenderung der Interpunction 
und Einfügung von si vor n glaubte ich dem Schlusssatz Z. 89 auf- 
zuhelfen. — Z. 16 schien mir die Lesart der Heidelberger Handschrift 
^Efpeciwg wegen ihres in der Uebersetzung wiedergegebenen Nach- 
drucks den Vorzug vor der Vulgata *E(p6oloig zu verdienen , welche 
Westermann beibehalten hat. — Dagegen scheint die von diesem vor- 
gezogene Lesart der Pariser Handschrift yvvomjiv Z. 42 minder nach- 



151 



drücklich als die Vulgata hui yvvaixüßv. — Mit Westermann Z. 11 
äais für äg ys zu schreiben und Z. 22 vor wvio das in solchem Falle 
gar nicht regelwidrig (s. zu Gregor. Cor. Att. 6) ausgelassene did 
einzuschieben, sehe ich keinen Grund. — Nachdem ij vor ofiofpvküjv 
Z. 68 eingefügt worden, braucht (^oy nicht, wie Wettermann wollte, 
in aqMyii oder crpuyai geändert zu werden. — Z. 19 ind statt d und 
das vor <Sv Z. 30 auch von Horcher eingefügte d* bedüi'fen wohl kei- 
ner weiteren Erörterungen. 

Schliesslich wird es von Interesse sein, zu erfahren, dass haupt- 
sächlich auf einige Stellen dieses Briefes Abraham Scultetus, Uofpre- 
diger und diplomatisch theologischer Berather des Königs Friedrich 
von Böhmen , seine Meinung stützte ,. der Apostel Paulus habe die 
heraklitischen Briefe nachgeahmt. Dass Scultetus in der oralio de 
philologiae et Hieologiae ceniunctiane , deiiciis evangelicis praemissa 
diess behaupte, hatte J. A. Fabricius in einer von Harless (l, 685) 
mitgetheiltcn Randbemerkung zu dem Handexemplar ^eixier BibHoOkeca 
Graeca erwähnt. Die Einsicht in das selten gewordene Buch ver- 
danke ich der Freundlichkeit des Bibliothekars der Breslauer Stadt- 
bibliothek, Dr. Pfeiffer. Der Titel lautet: Äbrahami ScuUeii Delitiae 
JBvangelicae Pragenses : hoc est ObservcUiones Ghrammaiicae, Htstoricae^ 
Theologicae, In Historiam Jesu Christi nati, educati^ baptizati, ientati. 
Eiusdcm ScüUeti Oratio De Coniungenda Fhilologia cum Theologia^ 
Delitiis praemissa, HanoviaCj T^pis WecJielianiSj apud Danielem et 
Davidem Aubrios et dementem ScMeicJUum* Anno M . DC . XX. Ein 
Blatt Dedication ArÜMro Lakesio Episcopo Bathonto-WäUensi [Bath 
and Wells] datirt Pragae dedinanie hyeme anni 1620 [also um die 
Zeit der Schlacht am weissen Berge] und 112 paginirte Seiten kl. 
Oktav. — Ich lasse die bezügliche Stelle unverkürzt folgen, p. 8 (der 
Rede): In eadem episiola [1 Gor.] c. 15, [32] oif xaza äv&iQwnop 
idriQio^id/Tfia iv ^Effim. Non propter hominem (xain efiim ibi 
est 6ia, iU saepe apud autores) pugnavi Ephesi cum bestiis, 
inquit Aposiolus. QuaesUtim a nmUiSj ecquae haec pugna ? nu»n tan- 
tue. Apostolus cum bestiis pugnaturus in theatrum prodierU? Minme 
vero, Patdus imiiatus est Heracliium Ephesium, qui epistola prima 
[vielmehr secunda, denn auch in Stephanus* poesis philosophicOj welche 



152 



Scultotus vielleicht benutzte, geht der vierte Brief vorher] ad Jlcrnwdo- 
rinn scrikit: Ephcslormn cives canvcrsos esse in hesfias, quippe qui sc 
armcnt in mutua^s eaedes, qttod ne leones quidem faciant [s. oben S. 
06 Z. 58 "kkorvtq rf' oi/ onkiLorTui -ku^ äkktihm*], Hinc Ephesii diciae 
besiiae: hinc nata Äposiolo phrasis, sc ctan hesHis Ephesi pugnassc. 
Quo eodcm sensu Ignaiins adTarsenses scripsii [p. 319 ed. Peterm.]: 
^j^nh ^VQi'ac ftt/Qi 'Ptofirjc 07j()tof.ia/jTfy ov/ vnb iiXoyiov d-fjQUov ßißQW" 
axofifvftg rUÄ' in^ nvdQ(tmofi6Qff)(ov: A Syria Roraaiti usque cum 
bestiis depugno, non quod a brutis feris ^devorer, sed a 
feris humanam gerentibus form am exagiter. — Neque vero 
hoc solnm Äposlohts ab Heraclito mtduaius. est^ quod hie tisqI r^ 
n)7iQiof.ia/lac sihi Ephesi cantigisse dicit : efiam quae 2 Cor> 7 [2] de 
se praedicai : oviiru rßtxrpafisv^ oviira ifpdiiQafier ipsissima sitnt He- 
racliii Ephesii in eadem episiola verha , idem de se cotifilentis : oi 
(f^delQio, oinc uStxfo oidiva -mv andvirov [s. oben S. 63 Z. 26]. Nee 
dubiio Apostolum , quando tertio ad Philippenses [20] noh'uvfiu 
nostrum reponit in caelo , utroque ocido respexisse ad eiusdem Ile^ 
racliii verha illa nohj€vaofiai ovnc iv av^^noiq^ aXX' iv ^o2^ episiola 
ad Amphidanianteni [s. oben S. 49 Z. 17]. Wie antriftig auch diese 
Beweisführung im Einzelnen sein mag und obgleich das vonScultetus 
angenommene Nachahmungsverhältniss jedenfalls umzukehren wäre, so 
verdienten doch seine Bemerkungen aus ihrer Verschollenheit hervor- 
gezogen zu werden , weil die ihnen zu Grunde liegende allgemeine 
Wahrnehmung einer zwischen den heraklitischen Briefen und biblischen 
Schriften bestehenden Verwandtschaft richtig ist. 



15. Ältkirehliche Speiseverbote. 

(Zu S. 73.) 

Der 55. (63.) apostolische Kanon lautet (Coteler. pair, aposL 
1 p. 450 Amsterd. 1724 = Buusen , A^iälect, Änienicaen. 2, 26): 

« 

n n; inlaxonog ^ nQtcßvttQoq ^ diuxoi'oq ^ okioq xov xuvukiyov xov 
Uqutixov fpoly}] ^Q^^9 iv ai fi an ^'v/fjc avTOV ^ dijQiuMoior Jj 
ihr^otfiuloy, xad-atQslad^iu* zovto yoQ x(d b tvftog an^lney, iäy ii Xiu-* 



153 



xoc ?;, wfOQiCio&ftß, Die durch den Druck liervorgcliobcuen Worte 
siud aus dem Verse der Genesis 9, 4, wie ihn die Sepiuaginta wie- 
dergeben (nkfiv x(>H(c iy cufiun y/v/ti^ oi fpdyeodt)^ entnommen. Da 
nun unter den Speiseverboten der apostolischen Zusammenkunft in 
Jerusalem (Apostelgesch. 15, 29) nur uTfia erwähnt wird, so geht die 
Absicht des Kanons bei dem Zurückgreifen auf den Genesisvers deut- 
lich dahin, ausser dem Genuss des flüssigen 'Blutes^ auch noch den 
des 'Pleisches in seinem Lebensblute', d. h. des Fleisches von dem 
noch lebenden Thiere, zu verbieten. Jn gleicher Weise wird die Be- 
stimmung der apostolischen Zusammenkunft über den verbotenen Ge- 
nuss des 'Erstickten (ttviktov, Apostelgesch. a. a. 0.) ausgedehnt auf 
das 'Verendete (&t7joifi(uovy überhaupt und auf das von 'Raubthieren 
Angefressene {OrjQiuXiüTovy nach Deuteronomium 14, 21 näv ^nfit- 
fKuov ov (puysis und Exodus 22, 30 xgeag dijQtaXioTor oihc sdeadiB. — 
Die talmudischen Hauptstellen über die Noachidengebote hat Seiden 
(de iure Statur. 1 c. 10) durch eine lateinische Uebenietaung auch 
den mit der talmudischen Litteratur nicht Vertrauten zugänglich 
gemacht. 



16. Kritisches und Sprachliches zum achten Brief. 

(Zu 8. 84.) 

In diesem fast fehlerfrei überlieferten Briefe habe ich die meisten 
von Westermann vorgenommenen oder vorgeschlagenen Aenderungen 
unberücksichtigt lassen müssen. Weshalb ich Z. 11 die Ueberliefe- 
rung eXsvdiBQi^ig ahixhvg beibehalten habe, ist S. 88 erörtert. — Die 
untadlige Vulgata Z. 4 e9x>g rwv JIsqoQv nach der keineswegs maass- 
gebenden Pariser Handschrift mit adx^ xb TI€q<kov zu vertauschen 
scheint eben so unnöthig wie die doppelten Accusative Z. 13 avrovg 
ov 7iXovii^ov(Uv ayadu und Z. 35 xovxovg inaidevoav (pvXaxiiy anoQQtj^ 
rwv durch vermuthungsweise Umänderung in die Dative aya^oCg, fpv^ 
Acex^.zu entfernen. — Z. 37 ist zwar no ^aksi^ui vfj i/^v/^ cuanäv 
ein recht geschraubter Ausdruck, aber Rhetoren schreiben eben ge- 
schraubt, und ganz ohne Anstoss ist auch Westennanns Aeuderuug 



154 

To /tiskfjauy schon wegen des Aorists nicht. — Dagegen ist mii* das 
von Westermann geduldete ^uuq Z. 22 unverständlich gebliehen; der 
iii der Uebersetzung dargelegte Zusammenhang schien Ofpug zu erfor- 
dere. — Die Vertauschung des pleonastischen iv^ log Z, 36 mit tr« 
Tiotg lässt man sich wohl leicht gefallen. — Wegen der hei^vorstechen- 
den Metapher nurisg *Efpiaioi hitpvQov Z. 10 schien es gerathen, auch 
das unmittelbar vorhergehende okii It^alu xr^fia lyh'ezo ßaadicog 
nicht als 'Besitz' im Allgemeinen, sondern in der prägnanteren, durch 
die gewöhnlichen Lexika reichlich belegten Bedeutung von ^Grund- 
besitz' zu fassen. 



17. Kritisches und Sprachliches zum uea^ten Brief. 

(Zu S. 96.) 

Mein Verfahren mit Z. 3 f. ist oben S. 96 f. begründet. Im Uebri- 
gen gab der Brief weniger Gelegenheit zur Heilung von Textesschä- 
den als zur Beschützung der vollkommen gesunden oder nur leicht 
Versehrten Ueberlieferung gegen Westermanns manchmal recht gewalt- 
same Aenderungen. Dass es bei richtiger Erfassung des Zusammen- 
hanges eben so unnöthig ist, mit Westormann Z. 6 bI vor 6 fiiy ein- 
zuschieben wie Z. 19 XQT in das Gegentheil ^r /gr und Z. 20 noTXai 
abermals in das Gegentheil ov noXkai zu verwandeln, erhellt wohl 
deutlich genug aus der Uebersetzung. — Wenn femer Westermann 
zu Z. 52 fiavnvenu rb ifiov ^&og folgendes anmerkt: immo cr^&og aut 
7iTX}f), so wird ihm wohl Niemand beistimmen, der von den oben S. 103 f. 
gegebenen Nachweisungen über den hier . nachgeahmton heraklitischen 
Spruch ^^0^ ärd-Qcimo Suifuoy Kenntniss nimmt. — Z. 6 hat Wester- 
mann wiederum das überlieferte xuxog in das Gegentheil uya&og ver- 
wandelt. Ich glaubte auf gelindere Weise zum Ziele zu gelangen, 
indem ich xuxog beibehielt, aber oviiy i^nov aus ovcT f^y gewann und 
das vor umytcuad^ leicht ausfallende xuv einfugte. — Nachdem das 
Z. 35 vor nwg entbehrliche r in die folgende Zeile vor tva hinab- 
gerückt worden, ist kein Anlass mehr vorhanden, Tra nacb Wester- 
m^asj Vorschlag in dam zn ändern. — In den prophezeienden Wor- 



155 



ien Z. 53 ergiebt sich aus dem unbrauchbaren xai der Ueberlie- 
ferung die zu dem Ton der Stelle passende Betheurung vai auf 
diplomatischem Wege einfacher als das von Westennann vorge- 
schlagene on , welches mir auch von Seiten des Sinnes eben so 
wenig deutlich werden wollte , wie das gleich darauf von ihm ge- 
wünschte (b' MV statt cor. — Z. 57 schien der Zusammenhang im-- 
xi]Qa statt inixMQu zu erfordern. — Die von Westermaun geduldete 
Ueberlieferung inda/sis Z. 68 ist mir unverstandlich geblieben ; meine 
Aenderung inam^aTS entspricht dem imidnonsg der folgenden Zeile. 
— Die Fehlerhaftigkeit yon noXsfiiovg Z. 74 ergiebt sich aus Z. 75 
itQog Tovg fiAXoyrug^ xmd eben diese Worte führen auf die leichte 
Besserung nokdfiov^ — Eine mir handschriftlich vorliegende Aus- 
einandersetzung 'des Herrn Professors Gildemeister erweist die bisher 
versuchten Etymologien von Me/dßv^oq als ungenügend. 



18. Adoptivbfirger, Freigelassene und Scliuizburger. 

(Zu S. 98.) 

Hinsichtlich der attischen Rechtsbestimmungen über die Adoptiv- 
bürger genügt die Verweisung auf Theophrastos^ Schrift über Fröm- 
migkeit S. 123 und 190. — Zeugnisse für den Metökenstand des 
attischen Freigelassenen hat Hermann, Staatsalterth. § 114, 15 ff. ge- 
sammelt ; sie werden verstärkt durch den aristotelischen Bericht über 
Kleisthenes' Phylen, dessen überlieferte Fassung Poiit. 3, 2, 1275 b 36 
TtoXküvq srpvXiTsvae [KXsia&ivfjc] %evovg xal Sovkovg fistolxovg ich weder 
der von Bekker in der kleineren Ausgabe befolgten Yermuthung Lam- 
bins iovXovg xvti ftsioixovg noch einem der anderen , von Hermann 
§ 111, 18 erwähnten Aenderungsvorschlägo aufopfern möchte. Viel- 
mehr glaube ich der Auffassung Meiers (de gentUit. Ättica p. 6) bei- 
treten zu müssen, welcher in Sovkm fiiiUKOi eben die Freigelasse- 
, nen erkennt. Der Gattungsbegriff /Äizoucog umfasst nämlich zwei Un- 
terarten; erstlich den %ivag ^^lotxog, den freigeborenen domicilirten 
Fremden, welcher diese vollere Bezeichnung z. B. auch bei Sophokles 
(Oed. Tyr. 452 l^ivog l6y(o fiiroixog, ehu d* iyy^vrjig (pahifiEVM 



156 



V 



Gfjßalog) und Arisiophanes (Ritter 347 h nov dmiiov elnag €v xaz« 
'iirov fisTolxov) erhält, und dann den durch die Freilassung in 
den Metokenstand eintretenden geborenen Sclaven, den iovko^ fiiroi- 
'AoCy für welchen Aristoteles diesen Ausdruck statt äneXav&SQog wählt, 
weil es in dem dortigen Zusammenhang darauf ankommt, die unfreie 
Geburt der Neubürger deutlich hervorzuheben. 



Inhalt 



Seit« 

Die erdichtete Brieflitteratur der spateren Griechen . 1— 4 

Die heraklitischen Briefe 4— 6 

Erster und zweiter Brief 7—17 

Kosmos bei Hetaklii S. 10; Kigog S. 12; Einladung 
nach Persien S. 13; Einladung nach Athen S. 16. 

Dritter Brief 17—21 

Hermodoros'. Verbannung S. 19 ; Hermodoro^' poli- 
tbche Stellung S. 20. 

Viei-ter Brief 22—47 

Abfassungszeit, biblische Zusätze S. 26; Juden und . 
Christen in Ephesos S. 28 ; Zenon gegen Tempel 
S. 30; Persische Tempelzerstörung S. 32; Stoiker 
über die Welt als Tempel Gottes S. 33; Anklage 
gegen Heraklit S. 35 ; Heraklit über Unsterbliche 
und Sterbliche S. 37; Umbildungen des herakliti- 
schen Spruches S. 39; Zweideutige Altarinschrift 
S. 42; Herakles in Ephesos, Heraklessage bei den 
Stoikern S. 45; Heraklit gegen Homer und Hesiod 
S. 46. 

Fünfter und sechster. Brief 47—61 

Entlehnungen aus Herftklit S. 54 ; Heraklits Krankheit 
S. 55; Heraklit gegen die Aerzte S. 57; Hegel, das 
Buch über Diät S. 58 ; Piaton, Aristoteles S. 60. 

Siebenter Brief 61—81 

Nachtfeiem, Gesellschaftsmahle S. 70 ; Oeffentliche 
Spiele, Verwerfung des Krieges S. 71 ; Fleischgenuss 
S. 72 ; Bohessen , Noachidengesetze S. 73 ; Epilog 
S. 74 ; Marktleben S. 76 ; Heraklits Trauer S. 77 ; 
Aristoteles S. 80. 



> 



158 

SeUe 

Achter Brief 81—90 

Hcrmodoros* ephesische Gesetzgebung S. 84 ; Hermo- 
doros und die zwölf Tafeln S. 85; Sibyllenorakel 
S. 86; Nachahmungen S. 87. 

Neunter Brief 90-110 

Verschiedenheit der griechischen und römischen Frei- 
gelassenen S. 98; Stoische Ethik S. 100; Entleh- 
nungen aus Ileraklit S. 1 03 ; Megabyzos S. 1 06. 

Entstellung und Bedeutung der heraklitischen Briefe 110—114 
Anmerkungen 115—156 

Gewinnsüchtige Fälschungen; Synesios ; Alcyonius S. 115. — 
Kritisches und Sprachliches zu dem ersten und zweiten Brief 
S. 117. — Simplicius; Alexander; L'assalle S. 121. — xoQog, 
/Qfjafioavrfj; Sprichwörter bei Ileraklit S. 124. — Kritisches und 
Sprachliches zum dritten Brief S. 127. — Heraklits Worte über 
Hermodoros' Verbannung S. 129. — Kritisches und Sprachliches 
zum vierten Brief S. 131. — Heraklits Worte über die Mysterien 
und den Dionysoscult S. 133. — Die Gottgleichheit des stoischen 
Weisen S. 135. — Herakles in Ephesos S. 137. — Heraklits 
Worte über Hesiodos und die Aerzte S. 138. — Kritisches und 
Sprachliches zum fünften und sechsten Brief S. 142. — Ilera- 
klitisches in den hippokratischen Schrillen S. 145. — Kriti- 
sches und Sprachliches zum siebenten Brief*; Abraham Scultetus 
S. 147. — Altkirchliche Speiseyerbote S. 152. — Kritisches 
und Sprachliches zum achten Brief S. 153. — Kritisches und 
Sprachliches zum neunten Brief S. 154. — Adoptivbürger, Frei- ^ 
gelassene und Schutzbürger S. 155. 



159 



Alcyonius S. 117. 

avtQtaail S. 135. 

anayj^ea&at S. 181. 

Aristides S. 87. 

Anatotele« S. 60, 79 f. 126. U7, 156. 

Arnobius S. 73. 

Beutley S. 89. 

BoiRBonade S. 97. 

Casaubonus S. 149. 

XuiQitv S. 118. 

Chalkondylas S. 117. 

Cicero S. 32.' 

Clemens S. 14, 40, 87, 184. 

David S. 115. 

Ji€tj(vaig S. 150. 

Dio Cassius S. 137. 

Dion ChrysostomoB S. 98, 107, 115. 

^ovXog fify(MXog S. 156. 

Ephcsos , lleligionsverhältnisBe da- 
selbst S. 28, 138. 

Epiktet S. 16. 

Ktymologikon S. 137. 

Kusebios S. 134. 

t$ii S. 55. 

Firmicus S. 73. 

yvtofiii S. 54, 

Gronovius, Jacob S. 131. 

Heftel S. 58. 

Ileraklit, Fragmente S. 10, 19, 37, 
47, 103-105, 134, 189. 

HermodoroB S. 84 ff. 

Hesiodos S. 47. 

Ilippokrates S. 58, 59, 76, 118, 145. 

HippolytOB S. 3, 124, 139. 



l^ioaxl S. 135. 
IsidoruB S. 88. 
JustinuB S. 35. 
xaraßdUea&at S. 120. 
^ijyM S. 135. 
LipsiuB S. 136. 
Lncianns S. 39, 78. 
Mariccus S. 41. 
Menander S. 3, 89. 
Müller, C. 0. S. 138. 
(üuofftayln S. 72. 
7ienrii>ioiLiivog S. 132, 
PerizoniuB S. 131. 
Philon S. 125. 
PhiloBtratos S. 136. 
Plotinos S. 126. 
PlutarchoB S. 33, 118. 
Politianus S. 108. 

\lfllOfJLtT(i(u S. 116. 

Quintilianus S. 108. 
(5«> S. 144. 
Scultetus S. 151. 
Seiden S. 73, 153. 
Sibyllenorakcl S. 86. 
SimpliciuB S. 122. 
Strabo S. 88, 107. 
Synesios S. 3, 116. 
Teles S. 99. 
TerentiuB S. 70, 89. 
Theognis S. 141. 
Theon S. 43. 
TVfAnaviCttv S. 69, 149. 
Zenon S. 30. 



S. SB Z. IS y. 0. lies: tMcMt 1, 10, 4. ft. 
S. 41 Z. 16 y. 0. •Ireleh« 'Fhil. d. Or.' 



2044 052 826 930 



DATE DUE 


















































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Brief